Der Winter kam in den Bergen früh. An manchen Tagen verschwand das Dorf schon am Nachmittag im Schatten, und wenn der Schnee lag, wurde es so still, dass man jedes Türschlagen bis zum anderen Ende der Gasse hörte.
An diesem Tag war Luan lange draußen gewesen. Er und Arben sollten Holz holen, hatten sich aber bald mit Schneebällen aufgehalten. Mit nassen Schuhen kam Luan schließlich nach Hause.
„Lass deine Schuhe an, wir müssen noch hinter das Haus.“ Der Großvater schob sich von der Bank hoch, hielt sich kurz am Tisch fest und nahm den Stock. Luan nestelte währenddessen an seinem Ärmel herum.
„Wegen des Buzmi?“
Gjergj nickte. Unter dem Vordach hinter dem Haus stapelte sich das Holz. Luan zog ein Scheit heraus. „Zu feucht“, begutachtete der Großvater das Holzscheit und legte es zurück.
Das nächste legte Gjergj gleich wortlos zurück.
Luan zog die Hände in die Ärmel. Vom Hang her hörte er die anderen, zwischendurch Arben.
„Nimm doch einfach irgendeins“, drängte er schließlich.

Gjergj ging weiter am Stapel entlang und zog unten ein Scheit hervor. „Das hier!“
Luan packte mit an. Es saß fest, beim zweiten Versuch kam es heraus.
„Das haben dein Vater und ich vor zwei Jahren geschnitten“, sagte Gjergj. „Da warst du dabei.“
Luan wusste zunächst nichts davon.
„Du wolltest die Axt.“
Jetzt fiel es ihm wieder ein. Der Hof voller Späne. Seine Mutter hatte geschimpft, weil er mit den Schuhen durchs Haus gelaufen war. Und Gjergj hatte die Axt einfach nicht herausgerückt.
Luan hatte sich damals schon für groß genug gehalten. Gjergj war anderer Meinung gewesen und hatte die Axt lieber selbst behalten.
Jetzt nahm Luan das Scheit vor die Brust und ging voraus. Weit kam er nicht. Vom Hang rief Arben herüber. Er stand dort mit zwei Jungen und winkte. „Kommst du noch?“
Luan blieb stehen. Das Holz drückte inzwischen ordentlich gegen seine Arme.
Gjergj kam langsam hinterher und stützte sich auf seinen Stock. „Wenn du willst, geh. Ich bring das rein.“
Luan sah ihn an. Der Großvater wartete tatsächlich darauf, dass er ihm das Holz gab.
„Heute nicht mehr!“, rief er Arben zu. Arben hob die Hand, dann liefen die drei weiter.
Drinnen stellte Luan den Buzmi neben den Herd. Seine Mutter knetete Teig, der Vater kam gerade aus dem Stall. Gjergj sagte nur, sie hätten ein gutes Stück gefunden.
Später saßen sie beim Essen. Brot, Käse, Nüsse und Feigen standen auf dem Tisch. Dann schob der Vater die Glut auseinander, und Luan half, den Buzmi ins Feuer zu legen. Erst rauchte er, dann knackte das Holz und fing an zu brennen.
Luan blieb noch vor dem Herd sitzen. Als ihm dort zu warm wurde, setzte Luan sich neben den Großvater.
Eine Weile sahen beide ins Feuer.
Dann fragte Luan: „Hast du den Buzmi früher auch geholt?“
Gjergj nickte. „Jedes Jahr.“
Gjergj brauchte eine Weile für die nächste Nuss.
„Mit meinem Großvater. Einmal wollte ich nicht. Die anderen wollten zum Fluss. Es hatte gefroren.“
„Bist du gegangen?“
„Nein.“
Das war alles. Gjergj schob ihm einen halben Walnusskern hin.
Luan wartete. „Und warum nicht?“
Der Großvater zuckte mit der Schulter. „Er konnte das Holz nicht mehr gut tragen.“
Dann nahm er die nächste Nuss.
Luan aß den Kern und sah ins Feuer. Er fragte nichts mehr.
Es wurde still am Tisch. Der Vater brach noch ein Stück Brot ab, die Mutter schob die Schüssel mit den Feigen zur Seite. Im Herd sackte der Buzmi ein wenig zusammen, und ein paar Funken sprangen auf.
Luan sah hinüber.
„Nächstes Jahr suche ich ihn wieder mit dir aus“, sagte er.
Gjergj hielt die Hände an die Wärme. „Dann kommst du aber rechtzeitig nach Hause.“
Luan grinste müde. „Mach ich.“
Er rückte näher an den Großvater. Wenig später war sein Kopf an Gjergjs Schulter gesunken.
Weihnachtsbrauch in Albanien
Bei diesem albanischen Weihnachtsbrauch wird ein besonderes Holzstück, der Buzmi, in die Feuerstelle oder in den Herd gelegt. Das Holz steht für Wärme, Licht und für die Hoffnung, dass es der Familie im neuen Jahr gut geht.
Der Brauch gehört zur Winterzeit rund um Weihnachten und hat sehr alte Wurzeln; in vielen Familien wurde er später mit dem Weihnachtsfest verbunden.
Der Buzmi ist wie ein Weihnachtsgruß aus Holz. Wenn das Feuer brennt, sitzt die Familie zusammen, erinnert sich an schöne Begebenheiten und wünscht sich Glück, Frieden und ein gutes neues Jahr.
Es geht also nicht bloß um ein Holzscheit im Feuer, sondern um Gemeinschaft, Wärme und einen Abend, an dem alle spüren: Wir gehören zusammen.
Weihnachtsgeschichte (Albanien) als PDF zum Download
Möchten Sie die Weihnachtsgeschichte lieber ausdrucken? Hier können Sie die Geschichte „Das Versprechen an den Großvater“ kostenlos als PDF downloaden:
Und hier die vier Quizkarten zum Weihnachtsbrauch-Quiz, zu der diese Europakarte hilfreich sein kann, wenn Ihr Kind bzw. die Kinder die europäischen Länder kennenlernen wollen:
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