Es war an einem Nachmittag im Spätsommer, als das Einhornkind auf dem alten Farnweg durch den Silberwald trottete und sich an den süßen Düften des Waldes freute. Über ihm zogen weiße Wolken, zwischen den Bäumen blinkte die Sonne, und irgendwo klopfte ein Specht, als hätte er es besonders eilig.
Eigentlich war es ein ganz gewöhnlicher Tag.
Bis das Einhornkind an der Quelle hinter dem Brombeerhang etwas sah, das ganz und gar nicht in den Wald gehörte.
Es lag halb im Moos, halb auf einem flachen Stein. Schwarz war es, glatt, rechteckig und fremdartig. Erst glaubte das Einhornkind, es sei eine besonders merkwürdige Art von Spiegel. Dann glaubte es, es sei vielleicht eine Schachtel für Zauberkekse. Schließlich trat es näher heran, stupste mit dem Huf dagegen und sagte:
„Was bist du denn für ein seltsames Etwas?“
In diesem Augenblick begann es zu leuchten.
Das Einhornkind machte einen Satz rückwärts.
Auf der schwarzen Fläche erschien plötzlich ein Bild. Und was für eins! Ein Junge mit zerzausten Haaren, Sommersprossen auf der Nase und offenem Mund starrte ihm entgegen.
„Jona!“, rief das Einhornkind.
Denn natürlich war es Jona. Jona aus der Menschenwelt. Jona, sein Freund, mit dem es schon am Meer gewesen war und der stets dort auftauchte, wo etwas Spannendes geschah.
Nur dass Jona nicht wirklich im Wald stand. Er war bloß in diesem flachen Ding zu sehen.
„Was machst du denn da drin?“, fragte das Einhornkind verblüfft.
Doch Jona antwortete nicht. Das Bild verschwand wieder. Dann war die Fläche schwarz wie zuvor.
Das Einhornkind umrundete das Ding einmal. Es schnupperte daran. Es roch nach Jonas Tasche, nach ein wenig Sand und nach Menschenwelt. Da fiel ihm ein, dass Jona gestern im Wald gewesen war, um Kastanien zu sammeln. Wahrscheinlich hatte er das Ding verloren.
„Aha“, murmelte das Einhornkind. „Dann ist dies also ein Menschenzauberding.“
Es hob das Handy vorsichtig mit beiden Vorderhufen auf. Gar nicht so leicht war das, denn Menschen haben für solche Dinge Hände, und Einhornkinder haben Hufe. Immerhin schaffte es das Handy bis zu einer Baumwurzel, setzte es dort ab und betrachtete es genauer.
Da begann es von Neuem zu leuchten.
Diesmal erschien kein Bild, sondern eine Reihe kleiner Zeichen: eine Glocke, ein Briefumschlag, ein grüner Kreis, ein rotes Herz, ein Gesicht mit Tränen und ein gelbes rundes Ding, das grinste, als habe es einen Streich ausgeheckt.
Das Einhornkind verzog die Nase.
„Seltsame Figuren runzeln ihre Stirn und lachen, ohne wirklich da zu sein“, sagte es.
Dann tippte es mit der Spitze seines Horns ganz sacht auf das grinsende Gesicht.
Pling!
Das grinsende Gesicht wurde groß. Erst war es nur auf dem Bildschirm. Dann schwebte es plötzlich als kleines gelbes Lichtding vor dem Handy in der Luft. Es drehte sich einmal, machte eine artige Verbeugung und grinste noch breiter.
Das Einhornkind erstarrte.
Das Lichtding zwinkerte.
Das Einhornkind blinzelte.
Das Lichtding streckte ihm die Zunge heraus.
„O weh“, sagte das Einhornkind. „Das hätte ich nicht tun sollen.“
Es tippte hastig noch einmal auf das Gesicht.
Da geschah etwas noch Sonderbareres.
Aus dem Handy schossen mit einem Mal fünf weitere gelbe Gesichter, drei rote Herzen, zwei glitzernde Sterne und ein grüner Frosch mit Krone hervor. Sie flatterten durch die Luft wie kleine Laternen, wirbelten um das Horn des Einhornkindes und sausten dann zwischen die Bäume.
„Bleibt sofort hier!“, rief das Einhornkind.
Aber was kümmerten sich schwebende Menschenzeichen um die Befehle eines Einhornkindes?
Gar nichts kümmerten sie sich darum.
Der Frosch setzte sich hoch oben auf einen Ast und quakte empört. Die roten Herzen flatterten zur Quelle und spiegelten sich im Wasser. Die gelben Gesichter kugelten kichernd durchs Farnkraut, und einer der Sterne blieb einem Eichhörnchen an der Pfote hängen,sodass es wirkte, als habe sich ein Stück Himmel an ihr verfangen.
Das Einhornkind jagte hinterher, so gut es konnte. Es erwischte zwei Gesichter und drückte sie gegen den Bildschirm. Pffft – da waren sie wieder drinnen. Ein Herz aber sauste ihm vor der Nase weg. Der Frosch sprang vom Ast mitten auf den Rücken eines Rehs. Das Reh sprang erschrocken davon.
