Erich blieb vor der Schultür stehen, als hätte der Türgriff eine Temperatur, die man erst prüfen muss. Drinnen war Lärm, draußen lag Anspannung in der Luft. Er zog die Jacke noch einmal zurecht und dachte, dass man mit vierundsiebzig längst wissen sollte, was einem bevorsteht. Trotzdem meldete sich Nervosität, hartnäckig und wach.
Im Flur der Schule stieß ihn die Geräuschkulisse fast zurück. Kinderstimmen, Schritte, ein Rucksack, der irgendwo gegen eine Bank schlug. Frau Krüger saß hinter dem Tresen, stempelte Papiere und sah genau einmal hoch.
„Herr Schuster?“ fragte sie, obwohl sie es längst wusste.
Erich nickte. Er hielt seine Mütze in den Händen, als wolle er sich an ihr festhalten.
„Zimmer 3“, sagte Frau Krüger und deutete mit dem Stift. Mehr nicht. Kein Willkommen, kein Vortrag. Eine Richtung, die seinen Schritt entschiedener werden ließ.
Erich ging den Flur entlang. Jede Tür hatte ein anderes Geräusch dahinter: Lachen, Singen, ein Chor aus „Ich war’s nicht!“. Vor Zimmer 3 atmete er ein, hob die Hand, ließ sie wieder sinken. Dann drückte er die Klinke.
Sieben Kinder saßen am runden Tisch. Sie drehten gleichzeitig die Köpfe, als hätte jemand ein Signal gegeben. Ein Junge mit zerzaustem Haar musterte ihn offen.
„Bist du ein Opa?“ fragte er neugierig.
Erich spürte den Impuls, eine Erklärung zu liefern. Stattdessen hörte er sich sagen: „Ich heiße Erich.“
Ein Mädchen mit Zöpfen grinste. „Opa Erich“, rief sie, laut und sicher.
Und in diesem Moment wurde ein Fremder zu „unserem Opa Erich“. Ein Opa, auf den man sich freute.
Er setzte sich auf einen der kleinen Stühle. Seine Knie protestierten, doch Erich ließ sich nichts anmerken. Er legte das Märchenbuch auf den Tisch. Annas Buch. Der Geruch der Seiten rührte an etwas Vertrautem.
„Ich lese euch was vor“, sagte er.
Er schlug auf, fand die Stelle, an der er zu Hause geübt hatte, und begann.
Zuerst kam seine Stimme vorsichtig. Dann las er, und die Sätze kamen wie von selbst. Nach zwei Absätzen war es still am Tisch. Leon beugte sich so weit vor, dass sein Stuhl leise knarrte. Mila, die bei jedem Fehler die Stirn runzelte, schaute nicht mehr streng, sondern gespannt.
Erich las weiter. Als er an die Stelle kam, an der der Held die Tür zur verbotenen Kammer öffnete, hielt Erich inne.
„Und dann…?“ flüsterte jemand.
Erich sah auf. Sechs Paar Augen, groß und wach, hingen an ihm. Er ließ die Pause noch einen Atemzug länger stehen.
„Dann“, sagte er, „kam das Schwierige.“
Und er las weiter. Die Kinder rückten näher, und keiner wagte zu husten.
Ein kleiner Schritt, der viel verändert
Vielleicht liegt das Tröstliche an Erichs Geschichte darin, dass Neuanfänge kein großes Ereignis brauchen. Oft reicht ein kleiner Schritt: ein Anruf, eine Tür, ein Termin im Kalender. Wer lange allein war, muss nichts „aufholen“ und niemandem etwas beweisen. Erich zeigt: Lebenserfahrung wird gebraucht – und sie findet ihren Platz gerne genau dann, wenn man ihn selbst kaum noch erwartet.
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