Es war ein warmer Frühlingstag, so einer, bei dem die Luft nach Gras riecht und alles ein bisschen heller klingt als sonst.
Leni lief barfuß über den Gartenweg, ganz langsam, weil sie überall etwas Neues entdecken wollte: ein Blatt, das sich eingerollt hatte, eine winzige Ameise, die eine Brotkrume zog, und oben im Apfelbaum… ein leises, rundes Brrrmmm.
Sie blieb stehen und legte den Kopf schief. „Hörst du das auch?“, fragte sie Mama, die gerade die Gießkanne abstellte.
„Das Summen?“, sagte Mama. „Ja. Da arbeitet jemand.“
Leni schlich näher an den Apfelbaum. Nicht rennen, nicht fuchteln, hatte sie gelernt. Einfach gucken. Der Apfelbaum war voller Blüten: weiß mit einem Hauch Rosa, als hätte jemand ganz vorsichtig Farbe darübergepustet.
Und da war sie: eine Hummel. Dick, flauschig, mit gelb-schwarzen Streifen, als hätte sie einen warmen Pullover an. Sie saß mitten auf einer Blüte, so fest, als würde sie sich an einem kleinen Geländer festhalten.
Leni hielt den Atem an.
Die Hummel steckte ihren Kopf tief in die Blüte hinein. Einen Moment lang sah man nur noch ihren runden Rücken. Dann zog sie den Kopf wieder heraus, drehte sich ein bisschen, und krabbelte zur nächsten Blüte.
„Was macht sie da?“, fragte Leni.
Mama kniete sich neben sie, damit sie beide gleich gut schauen konnten. „Sie trinkt Nektar“, antwortete sie. „Das ist wie Hummel-Saft. Davon bekommt sie Energie.“
Leni beobachtete weiter. Die Hummel machte es immer gleich: landen – Kopf rein – kurz still – weiter. Manchmal vibrierte sie ein bisschen, als würde sie sich schütteln, aber ganz kontrolliert, wie jemand, der eine Decke glattzieht.
Und dann sah Leni es: An den Beinchen der Hummel klebte etwas Gelbes. Erst war es nur ein Hauch, dann wurde es mehr, als die Hummel sich mit den Beinen über den Bauch strich und alles zusammensammelte.
„Sie hat… Goldstaub!“, hauchte Leni.
Mama lächelte. „Der heißt Pollen. Aber ja… er sieht ein bisschen aus wie Goldstaub.“
Leni mochte das Wort so sehr, dass sie es behielt wie einen kleinen Schatz im Kopf: Goldstaub.
Die Hummel kletterte weiter, von Blüte zu Blüte. Und jedes Mal, wenn sie in eine neue Blüte krabbelte, blieb ein bisschen von dem Goldstaub an der Blüte hängen. Leni konnte die Körnchen kaum erkennen. Aber in ihrem Kopf war es klar: Die Hummel hinterlässt winzige Spuren von Blüte zu Blüte.
„Wozu nimmt sie den Goldstaub mit?“, fragte Leni.
„Für ihr Zuhause“, sagte Mama. „Pollen ist Essen für die Hummelkinder. Und nebenbei hilft sie dem Baum. Wenn der Goldstaub von Blüte zu Blüte kommt, kann der Apfelbaum später kleine Äpfel machen.“
Leni hob den Blick. Der Baum war auf einmal wie eine kleine Welt, in der unauffällig gearbeitet wurde.
„Also fängt ein Apfel… jetzt schon an?“, fragte sie.
„Genau“, sagte Mama. „Ein Sommerapfel beginnt in einer Frühlingsblüte.“
Leni stellte sich einen Apfel vor, noch winzig klein, kaum größer als ein Erbsenpunkt, irgendwo hinter einer Blüte versteckt. Und die Hummel, die dazu beitrug, ohne es groß zu merken.
Die Hummel flog plötzlich auf. Nicht hektisch, eher wie ein schwerer, gemütlicher Ballon. Sie brummte kurz durch die Luft, zog eine kleine Kurve und landete wieder – auf einer anderen Stelle im Baum.
Leni zuckte zusammen und machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Alles gut“, flüsterte Mama. „Du hast ihr nichts getan. Du schaust nur.“
Nach einer Weile spürte Leni, dass ihre Augen müde wurden – nicht weil es langweilig war, sondern weil das Summen so gleichmäßig war. Es klang wie ein kleines Motorboot in weiter Ferne: ruhig, zuverlässig, immer ähnlich.
„Ich glaube, ich könnte bei dem Summen einschlafen“, sagte sie.
Mama legte einen Arm um sie. „Dann merken wir uns das für später.“
Leni war inzwischen fertig fürs Bett – na gut, wenigstens im Schlafanzug. Sie ging noch einmal ans Fenster und schaute in den Garten. Der Apfelbaum lag schon im Dämmerlicht, und die Blüten wirkten nur noch wie kleine helle Punkte.
„Ist die Hummel jetzt auch müde?“, fragte Leni.
„Bestimmt“, sagte Mama. „Viele Insekten sind abends weniger unterwegs. Und morgen, wenn’s wieder warm ist, summt es wieder.“
Leni ging ins Bett. Die Decke fühlte sich an wie ein weiches Nest. Mama machte das Licht aus. Leni kuschelte sich zurecht und schloss die Augen.
„Erzählst du mir noch einmal die Reihenfolge?“, murmelte sie.
Mama flüsterte: „Landen. Nektar trinken. Goldstaub sammeln. Weiter zur nächsten Blüte.“
Leni wiederholte es im Kopf, langsamer und langsamer:
landen… trinken… Goldstaub… weiter…
„Das Summen klingt wie ein Schlaflied“, flüsterte Leni.
Mama lächelte im Dunkeln. „Dann träum was Schönes.“
Fakten zur Hummel kurz und bündig
Hummeln sind flauschige Insekten, die man oft auf Blumen sieht. Sie trinken dort Nektar – das ist ihr „Energiesaft“ – und sammeln Pollen, also feinen Blütenstaub. Wenn sie von Blüte zu Blüte fliegen, bleibt ein bisschen Pollen hängen, und so helfen sie Pflanzen dabei, später Samen oder Früchte zu bilden.
Für Kinder sind Hummeln meistens nicht gefährlich, solange man sie in Ruhe lässt. Am besten schaut man nur zu, hält etwas Abstand und fuchtelt nicht mit den Händen. Dann kann die Hummel ganz entspannt weitertrinken und „Goldstaub“ sammeln.
PDF-Download der Einschlafgeschichte „Goldstaub im Frühling“
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