Das Versprechen an den Großvater

Lesezeit: 8 Minuten

Weihnachtsgeschichte für Kinder erzählt von Betina Graf

Im Haus von Luans Familie begann zur Weihnachtszeit ein besonderer Abend. Der Großvater saß am Herd und wartete, die Mutter hatte Brot und Nüsse bereitgelegt, und Luan fühlte, dass heute etwas Wichtiges geschehen würde. Es war die Nacht des buzmi.

Albanien: Der Weihnachtsbrauch des buzmi, eines besonderen Holzscheits

Hoch oben in den albanischen Bergen lag ein kleines Dorf zwischen grauen Steinen, kahlen Bäumen und schmalen Wegen. Im Winter sah es aus, als hätte der Wind alles Überflüssige fortgetragen und nur das Nötigste übriggelassen: die Häuser, den Rauch aus den Schornsteinen und die Menschen, die dicht zusammenrückten, wenn die Tage kurz wurden.

In einem dieser Häuser wohnte der Junge Luan mit seiner Mutter, seinem Vater und seinem Großvater.

Der Großvater hieß Gjergj. Früher war er stark gewesen wie ein alter Walnussbaum. Er hatte Holz gehackt, die Ziegen über den Hang geführt und Säcke getragen, als wären sie mit Federn gefüllt.

Aber in diesem Winter taten ihm die Beine weh. Wenn er aufstand, stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch und brauchte einen kleinen Augenblick, ehe er gehen konnte.

Luan hatte das wohl bemerkt. Aber er dachte nicht viel darüber nach. Nicht nur Kinder blenden manchmal gerne Unerfreuliches aus. So war für ihn die Welt noch in Ordnung.

Es war kurz vor Weihnachten. Draußen zogen Wolken tief über die Hänge, und in den Ritzen der Fenster pfiff der Wind.

An diesem Nachmittag saß Großvater Gjergj auf seiner Bank am Herd und rief: „Luan, komm einmal her.“

Luan kam, aber nicht besonders schnell. Er war gerade draußen mit seinem Freund Arben auf dem Hang gerutscht. Seine Schuhe waren voller Schnee, die Wangen rot, und am liebsten hätte er sich in der Stube erst mal aufgewärmt.

„Was ist denn, Großvater?“

Der Großvater rückte ein wenig zur Seite. „Setz dich kurz zu mir, Luan“, sagte er. „Heute Abend ist Nata e Buzmit, der Abend des Holzscheits. Weißt du noch?“

„Natürlich weiß ich das“, sagte Luan rasch. „Da kommt das besondere Holz ins Feuer.“

„So ist es“, sagte der Großvater. „Und dieses Jahr kannst du mir helfen.“

Das klang für Luan zuerst gar nicht schlecht. Beim buzmi zu helfen erschien ihm spannender, als Kartoffeln zu schälen oder Wasser zu holen.

Aber dann sagte der Großvater: „Wir müssen das Holz aussuchen. Wir brauchen ein gutes Holzstück – eins, das trocken ist und schon lange liegt. Es darf nicht morsch sein. Und du musst es tragen können.“

Luan verzog das Gesicht. „Jetzt gleich?“

„Jetzt gleich“, sagte der Großvater.

Luan schaute zum Fenster hinaus. Draußen lag noch ein Rest von hellem Nachmittag über dem Schnee. Bald würden sich die anderen Kinder wieder am Brunnen treffen und eine Schneeballschlacht anfangen. Arben zog seinen roten Wollschal bestimmt wieder wie eine Fahne hinter sich her. Draußen wartete ein herrlicher Wintertag.

„Kann das nicht Vater machen?“, fragte Luan.

Der Großvater sah ihn müde an. „Dein Vater muss noch den Stall versorgen und Wasser hereinholen“, sagte er. „Früher habe ich es selbst gemacht. Aber dieses Jahr brauche ich dich.“

Luan trat von einem Fuß auf den anderen. Er wusste nicht recht, warum ihm das plötzlich so schwerfiel. Draußen lockte der Schnee. Und der Großvater wirkte auf einmal nicht mehr wie ein Walnussbaum, sondern wie ein alter Mann, der sich schwerer tat als früher.