„Jetzt reicht es aber!“, rief das Einhornkind.
Da summte das Handy.
Auf dem Bildschirm stand: Jona ruft an.
Das Einhornkind wusste nicht recht, was das hieß. Aber weil an diesem Tag ohnehin schon alles drunter und drüber ging, tippte es einfach wieder mit der Hornspitze darauf.
Im selben Moment erschien Jona, nun nicht als stilles Bild, sondern zappelnd und redend.
„Endlich!“, rief Jona. „Endlich geht jemand ran! Mein Handy ist weg! Ich suche schon seit einer Stunde!“
„Es ist nicht weg“, sagte das Einhornkind. „Es ist bei mir.“
Jona riss die Augen auf. „Bei dir? Im Wald?“
„Natürlich im Wald. Wo denn sonst? Aber das ist jetzt nicht das Schlimmste.“
„Nicht?“
„Nein. Aus deinem Menschenzauberding sind Gesichter geflogen. Und Herzen. Und ein Frosch.“
Jona starrte es an.
Dann sagte er: „Was?“
„Genau das sage ich auch.“
Jona hielt sich mit einer Hand am Kopf fest. „Du hast auf etwas gedrückt, oder?“
„Es grinste mich an.“
„Das war bestimmt ein Emoji!“
„Dann solltest du deine Emojis besser erziehen.“
Jona schnappte nach Luft, als wolle er lachen und sich zugleich ärgern. „Hör zu! Ich komme sofort.“
„Beeil dich“, sagte das Einhornkind. „Ein Stern hat sich im Dachsbau versteckt.“
Nun dauerte es keine Viertelstunde, da kam Jona auch schon durch den Hohlweg gelaufen, mit flatternden Schnürsenkeln und roten Wangen. Er blieb auf der Waldlichtung stehen, sah das Einhornkind, sah das Handy in seinen Hufen, sah ein Herz, das gerade um einen Pilz kreiste, und setzte sich unvermittelt auf einen Baumstumpf.
„Das“, sagte Jona, „ist das Verrückteste, was ich je erlebt habe.“
„Du warst doch am Meer beim Narwal dabei“, erinnerte das Einhornkind.
„Stimmt“, sagte Jona. „Dann ist es das Zweitverrückteste.“
Sie machten sich gleich an die Arbeit. Jona fing den Frosch, indem er ihm ein Blatt hinhielt wie einem echten Tier. Das Einhornkind scheuchte die Herzen zusammen. Drei Emojis konnte Jona zurück auf den Bildschirm tippen. Zwei andere entwischten wieder. Einer der Sterne war plötzlich so hoch in eine Tanne geflogen, dass weder Jona noch das Einhornkind ihn erreichen konnten.
„Das kommt davon“, murmelte das Einhornkind, „wenn man Menschenzauber mit Einhornmagie mischt.“
„Es ist überhaupt kein Zauber“, sagte Jona automatisch.
In diesem Augenblick schoss ein pinkes Herz durch die Luft, streifte Jonas Ohr und ließ dort für drei Atemzüge eine glitzernde Schleife erscheinen.
Jona schwieg.
„Also gut“, sagte er dann. „Ein bisschen Zauber vielleicht.“
Gerade als sie den letzten grinsenden Kopf einfangen wollten, vibrierte das Handy erneut. Auf dem Bildschirm erschienen bunte Bildchen, die ganz von selbst aus einer Nachricht hervorsprangen: eine Geburtstagstorte, ein Luftballon, ein Blitz, ein Regenbogen.
Die Torte plumpste ins Gras.
Der Luftballon schwebte davon.
Der Blitz zischte zwischen den Baumwipfeln entlang.
Der Regenbogen spannte sich plötzlich von der Quelle bis zum alten Fuchsbau.
Und weil das noch nicht genug war, begannen zwischen den Bäumen auf einmal Dinge sichtbar zu werden, die sonst verborgen blieben: gläserne Treppen in der Luft, tanzende Lichter unter den Wurzeln, eine kleine Tür in einer Eiche und eine ganze Reihe silberner Hufspuren, die nirgends hinführten.
Jona drehte sich im Kreis.
„Sehe nur ich das?“
„Nein“, sagte das Einhornkind bedrückt. „Ich sehe es auch.“
„Ist das schlimm?“
Das Einhornkind nickte. „Sehr sogar. Wenn Menschenzauber und Waldmagie durcheinanderkommen, zeigt der Wald Dinge, die verborgen bleiben sollten.“
Kaum hatte es das gesagt, knackte es im Unterholz.
Beide fuhren herum.
Zwischen den Haselsträuchern bewegte sich etwas. Noch war es nur ein Schatten. Vielleicht ein Reh. Vielleicht ein Fuchs. Vielleicht aber auch ein Spaziergänger, der sich verlaufen hatte und nun direkt auf die gläsernen Treppen und die silbernen Hufspuren zusteuerte.
