Der weiße Rabe – Fabel über Anderssein

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Fabel Der weiße Rabe mit Bildern für Kinder erzählt von Betina Graf

Es ist ein eiskalter Winterabend im Stadtpark. Schnee bedeckt Wiesen und Wege mit weißem Glanz, und auf den Ästen einer alten Eiche rücken die Raben zusammen, um die Nacht zu überstehen. Schwarze Federn schimmern im Dämmerlicht.

Nur einer sieht anders aus: ein junger Rabe mit schneeweißem Gefieder. Er sitzt etwas abseits. Die anderen meiden ihn. Manche tuscheln, sein helles Kleid bringe Unglück – oder ziehe Gefahr an. Und so kauert der weiße Rabe allein und tut, als wäre er nicht da.

Wenn die Schar nach Futter sucht, bleibt er meistens zurück. „Zu auffällig“, krächzen die einen. „Der lockt uns Feinde an“, behaupten die anderen. Der weiße Rabe hört es, auch wenn niemand es ihm ins Gesicht sagt. Er zieht den Kopf ein und wünscht sich für einen Moment, er wäre einfach… wie alle.

Da denkt er an den Sommer. An das Menschenkind, das ihm Brotkrumen hingeworfen hatte. Es hatte gelacht und ihn „Schnee“ genannt, als wäre sein Anderssein etwas Schönes. Bei der Erinnerung wird ihm warm ums Herz – so warm, wie es in einem Winter eben werden kann.

Plötzlich fährt ein Alarmruf durch die Schar.

Vom zugefrorenen Teich her dringt leises Weinen. Auf dem Eis hockt das Kind. Es muss ausgerutscht sein und findet nicht zurück. Die Dämmerung fällt schnell, und irgendwo in der Ferne rufen verzweifelt die Eltern. Doch das Kind hört sie kaum – es starrt nur auf die glatte Fläche und traut sich nicht zu bewegen.

Die Raben fliegen auf. Sie kreisen über dem Teich, krächzen, schlagen mit den Flügeln. Doch im Halbdunkel sind sie für das Kind nur Schatten – und ihr Rufen klingt wie Wind, der durch die Äste pfeift.

Da atmet der weiße Rabe tief durch.

Er stößt sich ab und segelt hinunter aufs Eis. Sein Gefieder leuchtet in der Dämmerung wie ein kleiner Stern. Er umkreist das Kind und stößt ein helles, freundliches Krächzen aus.

Das Kind hebt den Kopf. Zwischen Grau und Blau der Winterwelt tanzt ein weißer Vogel. Zögernd steht es auf.

Der Rabe flattert ein Stück Richtung Ufer, wartet, schaut zurück. Wieder flattert er ein Stück. Wieder wartet er.

Und das Kind folgt.

Schritt für Schritt, Stück für Stück führt der weiße Rabe es über das Eis. Die schwarzen Raben beobachten vom Baum aus gespannt: Ihr ausgestoßener Gefährte weist dem Menschenkind den Weg – sicherer als jedes Krächzen aus der Dunkelheit.

Endlich erreicht das Kind das Ufer. Es stolpert durch den Schnee in den Schein einer Laterne – und in die Arme seiner Eltern.

Von oben sieht der weiße Rabe, wie die Eltern das Kind an sich drücken, als hätten sie eben den ganzen Winter verloren und in einem Atemzug wiedergefunden.

Ein alter, pechschwarzer Rabe landet neben dem Weißen. Einen Moment sagt er nichts. Dann nickt er langsam. „Dein helles Gefieder hat heute die Dunkelheit erhellt“, krächzt er.

Nach und nach rückt die ganze Schar näher. Kein Schnabelhieb, kein Ausweichen. In dieser Nacht sitzt der weiße Rabe zum ersten Mal in ihrer Mitte, umgeben von warmem, schwarzem Gefieder.

Und seitdem wagt keiner mehr, ihn zu verlachen oder zu meiden. Denn sie haben verstanden: Manchmal ist genau das, was jemanden anders macht, das, was alle rettet.

Hinweis: Der Text ist eine tierische Erzählung mit fabelhaftem Charakter. Auch wenn er nicht in allen Merkmalen einer klassischen Fabel entspricht, führt die Geschichte am Ende zu einer deutlichen Botschaft.

Was sind Vorurteile?

Moderne Fabel bzw. Geschichte: Der weiße Rabe

Vorurteile sind Gedanken über jemanden, obwohl man die Person gar nicht richtig kennt. Oft entstehen sie, weil jemand anders aussieht, anders spricht, eine andere Kleidung trägt oder andere Dinge mag. Dann denkt man vielleicht: „Der ist bestimmt so und so“ – aber das ist nur eine Vermutung.

Vorurteile können unfair sein und dazu führen, dass jemand ausgeschlossen wird, obwohl er eigentlich nett, klug oder hilfsbereit ist.

Man kann Vorurteile kleiner machen, indem man genauer hinschaut und Fragen stellt: „Wie heißt du? Was magst du? Wie geht es dir?“ Wenn man jemanden besser kennenlernt, merkt man oft, dass die erste Idee gar nicht stimmt.

Jeder Mensch hat Stärken, auch wenn man sie nicht sofort sieht. Und wenn man freundlich bleibt und offen ist, fühlen sich alle mehr dazugehörig – genau wie in der Geschichte vom weißen Raben.

PDF-Download der Fabel „Der weiße Rabe“

Sie finden die Fabel „Der weiße Rabe“ jederzeit online – auch unterwegs gut lesbar auf Smartphone oder Tablet. Wenn Sie die Geschichte ausdrucken möchten, können Sie sich hier das kostenfreie PDF herunterladen:

Der weiße Rabe

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