Im tiefen Wald lebte der kleine Hase Fips. Die Großen sagten immer: „Hüte dich vor den Wölfen! Die sind gefährlich!“
Nicht weit entfernt, in einer Felsenhöhle, lebte das Wolfskind Luno. Auch er hörte ständig: „Hasen sind Beute, keine Freunde. Vergiss das nicht!“
Eines Abends, als der Himmel rosa war, trafen sich Fips und Luno zufällig an der Waldquelle. Beide erschraken, riefen gleichzeitig „Huch!“ und mussten lachen.
„Du bist gar nicht so furchteinflößend“, sagte Fips.
„Und du gar nicht so ängstlich“, meinte Luno.
Sie setzten sich ans Wasser, erzählten von ihren Tagen und zeichneten mit Stöckchen Muster in den Sand. Von da an trafen sie sich jeden Abend heimlich an der Quelle. Sie spielten Fangen und Verstecken. Nur eines war wichtig: Niemand durfte von ihrer Freundschaft erfahren.
Eines Tages zog ein Sturm über den Wald. Fips war weit weg von seinem Bau, als ein dicker Ast seinen Rückweg versperrte. Hinter ihm rauschte ein Bach, der durch den Regen zu einem reißenden Fluss geworden war.
„Hilfe!“, rief Fips.
Nur einer hörte ihn: Luno. Er erkannte Fips’ Ruf sofort. Ohne zu überlegen, rannte er los, immer dem schwächer werdenden „Hilfe“ nach.
Als Luno den Bach erreichte, sah er Fips auf einem Baumstamm stehen, der quer über dem Bach lag, zitternd vor Angst. Unter ihm rauschte das Wasser, so wild, dass er sich nicht vorwärts und nicht zurück traute. Einige Tiere lugten aus dem Gebüsch. „Weg da, der Wolf!“, wisperten sie.
Luno blieb stehen und rief: „Fips, bleib da, ich komme zu dir!“
Mit einem Satz sprang er auf das Uferstück, von dem der Baumstamm ausging, und kletterte vorsichtig auf den Stamm. Er setzte die Pfoten langsam voreinander, bis er Fips erreicht hatte.
„Spring auf meinen Rücken, ich passe auf dich auf“, sagte Luno ruhig.
Fips dachte nur einen Herzschlag lang nach. Dann klammerte er sich an Lunos Fell. Schritt für Schritt balancierte Luno mit Fips auf dem Rücken über den Baumstamm bis ans andere Ufer. Der Bach spritzte unter ihnen, doch Luno hielt das Gleichgewicht, bis beide sicher im Gras landeten.
Der Sturm legte sich langsam. Verwundert standen die Tiere des Waldes zusammen. Alle sahen, wie ein Hase und ein Wolfskind nebeneinander im Gras saßen, nass, aber lachend. Sie warfen sich Tannenzapfen zu.
„Warum … warum frisst du ihn nicht?“, stotterte ein alter Hase.
Fips legte Luno eine Pfote auf die Schulter. „Weil er mein Freund ist“, sagte er.
„Und Freunde frisst man nicht“, fügte Luno hinzu.
Es wurde ganz still im Wald. Raubtier und Beutetier spielten einfach weiter, als wäre das das Normalste auf der Welt.
Die Tiere schauten sich an. Vielleicht, dachte der alte Hase, hatten sie sich alle geirrt.
Seit diesem Tag trafen sich Fips und Luno nicht mehr heimlich. Ihre Freundschaft war stärker als jede Angst – und der Wald hatte eine neue Lieblingsgeschichte.
Ungewöhnliche Freundschaften
Manchmal entstehen Freundschaften dort, wo man sie am wenigsten erwartet: zwischen sehr verschiedenen Menschen, in unterschiedlichen Altersgruppen oder sogar zwischen Tieren, die ganz anders leben. Solche ungewöhnlichen Freundschaften können besonders stark werden, weil beide Seiten voneinander lernen und neue Blickwinkel entdecken.
Oft beginnt alles mit einer kleinen Gemeinsamkeit – ein Lieblingsspiel, ein Ort, ein Interesse – und daraus wächst Vertrauen Schritt für Schritt. Wer sich auf jemanden einlässt, der „anders“ ist, übt wichtige Fähigkeiten: zuhören, neugierig bleiben, fair sein und Grenzen respektieren.
Und ganz nebenbei merkt man: Vorurteile entstehen meistens durch Geschichten, die man gehört hat – echte Begegnungen sind meist viel aussagekräftiger.
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