Als das Einhornkind zum ersten Mal das Meer sah, blieb es so plötzlich stehen, dass Jona fast mit ihm zusammenstieß.
Vor ihnen lag das Wasser bis zum Horizont, blaugrün, glänzend und unaufhörlich in Bewegung. Welle um Welle rollte heran, warf weißen Schaum an den Strand und glitt wieder zurück. Es roch nach Salz, Tang und Wind. Über den Dünen zogen Möwen ihre Kreise, und ganz fern stand die Sonne eben erst über dem Wasser.
Das Einhornkind hob den Kopf und schaute staunend hinaus. „So viel Wasser auf einmal“, murmelte es. „Das ist ja, als hätte jemand den Himmel auf die Erde gegossen.“
Jona grinste. „Ich habe dir doch gesagt, dass das Meer größer ist als alles, was du kennst.“
Sie waren sehr früh aufgebrochen, noch vor Sonnenaufgang. Jonas Eltern schliefen, als er aus dem Haus geschlüpft war. Der Strand lag um diese Stunde fast verlassen da. Kein Kind baute Burgen, niemand trug Badetaschen, niemand rief nach einem verlorenen Handtuch.
Nur die ersten Vögel waren wach, und der Morgen war so frisch, dass das Einhornkind unbesorgt mit erhobenem Kopf neben Jona hergehen konnte. Sein Horn schimmerte rosig im jungen Licht.
„So gefällt es mir“, sagte es zufrieden. „Keine Menschen, kein Verstecken. Nur Wind und Meer.“
„Ich finde“, sagte Jona, „dass dein Horn zum Sonnenaufgang passt. Fast so, als hätte der Morgen ein Stück Glanz an dich abgegeben.“
Das Einhornkind sah ihn von der Seite an. „Heute bist du aber feierlich.“
„Heute sehe ich zum ersten Mal ein Einhorn am Meer“, erwiderte Jona. „Da darf man schon ein bisschen feierlich sein.“
Sie gingen weiter an den Rand einer kleinen Bucht, die zwischen dunklen Felsen lag. Das Wasser war hier klarer als anderswo. Im nassen Sand glänzten Muscheln, Tangfäden und glatt geschliffene Steine. Jona hob einen Stein auf, der rund war wie ein Ei und silberne Sprenkel hatte.
Da hob das Einhornkind plötzlich den Kopf.
„Hörst du das?“
Jona lauschte. Erst war nur das Rauschen der Brandung zu hören. Dann kam zwischen zwei Wellen ein seltsamer Laut herüber – hell, langgezogen und fremd. Nicht wie eine Möwe. Nicht wie eine Ente. Nicht wie irgendein Tier, das Jona kannte.
„Da!“ sagte das Einhornkind. „Schon wieder!“
Es lief ein paar Schritte näher ans Wasser. Sein Horn begann warm zu werden, und ein silbriger Schein huschte daran entlang.
Wieder erklang der Ruf.
Diesmal kam er aus der Bucht.
Mit einem Mal durchbrach etwas die Wasseroberfläche. Zuerst sahen sie nur einen dunklen Rücken. Dann erschien ein runder Kopf. Und dann erkannten sie ihn ganz deutlich: einen Narwal.
Sein langer Stoßzahn ragte schräg nach vorn, elfenbeinfarben, glatt und hell. Er sah das Einhornkind an, als hätte er genau auf dieses Treffen gewartet.
Das Einhornkind riss die Augen auf. „Dich gibt es ja wirklich!“
Der Narwal hob sich ein wenig aus dem Wasser. „Natürlich gibt es mich“, sagte er.
Das Einhornkind trat noch näher ans Wasser. „Bist du einer von denen, von denen die alten Einhörner erzählen?“
Der Narwal drehte den Kopf ein wenig schräg. „Vielleicht erzählen die alten Einhörner von uns. Vielleicht erzählen wir auch von euch. In sehr alten Zeiten waren Land und Meer einander näher, als die Menschen heute glauben.“
„Dann stimmt es also“, sagte das Einhornkind. „Es gibt wirklich Wesen im Meer, die uns ähnlich sind.“
„Ähnlich genug“, antwortete der Narwal. „Und verschieden genug, dass jeder in seiner Welt zuhause sein kann.“
Jona näherte sich vorsichtig. „Warum hast du gerufen?“
Da veränderte sich der Blick des Narwals. Eben noch hatte etwas Freundliches darin gelegen, nun lag Ernst darin.
„Weil dort draußen ein kleines Leben in Not ist.“
Er wandte sich halb zur offenen See. Im selben Augenblick hörten sie ein hastiges Platschen. Zwischen zwei Felsen trieb etwas im Wasser. Jona kniff die Augen zusammen.
„Eine Schildkröte!“
Es war eine junge Meeresschildkröte. Sie paddelte verzweifelt, kam aber kaum voran. Um eine Flosse hatte sich eine durchsichtige Plastikschnur gewickelt. Ein Stück Netz hing hinter ihr her und machte das Schwimmen fast unmöglich.
„Wir müssen sie befreien!“, rief Jona.