„Gut“, murmelte Luan.

Der Großvater nickte. Sie gingen hinaus, der Großvater langsam mit seinem Stock und Luan halb widerwillig neben ihm. Hinter dem Haus lag der Holzplatz. Dort stapelten sich Scheite in ordentlichen Reihen; der Frost hatte sie mit einem silbrigen Hauch überzogen.

„Nicht jedes Holz taugt für den buzmi“, sagte der Großvater. „Man muss genau hinsehen.“

Luan hob ein dickes Scheit auf. „Das hier!“

Der Großvater schüttelte den Kopf. „Zu feucht. Hör nur.“

Er klopfte mit dem Stock dagegen. Das Holz klang dumpf.

Dann zeigte Luan auf ein anderes. „Und das?“

„Zu morsch.“

So ging es eine Weile. Luan wurde ungeduldig. Seine Finger froren, und die Nasenspitze kribbelte.

„Es ist doch nur ein Holzstück“, sagte er ungeduldig.

Da schwieg der Großvater.

Sein Schweigen legte sich still zwischen sie, und Luan merkte, dass er den Großvater verletzt hatte.

Nach einer kleinen Weile sprach er doch. „Nur ein Holzstück? Mag sein. Aber manchmal bedeutet so ein Holzstück mehr, als man auf den ersten Blick denkt.“

Luan antwortete nicht.

Der Großvater strich mit der Hand über einen hellen Scheit an der unteren Reihe. „Siehst du das? Dieses hier haben wir vor zwei Jahren geschnitten. Damals war dein Vater dabei.“

Ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht.

Weihnachtsgeschichte mit Weihnachtsbrauch buzmit

Sie nahmen das Holzstück gemeinsam heraus. Es war fest, trocken und genau so lang, dass Luan es mit beiden Armen tragen konnte.

„Das ist es“, sagte der Großvater.

Luan nickte. Doch in seinem Herzen saß noch immer ein kleiner Ärger wie ein Stein im Schuh.

Als sie zum Haus zurückgingen, hörte Luan in der Ferne Kinderstimmen. Sie lachten. Einmal rief jemand seinen Namen.

Er drehte den Kopf.

„Luan! Kommst du?“

Es war Arben.

Luan blieb stehen. Der Großvater ging langsam weiter.

„Kommst du?“, rief Arben noch einmal.

Luan sah auf das Holz in seinen Armen. Dann auf den Großvater. Dann auf den Hang.

Er hätte das Holz einfach ablegen und hinterherrennen können. Wahrscheinlich hätte er nur eine kleine Schelte bekommen.

Da blieb der Großvater stehen, ohne sich umzudrehen, und sagte: „Wenn du willst, geh nur. Ich komme auch allein zurecht.“

Aber seine Stimme klang so, als wüsste er, dass das nicht stimmte.

Luan biss sich auf die Lippe. Dann hob er das Holzscheit fester an. „Nein. Ich habe es versprochen.“

Arben winkte noch einmal, dann rannte er mit den anderen davon. Bald waren nur noch ihre Spuren im Schnee zu sehen.

Im Haus war es warm. Mutter knetete Teig auf dem Tisch. Vater richtete den eisernen Kessel am Herd. Es roch nach Holz und warmem Teig.

„Habt ihr einen guten buzmi gefunden?“, fragte die Mutter.

„Einen sehr guten“, sagte der Großvater.

Und diesmal hörte Luan den Stolz in seiner Stimme.

Später, als es dunkel geworden war, legten sie das Holzstück gemeinsam bereit. Der Vater schürte die Glut. Die Mutter stellte Brot, Nüsse und getrocknete Feigen auf den Tisch. Der Wind klopfte draußen ans Haus, aber drinnen war alles hell vom Feuer.

