Die Spinne hatte ihr Netz zwischen einem Johannisbeerstrauch und dem niedrigen Ast eines Apfelbaums gebaut. Der Platz gefiel ihr. Morgens blieb der Tau lange in den Fäden hängen, später kamen Fliegen vorbei, und gegen Mittag wurde es angenehm warm.
Seit ein paar Tagen allerdings machte ihr eine Schwalbe das Leben schwer.
Die Schwalbe kümmerte sich kein bisschen um das Netz. Sie flog über den Garten, drehte am Schuppen eine enge Kurve und schnappte sich, was gerade in der Luft unterwegs war. Zweimal erwischte sie eine Fliege direkt vor der Spinne.
Beim dritten Mal lief die Spinne ein Stück über ihren Faden und blieb stehen.
„Die hätte ich auch genommen.“
Die Schwalbe war längst hinter dem Haus verschwunden.
Von nun an achtete die Spinne auf sie. Je länger sie hinsah, desto mehr ärgerte sie sich. Die Schwalbe war schnell, aber sie flog fast immer dieselbe Strecke. Über die Hecke, am Apfelbaum vorbei, dann hinüber zum Dach.
Die Spinne hatte eine Idee.
Am Nachmittag begann sie, ihr Netz zu vergrößern. Erst ein Stück nach links, dann weiter nach oben. Sie zog zusätzliche Fäden ein, verstärkte die Mitte und lief alles noch einmal ab. Ein Faden klebte ihr dabei am Hinterbein fest. Sie zerrte daran, verlor kurz das Gleichgewicht und arbeitete weiter.
Am Abend war das Netz so groß, dass selbst die Spinne kurz innehielt.
Am nächsten Morgen saß sie früh an ihrem Platz.
Die Schwalbe kam tatsächlich. Sie flog über die Hecke und auf den Apfelbaum zu. Die Spinne duckte sich tiefer in ihr Netz.
Die Schwalbe zog nicht einmal den Kopf ein.
Mit einem trockenen Reißen ging sie mitten hindurch. Das Netz zerfiel in einem Augenblick. Ein Teil blieb am Ast hängen, ein anderer wickelte sich um ein Blatt. Die Spinne selbst hing plötzlich weit unter ihrem alten Platz und schaukelte an einem einzelnen Faden.
Es dauerte eine Weile, bis sie wieder oben war.
Sie setzte sich auf den Ast und sah sich das Durcheinander an. Dann fing sie an, die brauchbaren Fäden zusammenzuziehen.
Gegen Mittag hing wieder ein Netz zwischen den Zweigen. Kleiner als vorher und nicht ganz so ordentlich.
Kurz darauf verfing sich eine Fliege darin.
Die Spinne war sofort unterwegs.
„Die Spinne und die Schwalbe“ ist eine Fabel von Jean de La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert. Die hier veröffentlichte Fassung ist neu erzählt, sprachlich modernisiert und frei ausgestaltet. Die Grundidee der ursprünglichen Fabel blieb dabei erhalten.
Spinnen und ihre Netze
Nicht alle Spinnen bauen Fangnetze, aber viele Arten nutzen Spinnfäden auf ganz unterschiedliche Weise. Manche weben kunstvolle Radnetze, andere bauen kleine Trichternetze oder legen einzelne Fäden aus. Die Fäden entstehen in den Spinnwarzen am Hinterleib und können erstaunlich reißfest sein.
Ein Spinnennetz ist außerdem kein Bauwerk für die Ewigkeit. Wind, Regen, größere Tiere oder auch ein vorbeifliegender Vogel können es beschädigen. Viele Spinnen bessern ihr Netz deshalb regelmäßig aus oder bauen Teile davon neu.
Und noch etwas: Eine Spinne bleibt nicht einfach irgendwo im Netz sitzen. Über die Schwingungen der Fäden kann sie bemerken, wenn sich Beute verfangen hat. Dann ist sie meist erstaunlich schnell zur Stelle.
Zum Ausdrucken: Die Spinne und die Schwalbe
Die Spinne schmiedet einen Plan, die Schwalbe fliegt einfach weiter – und am Ende kommt alles anders als gedacht. Die neu erzählte Fabel können Sie hier als PDF herunterladen, ausdrucken und später noch einmal lesen oder vorlesen.
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