„Schnell“, sagte der Narwal. „Die Strömung treibt sie gegen die Klippen.“
Jona warf Schuhe und Strümpfe in den Sand und watete los. Das Wasser war so kalt, dass er die Luft scharf einzog. Erst reichte es ihm bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Knien. Die Schildkröte erschrak und ruderte noch hastiger.
Da senkte das Einhornkind den Kopf.
Ein schmaler, silberner Glanz lief von seinem Horn über das Wasser.
Sofort wurden die Wellen ruhiger. Nicht ganz still, denn das Meer kennt keine völlige Ruhe. Aber sanfter, als hätte es verstanden, dass jetzt Hilfe nötig war.
Die Schildkröte hörte auf zu zappeln.
Jona packte das Netz und versuchte, es von ihrer Flosse zu lösen. Es hatte sich fest verheddert. Schließlich bekam er es zu fassen und zog es Stück für Stück ab.
Dann war die kleine Schildkröte frei!
Einen Herzschlag lang trieb sie bloß da, als könne sie es selbst kaum fassen. Dann paddelte sie einen kleinen Kreis um Jona und das Einhornkind. Ihre dunklen Augen glänzten, und ehe sie davonschwamm, hob sie noch einmal den Kopf aus dem Wasser.
„Sie bedankt sich“, sagte das Einhornkind.
Der Narwal stieß einen tiefen Ton aus, der durch die Bucht zog. „Ihr habt ihr die Freiheit zurückgegeben.“
Jona kam ans Ufer zurück und setzte sich schwer atmend in den Sand. Seine Hosenbeine klebten nass an den Beinen. „Wer wirft so etwas überhaupt ins Wasser?“
Der Narwal schwieg einen Augenblick. Dann sagte er: „Manches geht verloren. Manches wird achtlos weggeworfen. Für die Meerestiere macht das keinen Unterschied. Gefährlich ist beides.“
Das Einhornkind betrachtete die Schnur in Jonas Hand. Dann sah es sich am Strand um. Zwischen Muscheln, Tang und Steinen lagen noch mehr Dinge, die nicht dorthin gehörten: eine zerdrückte Flasche, ein Deckel, ein verheddertes Band, eine Tüte, halb im Sand vergraben.
„Dann fangen wir hier an“, sagte es.
Und so begannen sie zu sammeln.
Jona ging am Ufer entlang und hob alles auf, was Menschen achtlos zurückgelassen hatten. Das Einhornkind suchte zwischen den Steinen, wo seine scharfen Augen sogar durchsichtige Schnüre fanden. Der Narwal schwamm in der Bucht und schob mit der Stirn treibende Reste ans Land.
Als sie fertig waren, wirkte die kleine Bucht wieder freundlich und sauber.
Der Narwal kam noch einmal ganz nahe heran. „Nun kennst du die Wahrheit“, sagte er zum Einhornkind. „Ihr wacht über Quellen, Waldpfade und Lichtungen. Wir wachen über Strömungen, Buchten und das tiefe Wasser. Wir leben nicht am selben Ort. Aber wir gehören zur selben alten Ordnung.“
„Dann sind die Geschichten wahr“, sagte das Einhornkind.
Einen Augenblick lang sahen sie einander an: das Einhornkind am Strand, mit salzigem Wind in der Mähne, und der Narwal im Wasser, uralt und klug.
Dann glitt der Narwal davon.
Erst sahen sie noch seinen Rücken. Dann nur den hellen Stoßzahn. Schließlich war nichts mehr zu erkennen als die sich schließenden Wellen.
Jona band den Sack mit dem gesammelten Müll zu. „Früher habe ich gedacht, Legenden seien bloß Geschichten.“
Sie machten sich auf den Rückweg. Der Strand lag immer noch fast menschenleer da, doch nun sah man in der Ferne die ersten winzigen Punkte zwischen den Dünen. Bald würden Familien kommen, Kinder, Strandkörbe, Eimer, Rufe, Lachen, Fußspuren überall.
„Gut, dass wir so früh da waren“, sagte Jona.
Das Einhornkind lächelte. Sie gingen nebeneinander im warmen Sand, Jona mit dem schweren Sack in der Hand, das Einhornkind mit hoch erhobenem Kopf.
Über ihnen kreisten die Möwen. Hinter ihnen rauschten die Wellen.
Und weit draußen sprang für einen flüchtigen Moment ein heller Schatten aus dem Wasser, als wollte jemand noch einmal grüßen.
Narwale – die Einhörner des Meeres
Narwale sind echte Meerestiere. Sie leben weit oben im kalten Norden, im eisigen Meer. Besonders auffällig ist ihr langer, gedrehter Stoßzahn. Er sieht ein bisschen so aus wie das Horn eines Einhorns.
Genau deshalb gibt es eine Verbindung zu den Einhörnern in alten Geschichten. Früher kannten viele Menschen Narwale noch gar nicht. Wenn dann irgendwo ein langer Narwalzahn auftauchte, glaubten manche, das müsse das Horn eines Einhorns sein. So half der Narwal mit, dass die Einhorn-Legenden noch geheimnisvoller wurden.
Heute wissen wir: Einhörner gehören in Märchen, Narwale gehören in die Natur. Aber ihr Aussehen erinnert bis heute daran, wie aus echten Tieren wunderbare Geschichten entstehen können.
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