Die Wölfin mit dem sanften Blick

Lesezeit: 4 Minuten

Modernes Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Lio. An einem sonnigen Nachmittag ging Lio mit seiner Mutter bis an den Rand des Waldes.

Am Weg entdeckte die Mutter eine Brombeerhecke, zwischen deren Blättern dunkle Beeren glänzten. Erfreut blieb sie stehen und pflückte eine Beere nach der anderen.

Modernes Märchen: Die Wölfin mit dem sanften Blick

In diesem Moment trieb der Wind Blätter über den Weg. Lio hüpfte ihnen nach, sprang von Blatt zu Blatt und lief immer weiter, weil es ihm großen Spaß machte.

Der Pfad wurde immer enger durch Farn und Wurzeln. Über ihm schlossen die Bäume ein hohes, grünes Dach. Lio merkte es erst spät: Hinter ihm war niemand mehr!

Er rief nach seiner Mutter. Im Wald knackte es nur hier und da, sein Rufen ging im Dickicht verloren. Da setzte sich Lio unter eine Tanne und weinte.

Aus dem Unterholz trat eine Wölfin. Sie war groß, aber ihr Blick war sanft. Sie blieb stehen, schnupperte an Lios T-Shirt und berührte mit der Nase seine Hand.

Lio zitterte, doch die Wölfin fletschte keine Zähne. Sie drehte sich um, ging ein paar Schritte und schaute zurück, als wollte sie sagen: Komm mit.

Lio stand auf und folgte ihr, Schritt für Schritt. Die Wölfin führte ihn zu einem Bau unter einer alten Wurzel. Drinnen war es trocken und warm. Die Wölfin legte sich hin und seufzte. Ihre Jungen waren verloren gegangen, und sie suchte sie seit Tagen.

Nun lag Lio hungrig und müde vor ihr. Da gab die Wölfin ihm Milch, damit er Kraft bekam. Ihre Wärme war wie ein Mantel, und Lio schlief ein.

Zur gleichen Stunde geschah am Waldrand etwas ganz anderes.

Die Mutter richtete sich nach dem Brombeerenpflücken auf, nahm den Korb an den Arm und wollte Lio ihren kleinen Beerenschatz zeigen.

Da stockte sie. Neben ihr war kein Kind! Vor ihr lag nur der schmale Pfad, der zwischen Farn und Wurzeln fortführte. Ihr Atem ging hastig. „Lio!“, rief sie in den Wald.

Keine Antwort kam zurück. Der Farn zitterte im Wind, die Schatten wurden länger. Da packte sie der Schrecken. Sie rannte zum Dorf, schlug Alarm und ließ die Leute zusammenrufen.

Bald war das ganze Dorf auf den Beinen. Männer trugen Laternen, Frauen riefen Lios Namen, Kinder hielten sich an den Händen fest.

Auch ein Jäger ging mit, denn niemand wusste, was im Wald geschehen war. Die Mutter ging vorne voran. Den Korb hatte sie längst vergessen.

Im feuchten Boden fanden sie Spuren: kleine Tritte, daneben Pfoten. Der Jäger kniete sich hin, fuhr mit der Hand darüber und nickte. So folgten sie der Spur tiefer zwischen Farn und Wurzeln, bis der Weg ganz schmal wurde und unter einer alten Wurzel endete.

Da hielten sie an, denn aus dem Bau kam Lios Stimme; er brummelte ein Lied, das er kannte. Der Jäger hob die Hand, und alle schwiegen.

Aus dem Dunkel trat die Wölfin. Sie stellte sich vor den Eingang, den Körper gespannt, den Kopf hoch. In ihrem Blick lag keine Drohung. Sie wollte nur hüten, was ihr anvertraut worden war.

Modernes Märchen: Die Wölfin mit dem sanften Blick, Lio ist gefunden

Da rief Lio: „Mama!“ und kroch nach draußen. Er sah die Laternen, sah die vertrauten Gesichter und streckte die Arme aus. Lios Mutter stürzte vor, nahm ihn hoch und drückte ihn fest an sich. Lio lachte und weinte zugleich.

Die Wölfin trat einen Schritt zurück. Ihr Blick blieb ruhig. Der Jäger senkte seine Waffe. Der Bürgermeister trat vor und sagte: „Du hast unser Kind bewacht. Wir tun dir kein Unrecht.“ Dann gingen alle langsam rückwärts, damit die Wölfin keinen Schrecken bekam.

So kehrten die Dorfbewohner erleichtert heim, denn Lio war wohlbehalten. Von diesem Tag an gingen die Menschen achtsamer durch den Wald. Und wenn jemand die Wölfin zwischen den Bäumen sah, ließ man sie ziehen, denn man wusste: Auch im Wald gibt es Trost und Fürsorge.

Hinweis: Dieses Märchen ist frei erzählt, inspiriert von typischen Märchenelementen wie Wald, Suche und unerwarteter Hilfe, dazu mit einer Anlehnung an das alte Motiv von Romulus und Remus, bei dem eine Wölfin Kinder bewahrt.

Wolf im Wald: Ruhe statt Panik

Modernes Märchen: Die Wölfin, hier: Lio wird gesucht

Wölfe sind Wildtiere und meiden Menschen in der Regel; Begegnungen gelten als selten. Gelegentliche Sichtungen in der Nähe von Wegen oder Siedlungen können dennoch vorkommen, etwa wenn unerfahrene Jungwölfe unterwegs sind oder wenn Interesse an Hunden bzw. Nutztieren in der Umgebung entsteht.

Bei einer Wolfsbegegnung werden ruhiges Verhalten und respektvoller Abstand empfohlen. Zieht sich das Tier nicht zurück, wird geraten, die eigene Anwesenheit deutlich zu machen (zum Beispiel durch lautes Sprechen oder Klatschen) und sich langsam zu entfernen; hastiges Weglaufen wird nicht empfohlen.

Hunde sollten eng geführt und angeleint bleiben; außerdem gilt, Wildtiere weder zu verfolgen noch zu füttern. Sichtungen können an die zuständigen Stellen im Bundesland gemeldet werden.

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Die Wölfin

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