Auf einem Waldweg begegneten sich ein Fuchs und eine Katze. Die Sonne stand schon tief, und zwischen den Stämmen wurde es schattig. Überall roch es nach Moos, Pilzen und trockenem Laub.
Der Fuchs kam geschniegelt daher, als würde ihm der ganze Wald gehören. Er hob die Schnauze, schwenkte den buschigen Schwanz und sagte: „Guten Tag! Heute trifft es sich gut. Es gibt Neuigkeiten: Der Wald hat den klügsten Bewohner.“
Die Katze setzte sich ruhig an den Wegesrand und blinzelte. „Und wer soll das sein?“
„Natürlich ich“, antwortete der Fuchs und grinste. „Nicht nur klug – auch voller Künste. Mehr, als an beiden Pfoten zu zählen wären.“
Die Katze legte den Kopf schief. „Künste?“
„Künste!“, wiederholte der Fuchs stolz. „Eine für jedes Problem. Wenn Gefahr kommt, kann ich mich drücken wie ein Blatt, verschwinden wie ein Schatten, täuschen wie ein Nebel. Es gibt den Haken nach links, den Sprung nach rechts, den Trick durchs Gebüsch, den Umweg über Wurzeln, den Sprinterlauf am Bach entlang. Für jede Lage habe ich etwas.“
Die Katze nickte langsam. „Das klingt nach sehr viel.“
„Sehr viel“, bestätigte der Fuchs zufrieden. „Und was kann die Katze?“
„Eine Kunst“, sagte die Katze.
Der Fuchs lachte so laut, dass ein Vogel aufflog. „Eine einzige? Das ist ja mager. Und was soll diese eine Kunst sein?“
„Wenn Gefahr kommt, geht es auf einen Baum“, sagte die Katze.
Der Fuchs schüttelte den Kopf. „Ein Baum! Dafür braucht es doch keine Kunst. Wer nur einen Plan hat, steht schnell schlecht da. Erst viele Pläne machen sicher.“ Er trat näher und sagte wichtig: „Warten wir nur, bis wirklich etwas passiert. Dann zeigt sich, wer vorbereitet ist.“
Da knackte es hinter den Büschen. Kurz darauf tauchte ein Hund auf, die Nase am Boden. Dann kam ein zweiter. Ihre Ohren waren spitz, und ihre Pfoten trommelten über das Laub.
Der Fuchs erstarrte. „Hunde“, presste er hervor. Sein Grinsen war verschwunden. „Gut. Jetzt kommen meine Künste!“
Die Katze sprang. Krallen griffen in die Rinde, und schon saß sie auf einem Ast. Von oben rief sie: „Jetzt ist die Stunde der einen Kunst.“
Unten begann der Fuchs zu rennen, als hätte der Boden Feuer gefangen. „Erst die Kunst mit dem Verstecken“, murmelte er und drückte sich flach ins Laub. Doch die Hunde kamen näher, schnupperten – und bellten los, als würden sie ihn schon sehen.
„Dann die Kunst mit dem Haken!“, keuchte der Fuchs. Er sprang über eine Wurzel, bog scharf ab, rutschte auf nassen Blättern aus und fing sich gerade noch. „Links! Nein, rechts! Oder doch geradeaus?“ Die Hunde waren schon hinter ihm her, und das Gebell rückte näher.
Der Fuchs schoss in einen Brombeerbusch. Dornen kratzten über sein Fell. „Zu eng!“, fauchte er und zwängte sich wieder heraus. In diesem Moment schnappte ein Hund nach ihm und erwischte nur eine Handvoll Fell. Der Fuchs jaulte, stolperte, rappelte sich auf und jagte weiter, so schnell ihn die Beine trugen.
Vor ihm lag ein umgestürzter Baumstamm. Darunter gab es einen schmalen Spalt zwischen Wurzeln und Erde. Der Fuchs sah ihn – und wusste: „Wenn das nicht klappt, klappt gar nichts.“ Er warf sich auf den Bauch, schob die Schnauze hinein und zog sich mit den Vorderpfoten vorwärts. Die Erde drückte, die Wurzeln hielten fest, und hinter ihm stürmten die Hunde heran.
Ein Hund schnappte nach seinem Schwanz. Der Fuchs riss sich los, schrammte sich die Flanke auf und quetschte sich weiter. Dann – mit einem letzten Ruck – rutschte er durch den engen Gang und purzelte in einen alten Bau. Draußen kratzten die Hunde, scharrten und bellten, aber der Eingang war für sie zu schmal.
Im Dunkeln blieb der Fuchs keuchend liegen. Sein Herz hämmerte, sein Fell war zerzaust, und an einer Seite fehlte ein Büschel. „So viele Künste“, murmelte er. „Und am Ende war es doch nur Glück… und ein Loch im Boden.“
Oben im Baum saß die Katze sicher und ruhig. Als sich draußen alles beruhigt hatte und die Hunde weg waren, sagte sie: „Viele Künste klingen beeindruckend. Eine verlässliche Kunst hilft, wenn es darauf ankommt.“
Hinweis: „Der Fuchs und die Katze“ ist ein Tiermärchen aus den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm (ab der 2. Auflage von 1819). Die hier gezeigte Version ist eine kindgerechte Nacherzählung in eigenen Worten.
Große Worte retten nicht
Prahlerei klingt beeindruckend, besonders wenn viele Tricks aufgezählt werden. In der Fabel wirkt der Fuchs dadurch überlegen, bis es plötzlich gefährlich wird. Dann wird aus dem großen Reden Hektik: Ein Plan folgt dem nächsten, und die Zeit reicht kaum, um einen davon wirklich zu nutzen.
Die Katze prahlt nicht und erklärt auch nicht lange, sondern bleibt bei einer einzigen, sicheren Kunst. Genau das macht den Unterschied, weil diese eine Fähigkeit sofort funktioniert.
So zeigt diese Fabel: Prahlerei ersetzt kein Können, und eine verlässliche Lösung hilft mehr als viele große Sprüche.
PDF-Download der Fabel „Der Fuchs und die Katze“
Die Fabel „Der Fuchs und die Katze“ ist für Sie jederzeit online verfügbar, ganz bequem auch mobil. Für eine Druckversion können Sie hier das kostenlose PDF einfach herunterladen:
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