Der kleine Fang

Seit dem frühen Morgen saß der Fischer am Ufer. Viel war noch nicht passiert. Zweimal hatte er geglaubt, etwas an der Angel zu haben, einmal hing nur Wassergras am Haken.

„Das kann ja heiter werden“, murmelte er.

Er warf die Schnur wieder aus und wartete. Das Schilf bewegte sich kaum. Irgendwo weiter hinten platschte etwas ins Wasser, dann war es wieder still.

Nach einer Weile ruckte die Angel.

Der Fischer richtete sich auf und zog die Schnur ein. Schwer war der Fang nicht. Bald hing ein kleiner Fisch vor ihm, kaum länger als seine Hand.

„Na, du bist ja wirklich noch nicht viel.“

Er nahm ihn vorsichtig vom Haken. Der Fisch zappelte heftig und schlug mit dem Schwanz gegen seine Finger.

„Lass mich wieder ins Wasser“, bettelte er. „Ich bin doch noch viel zu klein. Wenn du mich heute freilässt, bin ich beim nächsten Mal vielleicht doppelt so groß.“

Der Fischer sah ihn an.

„Und wer sagt mir, dass du mir dann noch einmal an die Angel gehst?“

Der Fisch wusste darauf keine Antwort.

„Eben“, sagte der Fischer. „Was man hat, das hat man.“

Er griff nach seinem Korb.

Doch dann hielt er inne. Der Fisch hatte aufgehört zu zappeln. Nur die Kiemen gingen schnell. In der Hand des Fischers wirkte er plötzlich noch kleiner als eben.

„So viel ist an dir wirklich nicht dran“, sagte der Fischer mehr zu sich selbst.

Er hockte sich ans Wasser und hielt die Hand hinein.

Der Fisch rührte sich erst nicht.

„Na los“, sagte der Fischer. „Weg mit dir.“

Da schoss er davon. Einen kurzen Moment sah der Fischer noch den hellen Rücken zwischen den Halmen, dann war der Fisch verschwunden.

Der Fischer setzte sich wieder hin und nahm die Angel.

Später kam ein anderer Fischer am Ufer vorbei. Er blieb stehen und sah in den Korb.

„Noch nichts?“

„Doch. Einen kleinen.“

„Wo ist er denn?“

„Wieder im Wasser.“

Der andere verzog das Gesicht. „Dafür hätte ich ihn nicht zurückgesetzt.“

Der Fischer hob die Schultern.

„Er war noch so klein. Soll er erst einmal wachsen.“

Warum Äsops Fabel heute auch anders enden kann

Moderne Fabel: Der kleine Fang

Heute lässt sich die alte Fabel noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. In großen Fischernetzen landet auch Beifang – darunter junge Fische, die noch nicht ausgewachsen sind. Werden zu viele von ihnen gefangen, bevor sie sich fortpflanzen können, kann das den Fischbeständen schaden.

So bekommt die Entscheidung des Fischers in „Der kleine Fang“ eine aktuelle Bedeutung. Er nimmt nicht jeden Fisch mit, nur weil er ihn gefangen hat. Der Kleine darf weiterwachsen – und später selbst dafür sorgen, dass es auch in Zukunft noch Fische gibt.

Die Fabel "Der kleine Fang" als PDF ausdrucken

„Der kleine Fang“ steht Ihnen auch als PDF zur Verfügung. So können Sie die Fabel ganz unkompliziert ausdrucken, zum Vorlesen verwenden oder für später abheften. Ideal für zu Hause, Schule, Betreuung oder eine kleine Lesepause zwischendurch.

Der kleine Fang

Der Fischer und der kleine Fisch – die Fabel von Äsop

Die Fabel „Der Fischer und der kleine Fisch“ wird Äsop zugeschrieben. In der ursprünglichen Geschichte fällt die Entscheidung des Fischers allerdings anders aus als in „Der kleine Fang“.

Ein Fischer fängt einen sehr kleinen Fisch. Der bittet ihn, ihn wieder ins Wasser zu werfen. Noch sei kaum etwas an ihm dran. Wenn der Fischer ihn später noch einmal fange, sei er groß und eine viel bessere Mahlzeit.

Doch der Fischer lässt sich darauf nicht ein. Warum sollte er einen Fisch freilassen, den er bereits sicher in der Hand hält, nur weil er vielleicht irgendwann einen größeren fangen könnte? Er behält seinen kleinen Fang.

Die Lehre der Fabel: Etwas Kleines, das man sicher hat, kann mehr wert sein als die Aussicht auf etwas Größeres, von dem man nicht weiß, ob man es je bekommen wird.

„Der kleine Fang“ auf Pinterest

Zu der modernen Fabel „Der kleine Fang“ gibt es drei unterschiedliche Pinterest-Bilder. Suchen Sie sich einfach Ihr Lieblingsmotiv aus und merken oder teilen Sie es auf Pinterest. So finden Sie die Geschichte später schnell wieder – und vielleicht entdeckt auf diesem Weg auch jemand anderes die Fabel und hat Freude daran.

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