Märchen, angelehnt an „Die Schöne und das Tier“ von Beaumont, erzählt aus Sicht des in ein „Biest“ verwandelten Prinzen.
Es war einmal ein Schloss, das auf einem Hügel stand. Viele Fenster blickten in Wälder, über denen der Wind rauschte.
In diesem Schloss lebte ich, der Löwenbär, groß, schwer, mit dichtem Fell und einem Elefantenrüssel mitten im Gesicht. Wer mich sah, blieb erstaunt stehen, atmete scharf ein und suchte nach einem Fluchtweg. Damit musste ich leben.
Früher trug ich einen Namen, der zu goldenen Sälen passte. Damals war ich stolz, ungeduldig und hart. Eines Abends klopfte eine alte Frau an meine Tür.
„Herr des Hauses“, sagte sie, „gebt mir Brot und einen Platz am Feuer.“
Ich musterte ihre zerrissenen Kleider und verzog das Gesicht. „Fort mit dir“, antwortete ich. „Ich speise keine Bettler.“
Da wurde die Luft im Flur kalt. Die Frau richtete sich auf, und ihre Augen funkelten.
„Du schaust nur auf das Äußere“, sagte sie. „Du merkst gar nicht, was ein Mensch im Herzen fühlt.“
Mit einem Schlag stand keine Bettlerin vor mir, sondern eine Fee. Sie hob ihren Zauberstab, und meinen Körper durchfuhr eine eisige Welle.
Meine Stimme wurde tief, meine Hände wurden zu Tatzen, und der Rüssel wuchs in mein Gesicht. Ich rannte zum Spiegel, ich starrte hinein, und ich erkannte mich nicht wieder.
Die Fee sagte: „Du bleibst so, bis dich jemand gern hat, obwohl du so aussiehst. Du wirst lernen, freundlich zu sein, ohne einen Lohn zu fordern.“
Dann verschwand sie, und die Diener, die mir früher gedient hatten, erschraken vor meinem Anblick und verließen das Schloss. Von da an war ich allein in den langen Gängen.
Viele Wochen später, an einem Winterabend, hörte ich Schritte im Rosengarten. Schnee lag am Rand der Wege, der Himmel war dunkel, und der Wind drückte an die Hecken.
Durch das Gittertor kam ein Mann, die Schultern gebeugt, die Hände taub vor Kälte. Ich trat aus dem Schatten und sagte, so freundlich ich konnte: „Fürchte dich nicht. Du bist hier sicher. Komm herein und wärme dich.“
Der Mann sah mich an, erschrak kurz und nickte dann, weil die Kälte stärker war als seine Angst. Ich führte ihn durch die hohen Gänge bis in den Speisesaal. Dort brannte Feuer im Kamin, und auf dem Tisch standen warme Speisen bereit: duftende Pasteten, gebratenes Gemüse, frisches Brot, dazu warme Birnen und ein Krug mit Apfelsaft.
„Setz dich“, sagte ich. „Iss. Du sollst erst wieder zu Kräften kommen.“
Danach zeigte ich ihm das Gästezimmer, das schon hergerichtet war, und ließ ihn in Ruhe, denn seine Erschöpfung war deutlich.
Am Morgen ging der Gast hinaus in den Garten, und ich folgte ihm heimlich zwischen den Sträuchern. Der Winter hatte die Beete längst kahl gemacht, die meisten Zweige trugen nur Frost.
Nur an einer Stelle stand noch Farbe im Grau: eine Rose, die als einzige bis hierher durchgehalten hatte. Ihr Rot leuchtete zwischen Dornen und Eis, und ich hütete sie wie ein Geheimnis.
Er griff nach der Rose und packte den Stiel. Mit einem Ruck brach er sie ab. Da zog es mir das Herz zusammen. Ich sprang nach vorn, und meine Stimme dröhnte über die Beete:
„Halt!“
Der Mann fuhr herum. Sein Blick glitt über meinen großen Körper, blieb an meinem Rüssel hängen, und er wich zurück, den Mund offen vor Schreck.
