Hermines Tasche

Widerwillig packte sie den Rucksack. Er war von Natur aus nicht gerade klein, stieß aber unüberschaubar an seine Kapazitätsgrenzen. So, jetzt noch ein Ersatz-T-Shirt für Leon und die Sandschaufel für Lili, zwei Flaschen Saftschorle, Pflaster (am besten gleich die komplette Packung), das Handy, den Schnuller, eine Windel. Es war diese Unmenge an kleinen Sachen, manche nicht der Rede wert, aber wenn sie alle im Rucksack versammelt waren, platzte er aus allen Nähten. Und diesen Aufwand betrieb sie nur, um für lächerliche zwei Stunden mit den Kindern in den Stadtpark zu gehen. Uff. Schnell zog sie noch die Sandalenschnalle ihrer vierjährigen Tochter fest und nahm Leon das Kuscheltier aus der Hand, das, wie er lauthals verkündete, heute unbedingt mit zum Spielplatz wollte. Mit zwei jetzt schon quengelnden Kleinkindern an der Hand und dem vollen Rucksack auf dem Rücken machte sie sich auf Richtung Stadtpark.

Irgendwie kam sie sich vor wie ein Packesel. Wenn nur nicht immer dieser dicke Rucksack dabei sein müsste, dachte sie. Einmal hatte sie für sich beschlossen, es mit dem halben Gepäck zu versuchen und eine modische kleine Citytasche gekauft. Schön hatte sie ja ausgesehen, modern und leicht. Doch unmittelbar nach dem empörten Geheul von Leon auf dem Spielplatz (als er feststellen musste, dass sein kleiner Sandbagger zu Hause in der Wohnung war) und dem bitterbösen Blick von Lili  (Mama hatte nämlich beschlossen, ihr Hüpfseil zu Hause zu lassen), kehrte sie reumütig zu ihrem alten, klobigen, aber doch viel geräumigeren Rucksack zurück.

Jetzt jedoch war endlich Besserung in Sicht. Nein, keine Besserung so wie sie ihre Schwiegermutter immer prophezeite: „Wenn die Kinder älter werden, wird alles leichter.“ Sie glaubte ihr im Übrigen kein Wort. Es würde nicht leichter werden, die zu schleppenden Sachen würden vielmehr sperriger und gewichtiger werden. Vielleicht würde sie dann zusätzlich noch einen Roller und einen schnuckeligen Trettraktor schultern müssen. Ihr graute vor solch einer Zukunft. Und in dieser Depressionsphase hatte ihr Mann sie vorgestern mit seinem Wunsch nach einem dritten Kind konfrontiert. Sie wollte ihn nicht erschrecken und darüber klagen, wie ausgelastet oder besser gesagt überlastet sie jetzt schon war mit gerade einmal zwei Sprösslingen. Deshalb reagierte sie betont zurückhaltend auf seine Worte. Aber wie bereits gesagt, jetzt war ja endlich Besserung in Sicht und zwar in Form einer niedlichen und handlichen Tasche.

Sie erinnern sich bestimmt noch an Harry Potter, Heiligtümer des Todes. Hermine Granger hatte in diesem Kinofilm während der Flucht immer eine Tasche dabei. Hermines Täschchen sieht aus, als könnte es maximal einen Lippenstift und eine kleine Bürste fassen, doch dank eines genialen Ausdehnungszaubers enthält die Tasche nicht nur die Rucksäcke von Harry und Ron, einen Tarnumhang, Kleidung für alle drei Freunde, ihre Schlafsäcke und die komplette Zeltausrüstung sondern sogar ganze Bücherregale. Und eben diese Wundertasche gab es jetzt zu kaufen! Gestern hatte sie im Fernsehen den Werbespot dafür gesehen und sofort den Entschluss gefasst, dass sie dieses Accessoire also „Hermines Tasche“ einfach haben musste, und dass davon ihr Seelenheil abhing.

Ein kostspieliges Unterfangen, eine Investition, die die Haushaltskasse nicht so einfach hergab. Ihr Mann, sonst eigentlich ein großzügiger Mensch, war gelinde gesagt entsetzt, als sie ihm den mehr als hohen Preis verriet.

Mit einem einfachen „Bitte“ kam sie in dieser Angelegenheit nicht weiter; Nein, das können wir uns unmöglich leisten, war die bestimmte Antwort. Sie versuchte es mit dem Versprechen, für die nächsten fünf Jahre auf Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke zu verzichten, sollte sie „Hermines Tasche“ bekommen. Stures Kopfschütteln. Sie erhöhte auf zehn Jahre. Abgelehnt. Es gab kein Durchkommen. Erst als sie versprach, seinen Wunschtraum von einem dritten Kind nochmals wohlwollend zu überdenken, gab er nach. Noch war nicht klar, woher der wirklich hohe Geldbetrag genommen werden sollte, aber juchhu, sie bekam „die“ Tasche, schicke zehn Zentimeter breit und achtzehn Zentimeter hoch. Und darin würde sie ihren ganzen Haushalt unterbringen. Und vielleicht sogar noch das eine oder andere Kind inklusive Roller.

Dann war es endlich so weit. Am Morgen ihres Geburtstags fand sie neben dem Frühstücksteller das heißersehnte Geschenk. Natürlich waren aber zuerst die Päckchen, die sie von den Kindern bekommen hatte, an der Reihe, mit gebührender Freude und Jubel begutachtet zu werden. Hernach wurde rasch gefrühstückt, und anschließend nahm ihr Mann Leon und Lilli mit, um sie auf seinem Weg zur Arbeit im Kindergarten abzugeben. Als sie im Anschluss allein in der Wohnung war, packte sie ihr Geschenk in aller Ruhe aus. Da lag sie vor ihr, die magische Tasche. Ihr Leben würde jetzt ein anderes werden. Sie lockerte die Schnur, die die Tasche oben zusammenhielt, bestaunte sie und fing an, probehalber Sachen darin zu verstauen.

