Der kleine Spalt im Zaun

Zwischen Martha Sommers Garten und dem von Lene Kruse stand ein grüner Holzzaun. Früher war er einmal dunkler gewesen, inzwischen hatte der Regen ihm ordentlich zugesetzt. Unten, neben dem Johannisbeerstrauch, stand eine Latte ein wenig schief.

Für Minka reichte das.

Die getigerte Katze der Beckers aus der Nebenstraße kannte diese Stelle gut. Sie schlüpfte hindurch, als hätte man die Lücke eigens für sie gelassen. Mal fand Martha sie unter ihrer Bank, mal saß sie bei Lene zwischen den Kräutertöpfen. Minka mochte Gärten, in denen etwas herumstand. Körbe, Schuhe, Tücher – sie nahm gern persönlich in Augenschein, was andere Leute achtlos liegen ließen.

Früher hatten Martha und Lene über ihre Besuche gelacht.

Überhaupt war der Zaun lange eher eine praktische Ablage zwischen zwei Gärten gewesen als eine Grenze. Mal wanderte ein Bund Petersilie über den Zaun, mal eine Schale Erdbeeren. Martha schenkte Lene Wolle, Lene brachte Kuchen. Manchmal trafen sie sich morgens am Zaun und standen mittags immer noch dort, obwohl beide zwischendurch mehrmals festgestellt hatten, dass sie nun wirklich etwas tun müssten.

Seit drei Wochen war es auffallend still geworden.

Schuld daran war ein Stoffbeutel voller Wäscheklammern.

Lene hatte ihn nach dem Aufhängen der Wäsche am Zaun angelehnt stehen lassen. Abends war er verschwunden. Sie suchte bei der Leine, unter dem Wäschekorb und hinter der Kellertreppe.

Am nächsten Morgen entdeckte sie ihn in Marthas Garten – auf der Bank, direkt neben dem Strickkorb. Ein paar Wäscheklammern waren herausgerutscht und lagen verstreut auf dem Polster.

Lene hatte eine Weile hingesehen und dann über den Zaun gefragt, ob Martha wisse, wie der Beutel dorthin gekommen sei.

Die Frage war ihr nicht besonders gut gelungen. Schon beim Aussprechen merkte Lene, dass ihr Ton zu scharf geraten war.

Martha entging der scharfe Unterton nicht. Sie fühlte sich sofort angegriffen und war beleidigt. Lene wiederum ärgerte sich darüber, dass Martha gleich eingeschnappt war. Danach war die Sache nicht aus der Welt, obwohl beide so taten, als wäre sie es.

Der Beutel wanderte zurück. Danach gab es noch ein Guten Morgen, gelegentlich ein paar Worte über das Wetter. Die Erdbeeren blieben auf ihrer jeweiligen Seite des Zauns.

Minka störte das nicht.

An einem warmen Mittwochnachmittag saß Martha auf ihrer Bank und nähte einen Knopf an ihre Gartenjacke. Lene war drüben mit den verblühten Tulpen beschäftigt. Beide wussten sehr genau, dass die andere im Garten war, und beide hatten gerade ungemein Wichtiges zu tun.

Da kam Minka unter dem Flieder hervor. Im Maul trug sie einen roten Gartenhandschuh.

Martha erkannte ihn sofort. Sie hatte ihn seit dem Vortag gesucht.

Minka trug ihn geradewegs zum Zaun, drückte sich durch die schiefe Stelle und verschwand auf Lenes Seite. Wenig später lag der Handschuh unter deren Gartenbank.

Lene hob ihn auf und hielt ihn über den Zaun.

„Der dürfte dir gehören.“

Martha nahm ihn entgegen.

Beide sahen hinter Minka her. Die Katze saß inzwischen im Gras und beobachtete eine Fliege, als hätte sie mit dem Handschuh nicht das Geringste zu schaffen.

Martha dachte an den Klammerbeutel.

Lene vermutlich auch.

Sie sagten nichts.

Vielleicht wäre es dabei geblieben, wenn Minka nicht eine Viertelstunde später wieder aufgetaucht wäre.

Diesmal hatte sie Lenes blaues Halstuch erwischt. Es schleifte hinter ihr über die Pflastersteine und blieb an einer Fuge hängen. Minka zog. Das Tuch hielt. Minka zog stärker. Schließlich gab die Ecke nach, und Katze samt Beute verschwanden unter dem Zaun.

Martha hatte ihre Näharbeit längst sinken lassen.

Minka sprang auf ihre Bank und legte das Halstuch ab.

Neben den Strickkorb.

Lene stand drüben mit der Gartenschere in der Hand. Sie sah auf das Halstuch neben dem Strickkorb und zog langsam die Augenbrauen hoch. Dann sah sie Martha an.

Martha brauchte nicht zu fragen, warum. Genau dort hatte drei Wochen zuvor der Klammerbeutel gelegen. Sie öffnete das Gartentor für Lene, die gleich zu ihr herüberkam.

Ihre Entschuldigung fiel etwas holprig aus, aber Martha wusste, was sie meinte. Martha gab dafür zu, dass sie auch nicht gerade freundlich reagiert hatte. Danach war das Thema erstaunlich schnell erledigt.

Martha kochte Kaffee, und Lene kam kurz darauf mit Apfelkuchen zurück. Bald saßen sie wieder zusammen am Gartentisch.

Wieder gut miteinander

Seniorengeschichte: Zwei Frauen am Gartentisch

Ein Missverständnis entsteht schnell: Eine Bemerkung klingt anders als gemeint, eine Frage bleibt aus, ein Blick wird falsch gedeutet. Dann hilft ein offenes Gespräch. Wer nachfragt, zuhört und den eigenen Anteil sieht, macht den Weg frei für Versöhnung.

Versöhnung beginnt im Kleinen: mit einem ehrlichen Satz, einem freundlichen Blick oder einer einfachen Geste. So kann aus Abstand wieder Nähe entstehen.

PDF-Download der Senioren-Geschichte „Der kleine Spalt im Zaun“

Zum Vorlesen, für eine gemütliche Lesestunde oder einfach für später: Hier können Sie „Der kleine Spalt im Zaun“ ausdrucken und die Geschichte ganz in Ruhe auf Papier lesen.

Spalt im Zaun

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