„Habt Gnade!“, rief er. „Ich habe sie dort stehen sehen und an meine Tochter gedacht. Sie wünschte sich so sehr eine Rose als Mitbringsel, und da griff ich zu.“
Ich trat näher, doch ich zwang mich, langsam zu gehen. Der Rüssel zitterte, und ich hielt ihn mit einer Pfote fest, damit er ruhig blieb.
„Du hast genommen, was mir gehört“, sagte ich. Auf diesem Schloss ruht ein Fluch, und er verlangt eine Gegenleistung, wenn jemand etwas Verbotenes nimmt.“
Der Mann drückte die abgebrochene Rose an seine Brust. „Welche Gegenleistung?“, fragte er mit bebender Stimme.
Ich zwang mich, ruhig zu bleiben, obwohl mein Rüssel vor Aufregung zuckte. „Du darfst heimkehren“, sagte ich. „Doch dann bringst du die Tochter her, die sich diese Rose von dir gewünscht hat. Sie soll zu mir kommen und die Schwelle dieses Schlosses aus eigenem Willen betreten.“
„Meine Tochter?“, stieß er hervor. „Sie ist eine junge Frau! Wie soll ich sie in dieses Schloss bringen, wo du so furchteinflößend wirkst?“
Der Mann rang nach Luft. „Ihr verlangt viel“, sagte er.
„Ich verlange eine Entscheidung“, erwiderte ich. „So will es der Fluch.“
Ich spürte einen Stich, doch ich blieb standhaft. „Du darfst heimkehren. Du darfst ihr sagen, was geschehen ist. Die Entscheidung liegt bei ihr.“
Ich gab ihm Proviant, ließ das Tor öffnen und sah ihm nach. Mich quälte fortan die Frage: Wird sie kommen?
Die Tage krochen dahin. Dann kam eine Kutsche über den Hügel. Ich stand im Schatten des Tores, mein Herz schlug schnell, meine Pfoten zitterten vor Aufregung.
Eine junge Frau stieg aus. Ihr Mantel war schlicht, ihr Blick klar. Sie sah sich um und rief: „Wer wohnt hier? Ich bin gekommen.“
Ich trat hervor.
Sie erstarrte, doch sie rannte nicht weg. Ihre Hand suchte kurz den Rand ihres Mantels, dann ließ sie ihn los. „Du bist das Tier“, sagte sie.
„Man nennt mich Löwenbär“, antwortete ich. „Und du?“
„Bella“, sagte sie. „Mein Vater ist nun frei, denn ich bleibe hier.“
Mein Rüssel zuckte, und ich atmete tief durch. „Du musst keine Angst haben.“, sagte ich. „Du sollst hier sicher sein. Du darfst überall herumgehen. Du darfst Nein sagen, wann immer du willst.“
Bella hob das Kinn. „Dann zeig mir das Schloss!“
Ich führte sie durch die Gänge des Schlosses: Kerzenlicht an den Wänden, Wachsduft in der Luft, kühle Steinstufen unter den Füßen. Türen öffneten sich. Kerzen gingen an. In der Bibliothek blieb sie stehen, strich über Buchrücken und lächelte.
„Du hast all das“, sagte sie, „und du bist allein?“
„Ja“, antwortete ich. „Im Schloss geht alles nach meinem Willen. Nur Freunde bekomme ich nicht.“
Am Abend war im Speisesaal alles bereit: Kerzen, Silber, saubere Teller und ein Festmahl, das dampfte und duftete. Ich saß schon da und hielt meine Pfoten so ruhig wie möglich. Bella setzte sich mir gegenüber.
„Ich habe Hunger“, sagte sie, um die Stille zu brechen.
Ich schob ihr mit dem Rüssel eine Platte mit Käse, Trauben und Gebäck hin. „Du kannst nehmen, was du magst“, sagte ich, und Bella griff zu.
„Danke“, sagte sie.