Zwei Paar Kinderschuhe, Lillis Inliners, ein Stapel Handtücher, die Schwimmflügel, der Globus: Die Tasche war brechend voll.

Nächster Versuch: Zehn Flaschen Mineralwasser, Leons Dreirad, die Boxhandschuhe ihres Mannes, der Fahrradkorb: Nichts ging mehr. Das war doch nicht möglich!

Letzter Versuch: die Schlagbohrmaschine, der Staubsauger, ein großer Stapel frisch gebügelter Wäsche, den Toaster: mit Mühe und Not konnte sie die Kordel noch zuziehen.

Also, wie war das nochmals im Film gewesen? Da enthielt Hermines Tasche dank des Ausdehnungszaubers diverse vollgepackte Rucksäcke, den Tarnumhang, Kleidung für alle (und für jegliche Witterung), ihre Schlafsäcke, ihre Zeltausrüstung (und mein Gott, was für ein Riesenzelt das war) und Bücher (ach was, ganze Bücherregale).

Verbittert betrachtet sie ihre Tasche. Mit Mühe und Not würde sie darin gerade mal zwei Kinder unterbringen, wenn überhaupt. Und bald, sehr bald würde sie ja noch ein drittes haben. Sie empfand nur noch gedämpfte Freude. Ja, zugegeben, in der schicken und farbenprächtigen Hermine-Tasche konnte man schon eine Menge Sachen unterbringen, kein Vergleich zu ihrem bisherigen überdimensionalen Rucksack. Aber ganz so, wie sie es sich vorgestellt hatte, war sie nicht. Eben nicht so wie das Original.

Als abends ihr Mann von der Arbeit nach Hause kam, fand er sie etwas verschnupft vor. Sie wollte die Tasche reklamieren, da sie ja einen offenen Mangel hätte. Sie fände sie ja ganz toll, aber leider würde nur höchstens die Hälfte von dem reinpassen, was reinpassen müsste. Und wenn man schon so viel Geld ausgäbe, hätte man auch das Recht Ersatz zu verlangen, wenn das gelieferte Gut nicht den Versprechungen entsprechen würde. So ging das den ganzen Abend. Ihr Mann schaltete aber auf Durchzug und war gereizt angesichts ihrer Unzufriedenheit und ihren Forderungen. Er blieb aber seltsamerweise unnachgiebig (was sonst gar nicht seine Art war), er meinte sogar, sie solle doch einfach zufrieden sein, die kleine Tasche würde doch schließlich enorm viele Sachen fassen. Als sie ihn bat, ihr die Rechnung für die Tasche zu geben, damit sie selber die Reklamation geltend machen könnte, wenn er es schon nicht machen würde, wurde er plötzlich ganz dünnhäutig und still. Unnachgiebig bohrte sie immer an derselben Stelle, bis er schließlich einlenkte.

Seufzend nahm er sie in den Arm, blies ihr vorsichtig die Stirnfransen aus den Augen, machte ein etwas betretenes Gesicht, und gestand ihr, dass er beim besten Willen das viele Geld für die Original-Hermine-Tasche nicht hatte aufbringen können und deshalb, und sie dürfte ihm aber auf keinen Fall böse sein, denn er hätte nichts unversucht gelassen und sogar überlegt, ob er seine Eltern deswegen anpumpen sollte, also deshalb wäre er, warum sei das übrigens alles so schwierig auszusprechen, ihm würde jetzt schon ganz heiß sein und würde sie das nicht auch hören, hatte da nicht gerade Leon geweint, nicht, also, um beim Thema zu bleiben, also da wäre er nach Tschechien gefahren und hatte dort auf dem Vietnamesenmarkt eine Kopie von Hermines Tasche gekauft, ja doch, die Tasche sei gefaked, aber eines sollte sie schon wissen, also billig sei die Tasche trotzdem nicht gewesen und die Vietnamesen wüssten inzwischen wohl auch, wie Geld zu verdienen sei, und ob sie ihm nochmals verzeihen würde, er würde ja finden, dass trotzdem eine ganze Menge in die klitzekleine Tasche reinpassen würde, vielleicht nicht der ganze Hausstand, aber der halbe schon und ob sie ihm jetzt böse sei und ob sie jetzt wohl kein Geschwisterchen für Lili und Leon bekommen würden, und seine Stimme war bei seinem Geständnis ganz leise und rau geworden und ihr wurde wieder einmal bewusst, wie sehr sie ihn liebte, aber das durfte sie ihm jetzt unter gar keinen Umständen sagen, er sollte ruhig etwas zappeln und sich um sie bemühen müssen.

Schließlich befreite sie sich doch schniefend aus seiner Umarmung mit der Bemerkung, dass sie nicht böse auf ihn sei und dass sie auch kein großes Loch auf dem Konto nur wegen dieser Tasche haben wolle. Und dann fügte sie hinzu, dass sie jetzt ins Bett ginge und dass sie sich das mit dem Geschwisterchen nochmals überlegen würde. Sie merkte, dass ihm ein ganz großer Stein vom Herzen fiel, und als sie sich umdrehte und in Richtung Schlafzimmer ging, meinte er, dass es bei so großen Entscheidungsfragen wie Geschwisterchen wohl besser sei, wenn sich mindestens zwei Personen darüber Gedanken machen würden und ob er ihr nicht helfen dürfte beim Überlegen.

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