Das eitle Kamel, das Hörner wollte

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Fabel Das eitle Kamel mit Bildern für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einmal ein Kamel, das zog durch eine weite Steppe. Die Sonne brannte, der Sand glitzerte, der Weg wollte kein Ende nehmen. Auf seinem Rücken trug es Körbe, Wasserkrüge, Bündel aus Gras. Es war stark und zäh, doch zufrieden war es nie, denn in seinem Kopf saß ein Wunsch, der jeden Tag wuchs: Es wollte bewundert werden.

Eines Tages kam es zu einem Brunnen. Dort stand ein Stier. Seine Hörner ragten hoch, er scharrte mit dem Huf, er stellte sich breit vor das Wasser. Sein Blick sagte: Dieser Platz gehört mir. Das Kamel sah die Hörner und vergaß auf einen Schlag seine Last.

„Hörner!“ rief es. „Solche Hörner will ich. Dann geht jeder zur Seite. Dann schaut jeder zu mir.“

Da machte sich das Kamel auf den Weg zu dem, der über Wind und Wolken wacht. Hoch oben, wo die Luft dünn wird, saß der Himmelskönig. Er schickte Regen, er schickte Hitze. Er sah jedes Tier, das über die Steppe ging.

Das Kamel kniete nieder und sprach: „Himmelskönig, gib mir Hörner.“

Der Himmelskönig fragte: „Wozu begehrst du sie?“

Das Kamel antwortete: „Ich will drohen können. Ich will, das mir alle Platz machen. Ich will, dass die Tiere vor mir zurückweichen.“

Da sprach der Himmelskönig: „Du hast einen starken Rücken. Du hast schnelle Beine. Du hast große Ohren. Mit ihnen hörst du den Ruf der Menschen, das Knacken im Busch, das Heulen in der Nacht. Hörner sind nicht deine Gabe.“

Das Kamel senkte kurz den Kopf. Der Neid ließ es trotzdem nicht los. Es ging hinab, es sah wieder den Stier am Brunnen, es fühlte den Stich im Bauch. Am nächsten Morgen stand es wieder auf dem Hügel.

„Himmelskönig“, sagte es, „ich will Hörner. Gib sie mir.“

Da wurde der Himmelskönig streng. „Du achtest deine Gaben nicht“, sprach er. „Du willst fremde Gaben, statt deine zu würdigen. Darum sollst du nun spüren, was du gering geachtet hast.“

Ein Windstoß fuhr über den Hügel. Staub wirbelte, der Himmel flimmerte. Das Kamel taumelte, es blinzelte, es schüttelte den Kopf.

Am Brunnen angekommen, erschrak es. Seine Ohren waren geschrumpft: Nur zwei kleine Zipfel blieben am Kopf. Das Kamel spitzte die Ohren, es lauschte, es drehte sich im Kreis. Der Ruf der Menschen klang fern, dumpf und klein.

Da raschelte es im hohen Gras. Ein Schatten glitt über den Sand. Ein Schakal schlich heran. Das Kamel hörte seine Schritte nicht. Es sah nur plötzlich die gelben Augen. Da sprang es auf, rannte los, stolperte fast über seine Last und rettete sich zu den anderen Tieren, die nahe beim Wasser standen.

Nun wusste das Kamel: Sein Wunsch hatte einen hohen Preis. Von da an trug es geduldig seine Last, achtete auf jeden Schritt und dankte für jedes bisschen Schutz, das ihm geblieben war.

Von Hörnern sprach das Kamel nie wieder.

Hinweis: Diese Fabel nach Äsop gehört zu einem sehr alten Erzählstoff, der in vielen Sprachen weitergegeben wurde. Von der griechisch-römischen Überlieferung gelangten Äsop-Fabeln durch Übersetzungen und Sammlungen in den Nahen Osten, wurden im Arabischen verbreitet und kamen so auch nach Nordafrika, wo sie in Erzählkreisen, Lehrtexten und mündlicher Tradition bekannt waren. Die vorliegende Version ist neu erzählt, bewusst im Märchenstil, damit Kinder der Vorschule und Grundschule der Handlung gut folgen können. Die Geschichte würde auch gut zu den afrikanischen Märchen passen.

Mut zur eigenen Art

Fabel frei nach Äsop: Das eitle Kamel, das Hörner wollte

In dieser Fabel geht es darum, dass ein Wunsch nach „mehr“ den Blick auf das Gute verstellen kann. Das Kamel hat bereits wichtige Gaben: Kraft, Ausdauer und Sinne, die vor Gefahr schützen. Doch weil diese Dinge für das Kamel ganz normal sind, wirken sie plötzlich langweilig.

Die Fabel zeigt: Was selbstverständlich scheint, ist trotzdem kostbar. Wer lernt, das Eigene zu würdigen, geht sicherer durchs Leben und muss nicht nach Dingen greifen, die gar nicht zu ihm passen.

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Das eitle Kamel

Fabel „Das eitle Kamel, das Hörner wollte“ kurz mit Moral

Ein Kamel sah den Stier mit seinen Hörnern und wollte auch welche, um beeindruckender zu wirken. Es bat den Himmelskönig so lange, bis der verärgert war – und ihm zur Strafe die Ohren verkleinerte. Hörner bekam es keine, aber verlor, was es hatte.

Die Moral: Wer Fremdes begehrt, kann das Eigene verspielen.

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Fabel nach Aesop: Das eitle Kamel
Fabel mit Bildern, kostenlos zum Ausdrucken: Das eitle Kamel
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