Am Rand eines Waldes lag ein Spiegelteich. Sein Wasser war so klar, dass jedes Tier sich darin sehen konnte, als wäre es ein blanker Spiegel.
Eines Morgens schob sich ein kleiner roter Drache ans Ufer. Er beugte sich vor und starrte in die glatte Fläche. Im Wasser blickte ihm ein winziges Gesicht entgegen, mit zwei kurzen Hörnchen und einer roten Schnauze.
„So klein“, bedauerte sich der Drache. „Und wenn ich grimmig gucken will, sehe ich trotzdem freundlich aus. Vielleicht bin ich für niemanden etwas Besonderes.“
Da glitt ein Regenbogenfisch unter der Oberfläche vorbei. Seine Schuppen funkelten in Blau, Grün und Gold, als hätte jemand Lichtstücke ins Wasser gestreut.
Der Drache schluckte. „Wow! Du bist… wunderschön!“
Der Fisch blieb in einiger Entfernung stehen, die Flossen ruhig wie Fächer. „Und du bist ein Drache“, sagte er. „Das klingt auch nicht gerade gewöhnlich.“
„Aber ich sehe mich doch“, seufzte dieser und zeigte mit der Kralle auf sein Spiegelbild. „Ich bin klein. Und ich wirke nicht beeindruckend.“
Der Fisch schüttelte den Kopf. „Der Spiegel zeigt dir nur, wie du aussiehst. Er zeigt dir nicht, wozu du fähig bist.“
Der Drache zog die Schultern hoch. „Wozu sollte ich denn fähig sein?“
„Drachen können wärmen“, sagte der Fisch. „Und manchmal brauchen andere genau das.“
Die Tage wurden kürzer. Frost legte sich auf den Wald, und eines Abends war der Spiegelteich mit Eis bedeckt. Erst war es nur eine dünne Schicht, dann wurde sie dicker und härter. Schnee fiel darauf und machte aus dem Teich eine glitzernde, weiße Fläche.
Unter dem Eis wurde es dunkel. Pflanzen wuchsen kaum noch, und das Wasser bewegte sich wenig. Der Sauerstoff, den die Fische zum Atmen brauchten, wurde knapp.
Der Regenbogenfisch schwamm hastig hin und her. „Es wird schwerer zu atmen“, blubberte er. Ein anderer Fisch rief: „Wenn oben alles zu ist, kommt kaum neuer Sauerstoff nach!“
Der kleine Drache stand am Ufer und lauschte. Sein Bauch zog sich zusammen. „Ich bin zu klein“, dachte er. „Was soll ich schon tun?“
Da klopfte etwas von unten gegen die Eisfläche. Eine dünne Stelle gab ein wenig nach, und eine Stimme klang von unten: „Hilfe! Wir brauchen mehr Sauerstoff!“
Der Drache trat vorsichtig näher. Schnee knirschte unter seinen Füßen. „Ich habe Angst“, presste er hervor.
„Angst ist erlaubt“, antwortete der Regenbogenfisch kaum hörbar unter dem Eis. „Aber Weglaufen hilft niemandem.“
Der Drache schluckte. „Ich bin doch nur ein kleiner Drache.“
„Dann sei ein kleiner Drache, der hilft“, blubberte der Regenbogenfisch.
Der Drache atmete tief ein. In seinem Bauch glomm ein warmes Feuer, ruhig und stark. Er beugte sich über eine Stelle am Rand, wo das Eis nicht ganz so dick war.
„Eis“, sagte er leise, „ich bitte dich: mach Platz.“
Das Eis knirschte spöttisch. „Du? Mit deinem Mini-Feuer?“
Der Drache hob den Kopf. „Vielleicht bin ich klein. Aber ich kann wärmen.“
Er pustete seinen heißen Atem über das Eis. Das wurde feucht, dann matt. Risse zogen sich wie dünne Linien, und schließlich schmolz ein rundes Loch frei. Wasser gluckste, und kalte Luft berührte die Oberfläche.
Unter dem Loch wirbelte das Wasser. „Da ist eine Öffnung!“, rief ein Fisch.
Der Regenbogenfisch tauchte auf und jubelte: „Durch das Loch kann wieder mehr Sauerstoff ins Wasser gelangen. Danke, das war echte Drachenkraft!“
Der Drache kniete sich hin, schaute in das dunkle Loch und sah zwischen den Wellen sein Spiegelbild. Klein, ja. Doch seine Augen leuchteten.
„Ich dachte immer, ich könnte nichts richtig“, sagte er.
„Für diese Aktion hier warst du perfekt“, antwortete der Regenbogenfisch. „Nicht die Größe hat geholfen, sondern dein Mut.“
Als die Sonne Wochen später stärker wurde, schmolz das Eis überall. Der Spiegelteich wurde wieder klar. Der kleine Drache kam ans Ufer und sah hinein.
„Na?“, fragte der Regenbogenfisch und drehte eine funkelnde Runde. „Siehst du immer noch nur einen kleinen Drachen?“
Der Drache lächelte. „Ich sehe einen Drachen, der helfen kann.“
Hinweis: Diese Fabel eignet sich zum Vorlesen in Vorschule und Grundschule sowie als Gute-Nacht-Geschichte zuhause. Sie handelt von Selbstvertrauen, Mut und Hilfsbereitschaft.
Mut ist: Angst haben und trotzdem handeln
Manchmal sieht man zuerst das, was fehlt: zu klein, zu schwach, nicht besonders genug. So geht es dem kleinen Drachen am Spiegelteich, als er sich mit dem schimmernden Regenbogenfisch vergleicht und sich unwichtig fühlt. Doch ein Spiegel zeigt nur ein Bild – nicht das, was in einem steckt.
Als der Teich zufriert, zählt nicht mehr der Glanz, sondern die Tat. Der Drache hat Angst, bleibt aber da, denkt nach und handelt – und dadurch hilft er den Fischen.
Die Moral: Mut bedeutet nicht, ohne Angst zu sein, sondern trotz Angst das Richtige zu tun, und dabei kommt die eigene Stärke zum Vorschein.
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