An einem sonnigen Morgen flog ein Rabe über Wiesen und Hecken. Er hatte Hunger, und sein Bauch meldete sich deutlich. Da entdeckte er auf einem Fensterbrett ein Stück Käse, das jemand zum Abkühlen hingelegt hatte. „Das ist ja wunderbar!“, krächzte er, schnappte es sich und flog in den nahen Wald.
Er suchte sich einen hohen Baum mit kräftigen Ästen. Von dort oben konnte er alles überblicken: den schmalen Pfad, die Büsche voller Beeren und das Gras, das im Licht glitzerte.
Der Käse duftete cremig und würzig. Der Rabe freute sich schon auf sein Frühstück und hielt das Stück fest im Schnabel, damit es ja nicht herunterfiel.
Unten streifte ein Fuchs vorbei. Er war schlau und immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Seine Nase zuckte, als der Käsegeruch zu ihm hinaufstieg. „Käse!“, dachte er. „Und der Rabe sitzt viel zu hoch für mich. Springen kann ich nicht so weit. Also brauche ich einen Trick.“
Der Fuchs trat unter den Baum und setzte sein freundlichstes Gesicht auf. „Guten Tag, edler Rabe!“, rief er. „Was für ein glänzendes Gefieder du hast! Es schimmert wie schwarzer Samt. Wer dich sieht, staunt.“
Der Rabe fühlte sich geschmeichelt. Er richtete sich auf, machte sich groß und nickte würdevoll.
„Und deine Augen“, fuhr der Fuchs fort, „so wach und klug! Du wirkst wie ein echter Herrscher über die Vögel. Kein Wunder, dass alle Respekt vor dir haben.“
Der Rabe wurde noch stolzer. Er hielt den Käse fest, doch sein Kopf hob sich immer höher.
Da tat der Fuchs, als würde er nachdenken. „Weißt du was? Ich habe auch gehört, deine Stimme sei großartig. Wenn das stimmt, dann ist dein Gefieder nicht das Einzige, das bewundert werden kann. Würdest du mir ein Lied vorsingen? Nur ein kleines, damit ich es selbst hören kann.“
Der Rabe dachte: „Ein Lied, und der Fuchs wird staunen!“ Er atmete tief ein, öffnete den Schnabel – und plumps! Das Käsestück fiel wie ein Stein nach unten.
Der Fuchs war blitzschnell. Er fing den Käse auf, drehte ihn zwischen den Zähnen und grinste. „Vielen Dank für das Frühstück“, sagte er. „Dein Gefieder ist wirklich schön. Doch wer nur auf süße Worte hört, kann leicht seinen Schatz verlieren.“
Damit trabte er davon, verschwand zwischen Farn und Brombeeren und knabberte zufrieden. Der Rabe blieb auf dem Ast zurück.
Ein paar Spatzen flogen vorbei und kicherten, als hätten sie alles mitbekommen. Dem Raben wurde heiß vor Scham, doch dann wurde er ruhig und nahm sich fest vor, künftig erst zu prüfen, ob Lob ehrlich gemeint ist.
Hinweis: „Der Rabe und der Fuchs“ ist eine klassische Fabel, die häufig Aesop zugeschrieben wird. Diese Fassung hier ist eine freie, kindgerechte Nacherzählung.
Wenn Komplimente Köder sind
Wenn Komplimente Köder sind, meint jemand die netten Worte nicht, um freundlich zu sein, sondern um etwas zu bekommen. Genau das macht der Fuchs: Er sagt dem Raben, wie toll er aussieht und wie großartig er angeblich singen kann. Der Rabe freut sich, wird stolz und will es beweisen. Dabei vergisst er, dass er den Käse im Schnabel hält – und genau darauf wartet der Fuchs.
Die Moral ist einfach: Nicht jedes Lob ist ehrlich. Wenn jemand sehr übertrieben lobt und gleich danach etwas von einem will, lohnt es sich, kurz nachzudenken.
Fragen Sie sich: „Warum sagt die Person das gerade?“ So behalten Sie Ihren „Käse“ und lassen sich nicht so leicht austricksen.
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