Das Versteck am Wiesenweg

Lesezeit: 4 Minuten

Gute-Nacht-Geschichte für Kinder erzählt von Betina Graf

Tim ging gern mit seiner Oma spazieren, besonders im Frühling. Dann roch der Weg nach feuchter Erde und jungem Gras, und überall zeigten sich neue Spitzen an den Zweigen.

„Heute gehen wir bis zur alten Wiese“, sagte Oma und und zog ihren Stock spielerisch über die Kiesel, sodass man ein leises Klackern hörte.

Tim lief einen Schritt vor ihr her. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Entdecker, weil hinter jeder Kurve etwas Neues warten konnte: ein Käfer, ein Federchen, ein besonders runder Stein. Und dann sah er ihn.

Am Rand des Weges lag ein Haufen aus großen und kleinen Steinen. Manche waren grau, manche fast weiß, einige hatten Moosflecken wie kleine grüne Inseln.

Tim blieb stehen. „Oma… guck mal.“

Oma kam neben ihn und sah sofort, warum Tim so guckte. Auf einem flachen Stein lag eine Eidechse. Sie war schmal und glatt, und ihre Farbe passte so gut zu den Steinen, dass man sie erst merkte, wenn man wusste, wonach man sucht. Sie lag lang ausgestreckt da, den Kopf leicht erhoben, als würde sie etwas prüfen.

„Sie sonnt sich“, flüsterte Oma. „Eidechsen brauchen Wärme, damit sie sich gut bewegen können.“

Tim machte einen Schritt nach vorn.

Zack – weg.

Die Eidechse war verschwunden, als hätte jemand ein Licht ausgeknipst. Tim starrte auf den Stein. Nichts. Kein Schwanz, kein Kopf, keine Bewegung.

„Wo ist sie hin?“, fragte er. Sein Herz klopfte. Nicht vor Angst – eher vor diesem Kribbeln, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Oma zeigte mit dem Finger auf den Steinhaufen, ohne ihn zu berühren. „Sie hat eine Tür benutzt.“

„Eine Tür?“ Tim runzelte die Stirn.

„Schau genau“, sagte Oma. „Zwischen den Steinen sind Spalten. Für uns sind das nur Ritzen. Für eine Eidechse sind das Türen und Gänge.“

Tim beugte sich vor, aber diesmal ganz langsam. Er suchte die Stelle, wo sie verschwunden sein könnte. Da: eine dunkle Spalte, gerade groß genug für einen Eidechsenkörper. Tim stellte sich vor, wie sie dort hineinflitzte.

„Kommt sie wieder raus?“, flüsterte er.

Oma lächelte. „Wenn wir warten. Und wenn wir ruhig sind.“

Tim legte die Hände hinter den Rücken und schaute nur noch. Er stellte die Füße nebeneinander. Er atmete einmal tief ein und ließ die Luft langsam wieder raus. Der Steinhaufen sah plötzlich wirklich aus wie eine Burg – mit vielen Eingängen.

Eine Minute verging. Vielleicht auch nur eine halbe. Tim hörte plötzlich mehr als sonst: ein Vogelruf weit oben, das Rascheln eines Busches, irgendwo ein entferntes Fahrrad.

Dann sah er es.

Ganz am anderen Ende des Steinhaufens, dort wo die Sonne auf einen warmen Stein fiel, schob sich ein Kopf hervor. Erst nur die Nase, dann die Augen. Die Eidechse blieb einen Moment so, als würde sie prüfen, ob die Luft sicher war. Dann kam sie heraus, Stück für Stück, und legte sich wieder auf den Stein.

Tim grinste so breit, dass seine Wangen wehtaten. „Sie hat eine andere Tür genommen!“

„Genau“, sagte Oma. „Manchmal findet man etwas Besonderes, indem man einfach beobachtet.“

Tim schaute der Eidechse zu, wie sie sich ein kleines bisschen drehte, damit die Sonne ihren Rücken traf. Als wäre Wärme ein Schatz, den man sammeln kann.

Auf dem Rückweg fragte Tim: „Glaubst du, sie merkt sich, welche Tür wohin führt?“

Oma zwinkerte. „Bestimmt. Und heute hast du geübt, geduldig zu sein.“

Eidechsen-Fakten kurz und bündig

Gute-Nacht-Geschichte für den Frühling: die Eidechse

Eidechsen sind kleine Reptilien mit Schuppenhaut und einem langen Schwanz. Weil sie „kaltblütig“ sind, brauchen sie Wärme von außen: Darum sitzen sie gern auf sonnigen Steinen oder Mauern, bis ihr Körper warm genug ist, um flink zu laufen.

Wenn eine Eidechse Angst bekommt, flitzt sie blitzschnell in eine Spalte oder unter einen Stein. Am besten beobachtet man sie aus ein bisschen Abstand und bewegt sich langsam – dann bleibt sie oft länger zu sehen. Manche Eidechsen können sogar ihren Schwanz abwerfen, wenn sie sich stark bedroht fühlen. Der wächst später wieder nach, aber das kostet viel Energie – deshalb: lieber nur schauen und in Ruhe lassen.

PDF-Download der Einschlafgeschichte „Das Versteck am Wiesenweg“

Hier können Sie die Gute-Nacht-Geschichte „Der Gast im Wald“ als PDF downloaden und ausdrucken:

Das Versteck am Wiesenweg

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Gute-Nacht-Geschichte für Kinder zum Vorlesen und Ausdrucken: Das Versteck am Wiesenweg
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