Jeden Sommer trafen sich Leo und Mira auf der Wiese am Waldrand. Dort stand ihr Lieblingsplatz: ein uralter Baum mit breitem Stamm. Sie nannten ihn den Wächterbaum, weil er über Wiese und Wald zu wachen schien.
Sie hängten eine Schaukel an einen starken Zweig und schwangen darauf so hoch, bis ihnen der Bauch kribbelte. Manchmal ließen sie die Schaukel einfach baumeln, kletterten in die Äste des Baumes und erzählten sich dort ihre Geheimnisse.
Eines Tages entdeckte Mira etwas Merkwürdiges. „Schau mal, Leo!“, rief sie und strich über eine dunkle Stelle im Stamm. Unter ihrer Hand zeichnete sich eine feine Linie ab. Plötzlich öffnete sich dort eine kleine Tür im Holz.
Vorsichtig kniete Leo sich hin. „Hallo? Jemand da?“ Da glomm drinnen ein Licht, und im Türrahmen erschien eine Gestalt, so groß wie ein Kind: mit grünen Blättern wie einer Baumkrone auf dem Kopf, rundem Gesicht mit rosigen Wangen und einem langen, weißen Bart. Die Hände sahen aus wie schlanke Äste.
„Ich bin Lior, der Hüter dieses Baumes“, sagte der Baumgeist. „Ihr habt oft bei mir gespielt und mich nie verletzt. Deshalb kann ich euch erscheinen.“
„Aber du siehst traurig aus“, flüsterte Mira.
Lior nickte. „Draußen im Wald liegt Müll, Zweige werden abgebrochen, junge Pflanzen zertrampelt. Dieser Baum lebt, weil der Wald lebt. Wenn ihr ihm helfen wollt, helft ihr dem ganzen Wald.“
Am nächsten Tag kamen Leo und Mira mit Handschuhen, Säcken und Gießkannen zurück. „Für den Wächterbaum“, sagte Leo. Doch nach kurzer Zeit merkten sie, wie viel Arbeit vor ihnen lag. „Das schaffen wir nie an einem Tag“, seufzte Mira. Also beschlossen sie, in den nächsten Tagen immer wieder in den Wald zu kommen.
So war es dann auch: Nach dem Mittagessen sammelten sie Müll, pflanzten Setzlinge und banden gebrochene Zweige zusammen. Der Wald veränderte sich; wo vorher Plastik und Papier lagen, wuchsen Blumen und junge Triebe.
Abends saßen Leo und Mira am Stamm des Wächterbaums und erzählten, was sie geschafft hatten. Die Tür zeigte sich nicht mehr, doch im Blätterdach knackte und raschelte es manchmal so, als würde Lior zuhören.
Ein Jahr verging. Wieder hatten die Sommerferien begonnen. Als Leo und Mira wie verabredet zur Wiese kamen, trauten sie ihren Augen kaum: Der Wächterbaum sah kräftiger aus als je zuvor.
Mira legte die Hand an die Rinde. Über ihnen lösten sich ein paar Blätter und segelten langsam im Zickzack zu Boden, als würden sie die beiden grüßen.
Leo und Mira bekamen Gänsehaut und lächelten. Jetzt wussten sie: Wer sich um den Wald kümmert, hat einen Freund an seiner Seite – auch wenn man ihn nicht immer sehen kann.
Warum ein alter Baum ein echter Schatz ist
In dieser Gute-Nacht-Geschichte spielt ein uralter Baum eine besondere Rolle – und genau das hat auch einen ganz realen Hintergrund. Alte Bäume bieten vielen Tieren und Pflanzen ein Zuhause: In Ritzen der Rinde, in Astlöchern oder in kleinen Höhlen finden Insekten, Vögel und Fledermäuse Schutz.
Die Jahresringe im Stamm zeigen, wie viele Jahre ein Baum schon gewachsen ist – pro Jahr entsteht meist ein neuer Ring. Selbst abgestorbene Äste und morsches Holz sind wertvoll, weil dort Käferlarven, Pilze und Moose leben.
Im Sommer helfen große Baumkronen außerdem, die Umgebung zu kühlen: Sie spenden Schatten und geben über ihre Blätter Feuchtigkeit an die Luft ab.
PDF-Download der Gute-Nacht-Geschichte „Der Hüter des alten Baumes“
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