Tanz der Kirschblüten

Im April gab es ein paar Tage, an denen Tom und Emil auf dem Heimweg absichtlich durch die Kirschallee gingen. Der Weg war länger als der durch die Seitenstraßen, aber das spielte keine große Rolle. Die Bäume standen jetzt in voller Blüte, dicht an dicht, und schon von der nächsten Kreuzung aus konnte man das Rosa zwischen den Häusern sehen.
An diesem Nachmittag war es warm genug, dass Emil seine Jacke offen trug. Tom hatte seine längst ausgezogen und unter den Arm geklemmt. Sie waren noch nicht weit in die Allee hineingegangen, als der Wind durch die Bäume fuhr.

Über ihnen bewegten sich die Zweige. Blütenblätter lösten sich und trudelten herunter, erst einzelne, dann so viele, dass Emil den Kopf hob und einfach stehen blieb.

Ein paar Blätter landeten in seinen Haaren.

Tom zog sein Handy aus der Hosentasche.

„Bleib genau so stehen. Ehrlich, beweg dich nicht. Das sieht gut aus.“

Natürlich bewegte Emil sich trotzdem. Er strich sich über die Haare, fand ein Blütenblatt und betrachtete es kurz auf seiner Handfläche. Inzwischen war der Wind schon wieder vorbei.

Tom machte trotzdem ein Foto.

Emil kam zu ihm herüber. Auf dem Display sah man hauptsächlich einen rosa Baum, einen Teil des Weges und Emil mit einer Hand mitten vor dem Gesicht.

„Das kannst du gleich wieder löschen.“

Tom löschte es nicht. Er behauptete, man könne später immer noch entscheiden.

Sie gingen weiter und suchten nach einer Stelle, an der die Bäume besonders dicht über den Weg ragten. Tom wollte ein Foto, auf dem möglichst viel von den Blüten zu sehen war. Emil war das nach einer Weile ziemlich egal. Er schob mit den Schuhen die Blütenblätter am Boden vor sich her und versuchte, einen besonders großen Haufen zusammenzubekommen.

Dabei übersah er beinahe, dass ein Mann ihnen mit einem kleinen Hund entgegenkam.

Der Hund war weiß, jedenfalls größtenteils. An den Beinen war sein Fell grau vom Staub des Weges. Er lief an einer langen Leine und schnupperte so gründlich unter jedem Baum, dass sein Besitzer immer wieder stehen bleiben musste.

Emil kannte den Hund vom Sehen.

„Das ist doch Flocke.“

Der Mann hörte ihn und nickte. „Ja. Und heute braucht er offenbar für jeden einzelnen Baum eine persönliche Untersuchung.“

Flocke hob kurz den Kopf, als hätte er seinen Namen verstanden, und steckte die Nase gleich wieder zwischen die Blütenblätter.

Tom und Emil gingen weiter. Hinter ihnen hörten sie den Mann noch einmal etwas zu Flocke sagen, dann klapperte die Leine über den Weg.

Unter dem nächsten Baum blieb Tom erneut stehen.

Hier gefiel es ihm. Die Äste hingen weit herunter, auf dem Boden lag ein dicker Teppich aus Blüten, und dahinter konnte man die Allee noch ein gutes Stück entlangsehen.

Diesmal sollte Emil das Handy nehmen.

Tom stellte sich unter den Baum und versuchte zunächst, ganz normal auszusehen. Gerade das gelang ihm nicht. Sobald Emil das Handy hob, zog Tom die Schultern zurück und bekam einen Gesichtsausdruck, den er sonst nie hatte.

Emil ließ das Handy sinken.

„So guckst du doch überhaupt nicht.“

Tom strich sich durchs Haar. „Dann sag mir halt, wann du fotografierst.“

Beim nächsten Versuch sagte Emil nichts. Er wartete einfach.

Tom schaute erst zur Seite, dann nach oben in den Baum. Ein Blütenblatt landete auf seiner Schulter. Noch eines blieb an seinem Ärmel hängen.

Emil drückte ab.

Das Bild war gar nicht schlecht.

Tom fand allerdings, dass er darauf merkwürdig stand.

Also noch eins.

Beim zweiten hatte er die Augen geschlossen.

Beim dritten hielt Tom seine Jacke so ungeschickt vor den Bauch, dass es aussah, als würde er etwas darunter verstecken.

Nach dem vierten Versuch wollte Emil nicht mehr.

Er gab Tom das Handy zurück und setzte sich auf die niedrige Mauer am Rand des Weges. Neben seinem Schuh lag eine fast vollständig erhaltene Kirschblüte. Er hob sie auf, steckte sie sich erst hinter das Ohr und nahm sie gleich wieder heraus, weil Tom ihn schon durch die Kamera ansah.

„Vergiss es.“

Tom hatte trotzdem ein Foto gemacht.

