Die Sonne brannte auf den staubigen Weg. Der Bach führte nur noch ein schmales Rinnsal. Eine Krähe flog suchend über die Felder. Ihr Hals war trocken, und jeder Flügelschlag fühlte sich schwerer an als sonst.
Vor einem Haus stand ein Krug. Die Krähe landete daneben und spähte hinein. Unten, ganz tief, schimmerte ein wenig Wasser.
„Gerettet!“, dachte sie – doch als sie den Schnabel hineinsteckte, merkte sie sofort: Der Wasserspiegel stand zu tief. Mit dem Schnabel kam sie nicht heran. Sie rüttelte am Krug und versuchte ihn zu kippen. Vergebens, der Krug war zu schwer.
Ein paar Spatzen hüpften vorbei und tuschelten: „So nah – und doch unerreichbar!“
Die Krähe spürte, wie die Verzweiflung an ihr zog. Wegfliegen? Dann würde sie vielleicht noch länger ohne Wasser bleiben. Also blieb sie stehen, sah sich um und dachte nach.
Neben dem Krug lagen Kieselsteine, klein und handlich. Da blitzte ein Gedanke auf. Die Krähe nahm einen Kiesel in den Schnabel und ließ ihn in den Krug fallen. Plopp! Das Wasser zitterte kurz, stieg aber nur ein winziges Stück. „Das reicht niemals“, piepste ein Spatz.
Die Krähe antwortete nicht. Sie holte den nächsten Stein. Plopp. Dann noch einen. Plopp. Mit jedem Kiesel hob sich der Wasserspiegel ein wenig. Erst kaum sichtbar, dann deutlich: Das Wasser kam näher. Sie beugte sich vor und probierte es erneut – noch zu tief.
Ihr Hals kratzte, als wolle er sie zur Eile drängen. Doch die Krähe blieb bei ihrem Plan: Es ging nicht schnell, aber es ging voran. Also ließ sie den nächsten Stein fallen.
Bald waren die Steine am Rand aufgebraucht. Deshalb flog die Krähe zu einer Schotterstelle am Weg. Die Steine waren warm von der Sonne und rutschten leicht aus dem Schnabel.
Sie wählte sie sorgfältig: nicht zu klein, sonst dauerte es ewig; nicht zu groß, sonst konnte der Krug verstopfen.
Immer wieder flog sie hin und her. In einem Schatten lauerte eine Katze, doch das ständige Ploppen im Krug machte sie unruhig. Schließlich sprang sie davon.
Der Durst drängte zur Eile, aber die Krähe blieb konzentriert. Manchmal prallte ein Stein am Rand ab, manchmal landete er genau in der Mitte. Plopp. Plopp. Plopp. Die Spatzen verstummten. Sie sahen zu, wie das Wasser Stein für Stein nach oben wanderte.
Als der Spiegel den Hals des Krugs erreichte, beugte sich die Krähe vor. Noch ein Stein. Plopp. Jetzt war es so weit: Sie konnte trinken!
Der erste Schluck fühlte sich an wie ein Wunder. Sie trank, bis ihr Hals nicht mehr brannte und sie ihren Durst gelöscht hatte.
Hinweis: Diese Fabel ist unter dem Titel „The Crow and the Pitcher“ („Die Krähe und der Krug“) seit der Antike verbreitet und wird meist Äsop zugeschrieben. Diese Geschichte hier ist eine Neuerzählung der Fabel für Kinder.
Not macht erfinderisch
Wenn es schwierig wird, fängt unser Kopf oft erst richtig an zu arbeiten. Genau dann entstehen neue Ideen: Man schaut genauer hin, probiert etwas aus und entdeckt Wege, auf die man vorher gar nicht gekommen wäre. Das nennt man „Not macht erfinderisch“: Weil man eine Lösung braucht, wird man einfallsreich und findet etwas, das hilft.
Das gilt nicht nur in Fabeln. Wenn etwas außer Reichweite ist, kann ein Hocker, ein Stock, ein anderer Griff oder ein neuer Plan helfen. Manchmal klappt es nicht sofort – doch jede kleine Idee bringt näher ans Ziel.
Wer ruhig bleibt, nachdenkt und dranbleibt, kann aus einer schwierigen Lage manchmal etwas Gutes machen.
PDF-Download der Fabel „Die Krähe und der Krug“
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Fabel „Die Krähe und der Krug“ kurz mit Moral
Eine durstige Krähe entdeckt vor einem Haus einen Krug mit Wasser – aber der Spiegel steht so tief, dass sie nicht trinken kann, und der Krug ist zu schwer zum Umkippen.
Sie überlegt, nimmt Kieselsteine und lässt sie einen nach dem anderen hineinfallen, bis das Wasser Schritt für Schritt steigt.
Als das Wasser hoch genug ist, trinkt sie endlich und löscht ihren Durst.
Die Moral: Wenn Kraft nicht reicht, helfen Geduld und ein kluger Plan – Not macht erfinderisch.
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