Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

Lesezeit: 5 Minuten

Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

In einem Dorf lebten drei Schwestern: Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein. Einäuglein hatte nur ein Auge, Dreiäuglein drei – und Zweiäuglein sah aus wie die meisten Menschen. Gerade deshalb war sie im eigenen Haus die Fremde. Die Mutter schimpfte über sie, die Schwestern stießen sie zur Seite, und wenn gegessen wurde, blieb für Zweiäuglein manchmal nur ein kleines Stück Brot übrig.

Jeden Morgen bekam sie die Ziege an die Hand gedrückt. „Raus mit dir. Und sieh zu, dass du uns nicht wieder zur Last fällst“, sagte die Mutter.

Zweiäuglein kannte jede Kurve, jeden Stein, jeden Zaunpfahl auf dem Weg. Manchmal wurde ihr dabei schwindlig, und sie musste stehen bleiben, bis das Zittern in den Knien nachließ.

An einem Tag war ihr Magen so leer, dass sie sich am Zaun festhielt, um nicht umzukippen. Dann setzte sie sich ins Gras und presste die Lippen zusammen, weil sie nicht wieder zu weinen anfangen wollte.

Da hörte sie Schritte. Eine fremde Frau stand plötzlich neben ihr, schlicht in grau gekleidet. Ihr Blick war freundlich, als sie Zweiäuglein ansprach: „Was ist los mit dir?“

Zweiäuglein zögerte, dann platzte es aus ihr heraus: „Ich bekomme kaum etwas zu essen. Ich bin so müde. Und ich bin immer schuld an allem.“

Die Frau nickte, als hätte sie das alles schon geahnt. „Dann hör mir gut zu. Deine Ziege kann dir helfen. Wenn du hungrig bist, leg ihr die Hand auf den Rücken und sag: ‚Mecker, mein Zicklein, deck den Tisch!‘ Dann wird Essen da sein. Und wenn du satt bist, sag: ‚Mecker, mein Zicklein, nimm den Tisch zurück!‘

Niemand darf davon erfahren!

Und noch etwas: Falls dir jemand nachschleicht, bring ihn zum Einschlafen. Sag: ‚Schlaf, Einäuglein, schlaf!‘ oder ‚Schlaf, Dreiäuglein, schlaf!‘ – und vergiss dabei kein Auge.“

Zweiäuglein legte der Ziege die Hand auf den Rücken. „Mecker, mein Zicklein, deck den Tisch“, sagte sie mit klopfendem Herzen.

Im nächsten Moment stand tatsächlich ein kleiner Tisch da – gedeckt mit Brot, Käse, Milch und Obst. Zweiäuglein starrte, als müsste sie erst prüfen, ob sie wach war. Dann aß sie. Sie biss zaghaft ab und wartete. Als alles auf dem Tisch blieb, nahm sie noch ein Stück. Und noch eins.

Als sie satt war, sagte sie: „Mecker, mein Zicklein, nimm den Tisch zurück.“

Der Tisch war fort – kein Krümel, kein Teller, nichts. Zweiäuglein dagegen war verändert: Sie fühlte sich zum ersten Mal richtig satt und ein kleines bisschen mutiger. Es war, als hätte ihr jemand eine schwere Last von den Schultern genommen.

Am Abend sah Einäuglein sie genauer an. „Du tust ja, als wärst du zufrieden“, zischte sie. Und Dreiäuglein starrte sie an, als wolle sie ein Geheimnis aus ihr herausziehen.

Am nächsten Tag musste Einäuglein mit auf die Weide. Zweiäuglein blieb kaum Luft vor Angst. Doch sie erinnerte sich an einen weiteren Spruch. Sie streckte die Hand aus und sagte: „Schlaf, Einäuglein.“

Das eine Auge fiel zu, Einäuglein sank ins Gras. Zweiäuglein rief den Tisch, aß, nahm ihn wieder zurück – und Einäuglein merkte nichts.

Am folgenden Tag kam Dreiäuglein. Zweiäuglein wurde heiß und kalt. Sie sprach hastig: „Schlaf, Zweiäuglein, schlaf!“ Zwei Augen schlossen sich. Aber das dritte blieb offen. Dreiäuglein sah, wie der Tisch erschien. Sie sah, wie Zweiäuglein aß. Und sie sah, wie alles wieder verschwand.

Zuhause rannte sie zur Mutter. „Die Ziege zaubert Essen!“ Die Mutter wurde still. Ihr Blick war hart. „Dann brauchen wir die Ziege nicht mehr.“

Am Abend wurde die Ziege geschlachtet. Zweiäuglein kam von der Weide zurück, hörte die Stimmen, sah das Blut, und ihr wurde so schlecht, dass sie sich an der Tür festhalten musste. Sie lief hinaus, bis sie außer Atem war, und weinte bitterlich.

Da stand die fremde Frau wieder bei ihr. „Begrabe, was von der Ziege übrig ist“, sagte sie. „Und geh morgen an dieselbe Stelle zurück.“

Zweiäuglein tat es, und ihre Hände zitterten dabei.

Am nächsten Morgen war an der Stelle ein Baum gewachsen. Seine Blätter glänzten wie Silber, und zwischen den Zweigen hingen Früchte, als wären sie aus Gold.

Einäuglein und Dreiäuglein stürzten herbei. Sie griffen nach den Früchten – doch die Zweige zogen sich hoch, immer genau so weit, dass sie sie nicht erreichen konnten.

Als Zweiäuglein nähertrat, senkten sich die Äste fast von selbst. Eine goldene Frucht lag plötzlich in ihrer Hand.

In diesem Moment ritt ein Prinz den Weg entlang. Er hielt an, sah den Baum und die Frucht. „Ich sehe, wie sich die Zweige vor den anderen zurückziehen – bei dir nicht. Was steckt dahinter?“

Zweiäuglein erzählte, was sie erzählen konnte: von der Ziege, vom Hunger, von dem Haus, in dem sie nie richtig dazugehört hatte. Der Prinz sah ihr ins Gesicht und sagte nur: „Komm mit. Bei mir sollst du sicher sein.“

So ging Zweiäuglein fort. Sie ging mit dem Prinzen, weil sie spürte, dass jetzt ein neuer Anfang möglich war. Hinter ihr glitzerte der Baum zum letzten Gruß.

Hinweis: Diese Geschichte ist eine kurze, vereinfachte Neuerzählung nach dem Grimm-Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“. Als Kind mochte ich dieses Märchen besonders gern.

Wenn Neid alles kaputt macht

Märchen als Gute-Nacht-Geschichte, frei nach Gebrüder Grimm: Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

Dieses Märchen zeigt, wie verletzend es ist, wenn jemand wegen eines Merkmals ausgegrenzt wird – selbst dann, wenn dieses Merkmal eigentlich ganz normal ist. Zweiäuglein wird nicht nach ihrem Herzen beurteilt, sondern danach, ob sie „passt“. So entsteht Ungerechtigkeit, die mit jedem Tag größer wird.

Außerdem macht die Geschichte deutlich, wie Neid Menschen hart und unfair werden lässt. Wer neidisch ist, versucht oft, das Gute bei anderen zu zerstören, statt das eigene Leben zu verändern.

Am Ende gewinnt aber im Märchen nicht die Härte, sondern Freundlichkeit, Mut und Durchhaltevermögen – und daraus kann etwas Gutes entstehen.

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