Die kleine Wolke und das Reh

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Moderne Fabel mit Bildern für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war ein besonders heißer Sommer. Die Sonne stand schon am Vormittag hoch, und über den Feldern zitterte die Luft. Der Fluss floss noch, aber nur in einem schmalen Rinnsal in der Mitte des breiten Betts. Am Rand lagen Steine trocken, und zwischen ihnen staubte Sand.

Am Ufer stand ein Reh. Neben ihm drängten sich zwei Junge. Sie tranken hastig dort, wo das Wasser noch erreichbar war. Danach hob das Reh den Kopf und schaute über die Wiese. Dort, wo sonst frische Kräuter standen, hingen die Halme braun herunter. Blätter an jungen Sträuchern rollten sich ein, und Triebspitzen wirkten matt.

Hoch oben zog eine kleine Wolke. Sie sah den Fluss, sie sah die trockenen Stellen, sie sah die Rehe. Das Reh trat ein paar Schritte den Hang hinauf und rief: „Wolke! Bitte ziehe nicht weiter, bleib hier!“

Die Wolke sank ein Stück. „Ich bin ja da“, entgegnete sie freundlich. „Was ist los?“

Das Reh schnaubte. „Wir finden jetzt nur noch wenig Wasser. Und wer weiß, wie es morgen sein wird? Jeden Tag wird das Wasser im Fluss weniger. Und unser Futter…“ Es drehte den Kopf zur Wiese. „Die Kräuter sind vertrocknet. Die zarten Blätter der Sträucher hängen schlaff herab. Sogar die frischen Triebspitzen sind verdorrt. Wir suchen und suchen, finden aber nur harte Halme und trockene Blätter.“

Voller Mitgefühl presste die Wolke ihren Bauch mit aller Kraft zusammen. „Ich will euch ja Regen geben.“ Sie sammelte Kraft, spannte sich an und ließ los. Ein einziger Tropfen fiel ins trockene Flussbett und war sofort fort.

Das Reh erstarrte. „Wieso kannst du keinen richtigen Regen spenden?“

„In mir ist fast kein Wasser“, seufzte die Wolke. „Ich fühle nur Luft.“

Der Wind kam heran und schob die Wolke an. Sie wehrte sich und blieb über den Rehen. „Erklär es mir“, verlangte sie.

Der Wind drehte eine Runde und sagte: „Tröpfchen in Wolken entstehen aus Wasserdampf. Wasserdampf steigt aus Wasserflächen auf. Auch feuchte Erde gibt Dampf ab. Und Blätter geben Wasser an die Luft ab. Wenn unten alles austrocknet, kommt weniger Dampf nach oben. Dann bleibt eine Wolke leer.“

Das Reh stampfte in den Staub. „Dann fehlen uns Tropfen von oben und Dampf von unten. Diese Gegend gerät in eine Sackgasse.“

Die Wolke schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Du hast Wasser im Fluss. Du hast Schatten im Wald. Du hast Samen im Boden. Das reicht für einen Anfang.“

Moderne Fabel: Die kleine Wolke und das Reh

Das Reh rannte los. Es sprang über trockene Grasbüschel, vorbei an Disteln und über einen staubigen Weg. Am Waldrand hielt es an und rief so laut, dass jeder es hörte: „Kommt her! Der Fluss versiegt langsam. Unser Futter vertrocknet. Die Wolke ist leer. Wir müssen den Boden schützen!“

Ein Eichelhäher landete auf einem Ast. Ein Eichhörnchen sprang dazu, mit Eicheln im Maul. Kaninchen kamen aus ihren Bauen. Ameisen wimmelten. Maulwürfe schoben Erde hoch. Eine Amsel hüpfte heran.

„Im Hochsommer pflanzen?“ krächzte der Eichelhäher. „Keimen wird schwer.“

„Dann sammeln wir, was geht“, sagte das Reh. „Wir legen Vorräte in die Erde. Wir schützen die feuchten Stellen. Wir helfen allem, was noch grün ist.“

Sie arbeiteten sofort. Die Kaninchen scharrten Mulden an Stellen, an denen der Boden noch etwas Feuchte hatte. Der Maulwurf lockerte Erde, damit Wasser einsickern kann, sobald Regen kommt. Ameisen räumten kleine Flächen frei, damit Samen Kontakt zur Erde bekommen. Die Amsel ließ Kerne fallen und deckte sie zu. Das Eichhörnchen drückte Eicheln in die Erde, tief genug, damit sie nicht austrocknen. Der Eichelhäher brachte Eicheln in kleinen Portionen zu vielen Stellen und vergrub sie dort, wo der Boden noch kühl war.

