Zwischen dem Haus von Martha Sommer und dem Haus von Lene Kruse stand ein grüner Gartenzaun, vom Regen etwas blass geworden und unten an einer Stelle ein wenig verzogen.
Durch diesen schmalen Spalt passte Minka bequem hindurch.
Minka war die getigerte Katze der Familie Becker aus der Nebenstraße. Sie streifte gerne durch die Gärten, schlüpfte unter Bänke, schnupperte an Regentonnen und suchte sich am liebsten ein sonniges Plätzchen mitten im Geschehen.
Martha und Lene kannten Minka gut. Früher hatten beide über ihre Besuche gelacht. Sie wohnten Tür an Tür, gaben einander Petersilie, Erdbeeren, Rezepte und Wolle über den Zaun.
Seit drei Wochen aber waren ihre Gespräche kurz angebunden.
Begonnen hatte es mit Lenes Stoffbeutel voller Wäscheklammern. Nach dem Waschen hatte sie ihn an den Zaun gehängt. Am Abend war der Beutel verschwunden.
Lene suchte bei der Wäscheleine, unter dem Korb und neben der Kellertreppe. Schließlich sah sie ihn drüben in Marthas Garten. Er lag auf der Bank neben dem Strickkorb. Einige Klammern waren auf das Sitzpolster gefallen.
Am nächsten Morgen stand Lene am Zaun.
„Martha, ist das mein Klammerbeutel dort auf deiner Bank?“
Martha drehte sich um und sah zur Bank. „Tatsächlich. Den habe ich eben erst entdeckt.“
„Neben deinem Strickkorb“, sagte Lene.
Martha stellte die Gießkanne ab. „Du glaubst, ich hätte ihn geholt?“
„Ich wundere mich nur“, sagte Lene verlegen.
„Da hättest du zuerst fragen können“, sagte Martha und stellte die Gießkanne etwas fester ab.
Lene schwieg kurz. „Ja. Das hätte ich wohl.“
Martha holte den Beutel von der Bank und reichte ihn über den Zaun. Lene nahm ihn an sich. Beide sagten nichts mehr. Jede ging zurück zu ihrem Beet.
Martha fühlte sich verletzt und Lene ärgerte sich ebenfalls. Von da an blieb es bei knappen Grüßen. „Guten Morgen“, sagte Martha. „Morgen“, sagte Lene. Dann arbeitete jede in ihrem Beet weiter.
An einem Mittwoch saß Martha auf ihrer Gartenbank und stopfte ein Loch im Ärmel einer Strickjacke. Neben ihr stand der Strickkorb.
Minka kam aus dem Beet, einen roten Gartenhandschuh im Maul. Sie schlüpfte durch den Spalt unter dem Zaun und legte den Handschuh unter Lenes Bank.
Lene hob ihn auf. „Martha, dein Handschuh liegt bei mir.“
Martha kam zum Zaun. „Ach, den habe ich gesucht.“
Minka sah beide an, putzte eine Pfote und lief wieder los.
Kurz darauf zog sie ein blaues Tuch hinter sich her. Es gehörte Lene und hatte eben noch am Griff der Regentonne gehangen. Minka schleppte es durch den Spalt, sprang auf Marthas Gartenbank und legte das Tuch neben den Strickkorb.
Martha und Lene sahen einander an.
„Dort lag auch der Klammerbeutel“, sagte Lene.
Martha nickte. „Dann hatte der Klammerbeutel wohl Hilfe auf vier Pfoten.“
Lene presste die Lippen zusammen. Dann lachte sie. „Dann hat Minka ihn damals wohl dorthin gebracht.“
Martha nickte und lachte mit.
Lene ging zum Gartentor und trat zu Martha hinüber. „Es tut mir leid. Ich hätte dich besser fragen sollen.“
„Mir tut es auch leid“, sagte Martha. „Meine Antwort war echt grob.“
Minka sprang von der Bank, strich um ihre Beine und setzte sich mitten auf den Weg.
„Sie sieht aus, als hätte sie ihren Auftrag erledigt“, sagte Lene.
„Dann verdient sie Wasser“, sagte Martha.
„Und wir Kaffee?“
„Kaffee und Apfelkuchen.“
Eine Viertelstunde später saßen Martha und Lene am Gartentisch. Auf dem Teller lagen zwei Stücke Apfelkuchen. Daneben standen zwei Tassen Kaffee. Für Minka gab es Wasser in einer flachen Schale.
Sie sprachen über Erdbeeren, Petersilie, den Regen der letzten Tage und den neuen Bäcker am Markt. Danach redeten sie noch einmal über den Klammerbeutel. Lene zeigte auf die kleine Lücke am Zaun.
„Minka kommt überall durch.“
„Und legt ihre Beute dorthin, wo es ihr gefällt“, sagte Martha.
„Vor allem neben deinen Strickkorb.“
„Dann hat sie Geschmack.“
Von diesem Tag an wurde der Zaun wieder genutzt. Später tauschten sie ein Rezept für Apfelkuchen gegen ein Knäuel rote Wolle. Das Gartentor blieb häufiger offen.
Lenes Klammerbeutel hing nun höher am Zaun. Martha legte ihre Gartenhandschuhe in einen Korb mit Deckel. Minka fand trotzdem Beschäftigung. Einmal brachte sie Martha ein Stückchen Gartenschnur, ein anderes Mal schob sie eine leere Garnrolle unter Lenes Bank.
An warmen Nachmittagen saßen Martha und Lene wieder am Gartentisch, mal auf der einen Seite, mal auf der anderen. Sie tranken Kaffee, teilten Kuchen und redeten über alles, was im Garten geschah.
Minka lag dann gern im Schatten unter der Bank. Hin und wieder öffnete sie ein Auge, als prüfe sie, ob alles in Ordnung sei.
So war der Gartenzaun wieder ihr kleiner Treffpunkt: schlicht, grün und vertraut. Zwischen Petersilie und Erdbeeren gab es Kaffee, kleine Tauschgeschäfte und freundliche Worte. Martha und Lene standen gern dort beisammen, und Minka saß zufrieden auf dem Zaunpfosten.
Wieder gut miteinander
Ein Missverständnis entsteht schnell: Eine Bemerkung klingt anders als gemeint, eine Frage bleibt aus, ein Blick wird falsch gedeutet. Dann hilft ein offenes Gespräch. Wer nachfragt, zuhört und den eigenen Anteil sieht, macht den Weg frei für Versöhnung.
Versöhnung beginnt im Kleinen: mit einem ehrlichen Satz, einem freundlichen Blick oder einer einfachen Geste. So kann aus Abstand wieder Nähe entstehen.
PDF-Download der Senioren-Geschichte „Der kleine Spalt im Zaun“
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