Der Großvater winkte Luan zu sich. „Nun“, sagte er, „jetzt kommt der wichtigste Teil.“

Luan kniete sich neben den Herd. Ganz vorsichtig schob er mit dem Vater zusammen den buzmi in die Glut. Das Holz fing nicht sofort Feuer. Erst knackte es nur leise. Dann glomm ein roter Streifen am Rand. Dann noch einer.

Alle sahen still zu.

Das Holz brannte nun ruhig. Ab und zu sprang ein Funke auf. Das Feuer warf ein warmes Licht an die Wand, und die Stube wirkte gemütlich.

„Großvater“, fragte Luan nach einer Weile, „hast du das früher auch mit deinem Großvater gemacht?“

„Ja“, sagte Gjergj. „Einmal wollte ich lieber mit den anderen Jungen zum Fluss. Da war ich ungefähr so alt wie du.“

„Und?“

„Ich bin trotzdem geblieben.“

„Warum?“

Der Großvater lächelte in den Bart. „Weil mein Großvater damals schon alt war. Und weil ich plötzlich begriffen habe, dass es Dinge gibt, die man nicht verschieben sollte.“

Luan dachte nach. Dann fragte er leise: „Bist du sehr alt?“

Der Großvater lächelte. „So alt, dass ich vieles erlebt habe“, sagte er. „Und jung genug, um mich über so einen Abend noch zu freuen.“

Da rückte Luan näher an ihn heran.

Später aßen sie zusammen. Das Brot war warm, die Feigen süß, und selbst der einfache Käse schmeckte an diesem Abend wie etwas Besonderes.

Vater erzählte von einem Esel, der im letzten Sommer störrischer gewesen war als drei Männer zusammen. Mutter lachte. Luan lachte auch. Und sogar der Großvater lachte so sehr, dass er husten musste.

Dann wurde es stiller. Das Feuer sank zusammen. Der buzmi glühte tiefrot.

Luan lehnte den Kopf an den Arm des Großvaters.

„Großvater?“

„Ja?“

„Nächstes Jahr suche ich das Holz wieder mit dir.“

„Das würde mich freuen“, sagte der Großvater.

„Und wenn es sehr schwer ist, trage ich es trotzdem.“

Eine Weile später merkte die Mutter, dass der Junge eingeschlafen war. Sie wollte ihn ins Bett tragen, aber der Großvater hob die Hand.

„Lass nur“, sagte er leise. „Er träumt gerade bestimmt von großen Dingen.“

Luan schlief fest. Draußen lag der Schnee auf den Dächern, und drinnen glomm das Holz noch lange in der Herdstelle.

Weihnachtsbrauch in Albanien

Weihnachtsgeschichte, die in Albanien spielt: Das Versprechen an den Großvater

Bei diesem albanischen Weihnachtsbrauch wird ein besonderes Holzstück, der buzmi, in die Feuerstelle oder in den Herd gelegt. Das Holz steht für Wärme, Licht und für die Hoffnung, dass es der Familie im neuen Jahr gut geht.

Der Brauch gehört zur Winterzeit rund um Weihnachten und hat sehr alte Wurzeln; in vielen Familien wurde er später mit dem Weihnachtsfest verbunden.

Der buzmi ist wie ein Weihnachtsgruß aus Holz. Wenn das Feuer brennt, sitzt die Familie zusammen, erinnert sich an schöne Begebenheiten und wünscht sich Glück, Frieden und ein gutes neues Jahr.

Es geht also nicht bloß um ein Holzscheit im Feuer, sondern um Gemeinschaft, Wärme und einen Abend, an dem alle spüren: Wir gehören zusammen.

Weihnachtsgeschichte (Albanien) als PDF zum Download

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Versprechen an den Großvater

Und hier die vier Quizkarten zum Europa-Weihnachtsbrauch-Quiz, zu der diese Europakarte hilfreich sein kann, wenn Ihr Kind bzw. die Kinder die europäischen Länder kennenlernen wollen:

Quiz zu Albanien

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