„Schnell!“, rief das Einhornkind. „Wir müssen alles zurück in das Handy bekommen!“
„Aber wie?“
Das Einhornkind dachte angestrengt nach. Dann erinnerte es sich an etwas, das seine Großmutter einmal gesagt hatte: Alte Magie und neue Dinge vertragen sich nur, wenn eines vom andern wieder trennt, was sich vermischt hat.
„Dein Handy hat mich zu dir sprechen lassen“, sagte es hastig. „Vielleicht können wir es auch schließen, wenn wir beide zugleich darauf wirken.“
„Wie denn?“
„Du mit deinen Händen. Ich mit meinem Horn.“
Jona nickte. „Dann los.“
Sie legten das Handy auf den Stein an der Quelle. Die bunten Erscheinungen sausten noch immer durch den Wald. Ein Herz hing im Geweih eines jungen Hirsches, der sehr verwirrt aussah. Der Luftballon schwebte über dem Brombeerhang. Aus der Eiche blickte nun sogar ein verschlafener Waldkobold, den seit hundert Jahren niemand mehr gesehen hatte.
Jona legte beide Hände auf das Handy.
Das Einhornkind senkte das Horn darüber.
„Und jetzt?“, flüsterte Jona.
„Jetzt hoffen wir, dass es klappt.“
Das Handy summte.
Das Horn des Einhornkindes begann zu leuchten.
Die Quelle warf das Licht zurück.
Erst geschah gar nichts.
Dann zog ein Windstoß durch die Lichtung. Die gelben Gesichter hielten inne. Die Herzen blieben in der Luft stehen. Der Frosch mit der Krone quakte ein letztes Mal. Dann flog alles rückwärts, als würde es an unsichtbaren Fäden gezogen.
Pffft.
Pffft.
Pffft.
Ein Emoji nach dem anderen verschwand wieder im Handy.
Auch der Luftballon.
Auch die Torte.
Auch der Blitz.
Sogar der Regenbogen wurde schmaler und schmaler, bis er nur noch ein farbiger Streifen war und schließlich ganz im Bildschirm verschwand.
Die gläsernen Treppen lösten sich auf.
Die silbernen Hufspuren verblassten.
Die kleine Tür in der Eiche war fort.
Nur die Quelle plätscherte wie zuvor, und auf dem Stein lag Jonas Handy, unbewegt und schwarz.
Da setzte sich Jona auf den Boden und atmete auf.
„Geschafft.“
Das Einhornkind sank neben ihm ins Moos. „Fast hätte dein Menschenzauberding die halbe Einhornwelt verraten.“
Jona nahm das Handy vorsichtig in die Hand, als sei es plötzlich ein wildes Tier geworden. „Ich werde es nie wieder im Wald vergessen.“
„Das ist klug.“
Eine Weile schwiegen beide. Hoch oben rauschte der Wind durch die Wipfel. Von fern rief ein Eichelhäher. Alles war wieder so, wie es sein sollte.
Dann sagte Jona: „Weißt du, was seltsam ist?“
„Was denn?“
„Ich fand es erst toll, dass wir durch das Handy miteinander reden konnten. Aber eigentlich war es viel besser, dass ich einfach hergekommen bin.“
Das Einhornkind nickte langsam. „Ja. Ein Bildschirm ist ein kümmerlicher Ersatz für einen echten Besuch. Man sieht ein Gesicht und hört eine Stimme, aber keinen Waldgeruch, keinen Wind, kein Moos unter den Füßen.“
Jona grinste. „Und keine ausgebüxten Emojis.“
„Auf die kann ich gut verzichten.“
Da mussten beide lachen.
Jona steckte das Handy in die Tasche. Dann stand er auf. „Kommst du noch mit bis zum Hohlweg?“
„Natürlich“, sagte das Einhornkind.
So gingen sie nebeneinander durch den Silberwald, der nun wieder bloß ein Wald zu sein schien. Doch wer genau hinsah, konnte an einer Tanne ganz oben noch etwas Gelbes blitzen sehen.
Vielleicht war es ein Sonnenfleck.
Vielleicht aber auch das allerletzte Emoji, das sich nicht hatte fangen lassen und nun beschlossen hatte, im Wald zu bleiben.
Das Einhornkind tat, als sähe es nichts.
Und Jona tat dasselbe.
Was ist schöner – Handy oder echtes Treffen?
Mit einem Handy kann man Nachrichten schicken, Bilder sehen oder miteinander sprechen, auch wenn man weit voneinander entfernt ist. Das ist praktisch.
Aber ein echtes Treffen ist noch einmal etwas ganz anderes. Dann kann man zusammen lachen, spielen, die Stimme richtig hören und vieles gemeinsam erleben.
Darum sind Handys hilfreich – echte Freundschaft fühlt sich aber am schönsten an, wenn man sich wirklich begegnet.
Übrigens: Emojis sind kleine Bilder, die man in Nachrichten verschicken kann. Mit ihnen zeigt man zum Beispiel Freude, Überraschung oder ein Herz. Sie können helfen, eine Nachricht freundlicher oder lustiger zu machen. Trotzdem ersetzen Emojis kein echtes Lächeln und kein gemeinsames Erlebnis.
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