An einem warmen Spätsommertag streifte ein Fuchs durch die Weinberge. Seine Nase witterte überall leckere Düfte, und sein Bauch brummte: „Knurr … knurr …“ Der Fuchs hatte seit dem Morgen nichts zum Fressen gefunden.
Da sah er zwischen grünen Blättern etwas Glänzendes hängen: ein großes Bündel Trauben! Rund, blau-violett und so prall, dass sie fast platzten.
„Oh, die sehen ja köstlich aus!“, dachte der Fuchs und leckte sich über die Schnauze. Er stellte sich auf die Hinterpfoten und sprang – hüpf! – so hoch er konnte. Aber die Trauben hingen noch ein Stückchen höher. Der Fuchs landete im Gras, schüttelte die Ohren und tat so, als wäre nichts passiert.
„Kein Problem“, murmelte er. „Ich nehme einfach Anlauf.“ Er ging ein paar Schritte zurück, rannte los und sprang wieder – hopps! Diesmal kam er näher heran, doch seine Pfoten schnappten nur nach Luft. Die Trauben schaukelten frech über seinem Kopf.
Auf einem Pfahl saß ein kleiner Spatz und zwitscherte: „Du Fuchs, die hängen wirklich hoch. Mit Nachdenken kommt man manchmal weiter als mit Hüpfen.“
Der Fuchs tat, als hätte er den Spatz gar nicht gehört. „Ich brauche keine Ratschläge!“, fauchte der Fuchs und hüpfte erneut.
Er probierte es wieder. Und wieder. Er sprang mal schräg, mal gerade, mal mit einem kleinen Dreh. Er stellte sich sogar auf einen Stein. Doch egal, wie sehr er sich anstrengte: Die Trauben blieben unerreichbar. Langsam wurde er müde, seine Beine zitterten, und sein Atem ging schnell: „Puh… puh…“
Der Spatz flatterte näher. „Du kannst auch später wiederkommen“, meinte er freundlich. „Oder jemanden bitten, dir zu helfen.“
Der Fuchs schaute kurz zur Seite. Er wollte nicht zugeben, dass er erschöpft war. Und er wollte auf keinen Fall, dass der Spatz denkt: „Der Fuchs kann das nicht.“
Da blickte er zu den Trauben hinauf, zog die Schnauze kraus und sagte laut: „Pah! Diese Trauben sind bestimmt ganz sauer. Die will ich gar nicht!“ Dann drehte er sich um und stolzierte davon, als hätte er sich freiwillig entschieden.
Hinter ihm raschelten die Blätter leise im Wind, und die Trauben hingen weiter sonnig und süß am Stock.
Hinweis: Diese Geschichte ist eine kindgerechte Nacherzählung der antiken Fabel „Der Fuchs und die Trauben“, die Äsop zugeschrieben wird. Eine bekannte lateinische Versfassung stammt von Phaedrus („De vulpe et uva“).
Fuchs-Schlauheit: echt oder nur getan?
Der Fuchs gilt in vielen Geschichten als besonders schlau. Aber in dieser Fabel ist seine „Schlauheit“ eher ein Trick, um sich besser zu fühlen. Er will die Trauben unbedingt haben, doch sie hängen zu hoch. Statt zu sagen: „Das ist schwer“ oder „Ich schaffe es gerade nicht“, tut er so, als hätte er gar kein Interesse. Das klingt mutig – ist es aber eher ein kleiner Selbstschutz, weil ihm die Situation peinlich ist.
Echte Schlauheit zeigt sich anders: Wer wirklich schlau ist, sucht neue Wege. Zum Beispiel könnte man später wiederkommen, jemanden um Hilfe bitten oder überlegen, ob es andere Trauben gibt, die tiefer hängen. Der Fuchs entscheidet sich fürs „Schlechtreden“, damit sein Stolz nicht weh tut.
Die Fabel hilft uns zu merken: Manchmal ist es viel klüger, ehrlich zu sagen „Ich übe noch“ oder „Heute klappt’s nicht“ – und es später nochmal zu versuchen.
PDF-Download der Fabel „Der Fuchs und die Trauben“
Die Fabel „Der Fuchs und die Trauben“ gibt es auch zum Ausdrucken. Als kostenloses PDF können Sie die Geschichte ganz einfach downloaden. So lässt sich die Fabel gemütlich zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule lesen – und die kluge Botschaft am Ende bleibt besonders gut im Kopf:
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