Emil sprang von der Mauer und versuchte, ihm das Handy abzunehmen. Tom wich lachend zurück. Sie rannten ein paar Schritte zwischen den Bäumen hin und her, bis ihnen derselbe kleine weiße Hund wieder entgegenkam.

Diesmal ohne seinen Besitzer direkt daneben.

Flocke schleppte die Leine hinter sich her.

Er blieb kurz vor Emil stehen, sah zu ihm hoch und sprang dann mitten in den Blütenhaufen, den Emil vorher mit den Schuhen zusammengeschoben hatte.

Die Blüten flogen auseinander.

Emil sah seinen Haufen verschwinden.

„Na toll.“

Flocke schien damit sehr zufrieden zu sein. Er drehte sich einmal um sich selbst, nieste und schüttelte sich so heftig, dass Blütenblätter aus seinem Fell flogen.

Weiter hinten kam der Mann schnellen Schrittes über den Weg.

„Flocke! Jetzt reicht es aber.“

Der Hund reagierte erst, als sein Besitzer fast bei ihm war. Dann setzte er sich hin, als hätte er die ganze Zeit genau dort sitzen wollen.

Tom hatte das Handy noch in der Hand.

Er machte ein Foto.

Nicht von Emil allein und auch nicht von den Bäumen. Auf dem Bild stand Emil mitten zwischen den heruntergefallenen Blüten. Neben ihm saß Flocke mit schiefem Kopf. Der Mann war ein paar Schritte dahinter zu sehen und bückte sich gerade nach der Leine.

Über ihnen bewegten sich die Zweige wieder.

Der Wind kam zurück.

Blütenblätter fielen auf Emil, auf den Hund und auf den Weg. Flocke schnappte nach einem, das dicht vor seiner Nase vorbeiflog, und verfehlte es.

Tom machte noch ein zweites Bild.

„Jetzt komm du auch“, sagte Emil. „Sonst hast du nachher hundert Fotos und bist auf keinem drauf.“

Der Mann hatte inzwischen Flockes Leine wieder in der Hand. Als Tom ihn bat, kurz ein Foto von ihnen zu machen, nahm er das Handy bereitwillig.

Tom stellte sich neben Emil. Erst standen beide wieder viel zu gerade. Dann stupste Flocke gegen Emils Knie, Emil sah nach unten, Tom musste lachen – und genau in diesem Augenblick drückte der Mann auf den Auslöser.

Später, schon fast am Ende der Allee, sahen sie sich die Bilder an.

Tom wischte an den misslungenen Fotos vorbei. Emil mit der Hand vorm Gesicht. Tom mit geschlossenen Augen. Der Einkaufstrolley. Emils Blüte hinter dem Ohr.

Dann kam das letzte.

Sie standen beide unter den Kirschbäumen. Emil schaute zu Flocke hinunter, Tom halb zu Emil, halb zur Kamera. Im Hintergrund hielt der Mann die Leine, und über den ganzen Weg flogen die rosa Blütenblätter.

Emil nahm Tom das Handy aus der Hand und sah sich das Bild noch einmal an.

„Das behalten wir.“

Warum „schneit“ es Blüten?

Tanz der Kirschblüten, Gute-Nacht-Geschichte

Wenn Kirschbäume blühen, sitzen viele zarte Blütenblätter nur locker an der Blüte. Sobald ein Windstoß kommt, lösen sich manche Blütenblätter und werden mitgenommen. Sie drehen sich in der Luft, wirbeln herum und sinken langsam nach unten.

Das sieht aus wie Schneeflocken – nur rosa und viel leichter.

Manchmal fällt besonders viel „Blütenschnee“, wenn die Blütezeit schon ein paar Tage läuft oder wenn es kurz zuvor geregnet hat. Dann werden die Blütenblätter schwerer und lassen sich leichter abpusten.

Auf dem Boden entsteht ein weicher Teppich aus Blütenblättern. Für die Bäume ist das ganz normal: Aus den Blüten sollen später Früchte werden, und wenn die Zeit vorbei ist, dürfen sie die Blütenblätter wieder loslassen.

PDF-Download der Gute-Nacht-Geschichte „Tanz der Kirschblüten“

Wenn Sie „Tanz der Kirschblüten“ gern ohne Handy oder Tablet griffbereit zum Vorlesen haben möchten, können Sie diese Gute-Nacht-Geschichte hier als PDF herunterladen und ausdrucken:

Tanz der Kirschblüten

Gute-Nacht-Geschichte „Tanz der Kirschblüten“ teilen

Hat Ihnen der „Tanz der Kirschblüten“ gefallen? Dann nehmen Sie die Geschichte mit zu Pinterest. Dort können Sie sich eines der Bilder für später merken oder die Geschichte mit anderen teilen, die fröhliche Frühlingsgeschichten für Kinder mögen.

Märchen und Klanggeschichten (nicht nur) zum Einschlafen:

Märchen

Klanggeschichten