Der Name des Baumes – Oowungalema

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Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einst in einem Land der Bantu, da brannte die Sonne so heiß, dass die Quellen versiegten und das Gras zu Staub wurde. Die Tiere schlichen mit hängenden Köpfen durch die dürre Steppe, und ihre Kehlen waren trocken wie Rinde.

Da hatte das Land einen König, der war alt und weise und hatte ein Herz für jedes Geschöpf. Er ließ einen Baum in der Mitte der Ebene pflanzen; der war von solcher Art, dass seine Zweige selbst in der Dürre voll reifer Früchte hingen, saftig und süß wie Honig.

Doch der König sprach: „Dieser Baum ist ein Wunder, aber er gehorcht nur einem Wort. Wer seinen geheimen Namen nennt, dem schenkt er, was er trägt.“

Alle Tiere wurden zu dem Baum gerufen. Sie sahen die Früchte prall an den Zweigen hängen, rochen ihren Duft und schluckten den Durst hinunter; aber als sie den Namen nennen sollten, war er ihnen entfallen, als hätte ihn der Wind fortgetragen.

Da erhob sich ein Tumult, und jedes rief einen anderen Laut, und keiner traf den rechten.

„Wir brauchen die Schnellsten“, riefen sie, „die laufen zum König und holen den Namen!“ Und sie schickten den Hasen, denn der war flink wie ein Pfeil.

Der Hase lief, dass die Ohren flogen, sprang über Steine und Dornen und kam zum König, der sprach: „Merke dir gut: Oowungalema.“ Der Hase nickte und rannte zurück.

Er hüpfte an einen Fluss, beugte sich zum Trinken und sah sein Spiegelbild im Wasser. Da gefiel er sich, und sein Kopf wurde leicht; er schmatzte und schüttelte die Tropfen ab – und als er wieder ansetzte, den Namen auszusprechen, war der Name fort, als hätte ihn der Fluss verschluckt. Beschämt kam er heim und brachte das Wort nicht heraus.

Da sandten sie die Springbockkuh, die sprang so hoch, dass sie über Büsche flog. Sie erreichte den König, und der König sprach abermals: „Oowungalema.“ Die Springbockkuh prägte sich den Namen fest ein und setzte zum Heimweg an.

Doch auf dem Pfad lag ein heimtückischer Stein; sie stolperte, überschlug sich, und mit dem Stoß sprang ihr der Name aus dem Kopf, als wäre er ein Körnlein, das man verliert. Ohne den Namen kam sie zurück, und ihr Blick war trübe.

Nun trat der Leopard vor, stolz und stark. „Gebt mir den Auftrag“, sagte er, „ich werden den Namen nicht vergessen.“ Er lief zum König, hörte den Namen und trug ihn wie eine Beute im Kopf.

Aber auf dem Rückweg sah er einen Affen, der frech auf einem Ast saß und ihm die Zähne zeigte. Da fuhr dem Leoparden das Jagdfieber ins Blut; er sprang dem Affen nach, schoss durch das Gesträuch, und der Affe höhnte, bis der Leopard keuchend haltmachte. Als er dann weiter wollte, suchte er in seinem Kopf – …

Zuletzt trat die Schildkröte vor die Tiere. Sie war klein, ihre Beine waren kurz, und ihre Schale zeigte Risse und Schrammen. Die anderen lachten: „Du willst laufen? Bis du dort bist, sind wir verdurstet!“

Doch die Schildkröte hob den Kopf und sprach: „Ich gehe, und ich bringe euch das Wort.“

Sie machte sich auf den Weg, Schritt für Schritt. Die anderen lachten ihr nach, doch sie ließ sich nicht beirren. So kam sie endlich zum König und neigte sich vor ihm. Da sprach der König den geheimen Namen langsam und deutlich: „Oowungalema.“

Die Schildkröte wiederholte ihn sogleich, einmal und noch einmal, und machte sich ohne Zaudern auf den Rückweg. Und damit ihr der Name nicht entglitt, murmelte sie ihn unablässig, bei jedem Atemzug: „Oowungalema, Oowungalema, Oowungalema.“

Als die Sonne auf sie drückte, sprach sie ihn. Als der Sand ihr in die Augen wehte, sprach sie ihn. Als die Nacht kühl wurde, sprach sie ihn. Und wenn jemand sie verspottete, sprach sie ihn erst recht, bis das Wort ihr so vertraut war wie der Klang ihres eigenen Schritts.

Auf dem Rückweg riefen Vögel von oben herab und spotteten: „Oowungalema!“ Die Gazellen tanzten in der Ferne und riefen: „Du redest wie eine alte Trommel!“ Doch die Schildkröte ließ sich nicht beirren. Sie ging, und das Wort ging mit ihr, fest wie ein Stein in der Hand: „Oowungalema, Oowungalema.“

Schließlich kam sie bei dem Wunderbaum an. Die Tiere hatten sich versammelt, müde und hungrig, und ihre Augen waren stumpf geworden. Da stellte sich die Schildkröte unter die Krone, reckte den Hals und sprach mit fester Stimme: „Oowungalema!“

Da rauschte es in den Zweigen, als hätte jemand mit unsichtbarer Hand die Zweige geschüttelt. Die Früchte schwollen, fielen herab, und der Duft breitete sich aus. Die Tiere bissen hinein, so dass der Saft ihnen übers Maul lief. So kehrten ihre Kräfte zurück.

Da sahen sie die Schildkröte dankbar an, die zwar langsam gegangen war und doch die Rettung gebracht hatte.

Von da an verspottete keiner mehr die Langsamen.

Hinweis: Dieses Märchen stammt aus dem Bantu-Raum in Zentral- und Ostafrika und gehört zur mündlichen Erzähltradition, die über viele Generationen weitergegeben wurde. Die Geschichte wurde für Kinder neu erzählt, damit sie sich wie ein klassisches Märchen liest.

Warum Langsamkeit eine Stärke sein kann

Märchen aus Afrika: Der Name des Baumes (Oowungalema)

Langsamkeit bedeutet, dass Handlungen bewusst und Schritt für Schritt erfolgen. Viele Dinge gelingen dann genauer, weil mehr Aufmerksamkeit für Details bleibt und weniger Fehler passieren.

Auch in der Natur kann langsam sein sinnvoll sein: Manche Tiere sparen Energie, warten geduldig ab und geben nicht auf. Beim Lernen wirkt es ähnlich: Wer sorgfältig übt, baut sichere Fähigkeiten auf – etwa beim Lesen, Rechnen, Schreiben oder Basteln.

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Oowungalema

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