Das Reh suchte nach Blättern und trockenem Gras und legte eine dünne Decke über die Mulden. Nur eine Schicht, die die Sonne bremst und den Boden schützt. Dann stellte es Zweige als Windschutz daneben.

Hoch oben sah die Wolke das Rennen, Scharren und Schieben. „Haltet durch“, rief sie. „Ich bleibe bei euch.“

Am Abend wurde es kühler. In der Nacht legte sich Tau auf Gräser, Blätter und Steine. Am Morgen rollten winzige Tropfen in die Mulden. Es war wenig, doch es blieb unter der Laubdecke länger feucht. Am Fluss gab es Stellen, an denen die Uferböschung Schatten warf. Dort blieb der Boden feuchter. Als die Sonne wieder stieg, verdunstete dort Wasser und stieg nach oben.

Die Wolke spürte es als erstes. „Da kommt Dampf“, sagte sie. „Endlich!“

Das Reh führte seine Jungen zu einer schattigen Stelle. „Hier“, sagte es. „Trinkt langsam. Und sucht am Rand nach Blättern, die noch Saft haben.“ Ein Junges zog ein welkes Blatt hervor, kaute und spuckte es aus. Das Reh suchte weiter und fand junge Brombeerblätter im Schatten.

„Das reicht für heute“, sagte es. „Morgen sehen wir weiter.“

Viele Tage vergingen. Einige Büsche trieben kleine neue Blätter an Stellen, an denen der Boden unter der Decke feuchter blieb. In den Mulden keimten erste Samen. Winzige Triebe kamen hervor. Sie standen klein da, doch sie lebten. Aus jedem Blatt stieg Wasserdampf auf, sobald die Sonne es wärmte. Aus feuchteren Stellen am Fluss stieg weiterer Dampf auf. Warme Luft trug ihn nach oben, und weiter oben kühlte er ab. Aus dem Dampf wurden Tröpfchen.

Die Wolke wurde schwerer. „Jetzt fehlt nur noch ein Schub“, sagte sie.

Am späten Nachmittag stieg vom erhitzten Boden Luft auf. Vom Fluss und vom Waldrand kam feuchtere Luft dazu. Der Wind schob beides zusammen. In der Wolke drängten sich Tröpfchen. Sie wurden schwer, bis sie nach unten fielen

„Jetzt“, sagte die Wolke.

Der Regen begann mit kleinen Tropfen. Danach setzte ein kräftiger Sommerregen ein. Der Boden sog die Feuchtigkeit auf, besonders dort, wo er gelockert war. Das Wasser hielt sich im Boden, statt sofort abzufließen.

Schon am nächsten Morgen reckten sich junge Triebe nach oben. Blätter entfalteten sich.

Das Reh führte seine Jungen an den Waldrand, wo zarte grüne Spitzen zwischen den Halmen standen und junge Blätter an Sträuchern hingen.

Über allem zog die kleine Wolke, bereit für den nächsten Regen.

Hinweis: Diese moderne Fabel erzählt von einem Reh und einer kleinen Wolke an einem heißen Sommertag. Sie zeigt, wie Pflanzen und feuchter Boden dabei helfen, dass wieder Regen entstehen kann.

Warum es bei Hitze so trocken wird

Moderne Fabel: Die kleine Wolke und das Reh

Wenn es heiß ist, geht Wasser schneller in die Luft. Das nennt man Verdunstung. Wasser verdunstet aus Pfützen, Flüssen und aus dem Boden. Auch Pflanzen geben Wasser über ihre Blätter ab, damit sie sich kühlen können. So wird es bei Hitze rasch trockener, selbst dann, wenn noch etwas Wasser da ist.

Dazu kommt: Heißer Wind kann den Boden zusätzlich austrocknen. Und wenn es lange kaum regnet, wird die obere Erdschicht hart. Dann läuft Regen bei einem kurzen Schauer eher ab, statt tief einzusickern. Darum helfen Schatten, lockere Erde und viele Pflanzen, damit Feuchtigkeit länger bleibt.

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Die kleine Wolke

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