Das treibende Etwas

An einem breiten Fluss lebten ein Biber, eine Ente und ein Frosch. Sie kannten das Wasser gut, jeder auf seine Art.

Eines Morgens entdeckte die Ente etwas Dunkles weit draußen auf dem Fluss.

„Da treibt was.“

Der Biber hob den Kopf. Der Frosch kletterte auf einen Stein. Viel war noch nicht zu erkennen. Nur ein dunkler Fleck, der langsam näherkam.

Der Biber war sich trotzdem ziemlich schnell sicher. Das musste Holz sein. Vielleicht war weiter oben ein Stück von einem Damm losgerissen worden. Er überlegte schon, ob er davon etwas gebrauchen konnte.

Die Ente hielt das für Unsinn. Für sie sah es eher nach einem Nest aus, das die Strömung mitgenommen hatte. Sie schwamm ein Stück hinaus, kehrte dann aber wieder um.

Der Frosch sagte zunächst gar nichts. Er saß auf seinem Stein und starrte auf das dunkle Etwas.

„Ein Blatt“, meinte er schließlich.

Die Ente sah ihn an.

„So ein großes?“

Warum nicht? Vielleicht wuchsen weiter oben Pflanzen mit riesigen Blättern. Der Frosch stellte sich schon vor, wie bequem man darauf sitzen könnte.

Eine Weile beobachteten die drei, wie das Etwas nähertrieb.

Dann wurde der Biber still. Für ein Stück Damm lagen die Äste doch ziemlich wirr durcheinander.

Auch die Ente wurde unsicher. Ein Nest konnte sie inzwischen nicht mehr erkennen.

Nur der Frosch hielt noch an seinem Blatt fest, bis ein dünner Zweig aus dem Wasser ragte.

„Na gut“, murmelte er. „Blätter haben normalerweise keine Äste.“

Kurz darauf blieb das Etwas zwischen zwei Steinen am Ufer hängen.

Natürlich gingen alle drei hin.

Vor ihnen lag ein Haufen aus Ästen, Rinde, Schilf und alten Holzstücken. Der Fluss hatte unterwegs alles Mögliche eingesammelt und zusammengetrieben.

Der Biber zog einen brauchbaren Zweig heraus.

„Wenigstens damit hatte ich ein bisschen recht.“

Die Ente schob mit dem Schnabel ein paar Halme auseinander. Von einem Nest war nichts zu sehen.

Der Frosch sprang auf eines der Holzstücke und setzte sich darauf.

„Bequem ist es trotzdem.“

Da mussten die anderen lachen.

Später waren sie mit ihren Vermutungen vorsichtiger, wenn wieder etwas Merkwürdiges auf dem Fluss auftauchte. An diesem Morgen hatte schließlich jeder von ihnen zuerst das gesehen, was ihm selbst am vertrautesten war.

Warum sehen wir manchmal etwas anderes?

Moderne Fabel: Das treibende Etwas

Unser Gehirn versucht ständig, Dinge schnell zu erkennen. Dabei vergleicht es das, was wir sehen, mit Sachen, die wir schon kennen. Deshalb kann ein Schatten wie ein Tier aussehen, eine Wolke wie ein Gesicht – oder ein Haufen Treibholz wie etwas ganz anderes.

Genau das passiert auch Biber, Ente und Frosch. Jeder kennt andere Dinge besonders gut und entdeckt deshalb zuerst etwas Vertrautes. Wer sich nicht sicher ist, kann näher hinschauen, die Sache aus einer anderen Richtung betrachten oder erst einmal abwarten. Manchmal sieht etwas beim zweiten Blick nämlich ganz anders aus.

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Treibendes Etwas

Das treibende Etwas auf Pinterest

Biber, Ente und Frosch schauen auf denselben dunklen Fleck im Wasser – und trotzdem sieht jeder etwas anderes. Genau das macht diese kleine Fabel so charmant: Erst mit der Zeit zeigt sich, was da wirklich den Fluss herunterkommt. Für Pinterest gibt es mehrere Bildmotive zur Geschichte, die Sie gern speichern und weitergeben können.

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