Für einen Moment wusste ich nicht, wohin mit meinem Blick. Dann räusperte ich mich und sagte: „Bella, ich muss dich etwas fragen.“
Sie sah mich an. „Frag.“
Mir fehlte kurz der Mut, die Worte herauszubringen, doch der Zauber drängte. „Willst du meine Frau werden?“
Bella hielt inne. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein“, sagte sie ruhig. „Dafür kenne ich dich zu wenig. Doch ich bleibe gern hier.“
Ich nickte, und ich zwang meine Stimme in freundliche Bahnen. „Dein Nein wird akzeptiert. Du bist frei.“
So ging es Abend um Abend. Wir aßen, wir sprachen, wir gingen durch den Garten. Bella erzählte von ihrem Vater, der in einem kleinen Haus wohnte.
Eines Abends sah sie mich lange an. Wer hat dir das angetan?“, fragte Bella. Ich senkte den Blick beschämt und sagte: „Frag nicht nach gestern. Sieh, wie ich dir heute begegne.“
Einige Zeit später fand Bella in einer Kammer einen Spiegel, der kein gewöhnlicher Spiegel war. Darin sah sie ihren Vater zu Hause umhergehen, die Hände ringen und immer wieder zur Tür blicken, als müsse er jeden Moment sehen, wie sie zu ihm zurückkehrt.
Bella erschrak, drehte sich um und ging rasch hinaus. Sie suchte mich, fand mich in einem der großen Gänge und trat direkt auf mich zu.
„Löwenbär“, sagte sie, „ich habe meinen Vater gesehen. Er ist allein und voller Sorge. Er glaubt, ich komme nie zurück. Ich muss zu ihm.“
Ich spürte, wie Angst in mir aufstieg, doch ich riss mich zusammen. „Du willst zu ihm“, sagte ich.
„Ja“, antwortete Bella. „Nur für kurze Zeit. Ich muss ihn trösten und ihm sagen, dass es mir gut geht.“
„Du darfst gehen“, entgegnete ich zögernd. „Du bekommst diesen Ring von mir. Dreh ihn, und du bist wieder hier bei mir. Ich bitte dich: Kehre bald zurück.“
Bella legte den Ring an. „Ich gebe dir mein Wort.“
Sie verließ das Schloss, und das Tor schloss sich schwer hinter ihr. In dieser Nacht saß ich am Tisch, und der Stuhl mir gegenüber blieb leer. Ich presste die Pfoten zusammen, damit ich nicht das Geschirr vom Tisch fegte.
Am nächsten Abend wartete ich wieder. Am übernächsten auch. Jeden Tag ging ich von Fenster zu Fenster und sah hinaus auf den Weg. Jedes Geräusch ließ mich zusammenfahren. Immer wieder dachte ich: Jetzt kommt sie. Doch das Tor blieb geschlossen, und der Weg blieb leer.
Nach einiger Zeit des Wartens wurde mein Schritt schwer. Ich aß kaum, ich schlief kaum, und meine Kraft wurde weniger. Am Abend kehrte ich trotzdem in den Speisesaal zurück, sah den leeren Stuhl, und ich dachte nur noch einzig und allein an Bella.
Da hörte ich Schritte, die eilten. Eine Stimme rief: „Löwenbär!“
Ich hob den Kopf, und Bella rannte auf mich zu. Ihr Mantel flog auf, ihre Wangen waren rot vom Wind.
„Du bist zurück“, brachte ich hervor.
„Ja“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte. „Ich habe den Abschied hinausgeschoben“, sagte Bella. „Mein Vater wollte mich nicht schon wieder gehen lassen, und ich blieb. Aber in mir war keine Ruhe, weil ich wusste, dass du hier auf mich wartest.“
Ich starrte sie an. „Warum“, fragte ich, „warum kommst du wieder, wo du frei bist?“
Bella kniete sich neben mich und legte ihre Hand auf meine Pfote. „Weil du gut bist“, sagte sie. „Du hast mich zu nichts genötigt. Du hast mir Bücher gegeben, Essen, Schutz. Ich will, dass du nicht allein zurückbleibst.“
Ich rang um Fassung, doch die Frage musste heraus. „Willst du meine Frau werden?“
Bella sah mich an, lange, ohne Furcht. „Ja“, sagte sie. „Ich will bleiben.“
In diesem Moment ging ein Zittern durch Mauern und Türen. Lichter sprangen an, Fenster wurden hell, und das Schloss wirkte plötzlich freundlich und warm.
Meine Tatzen kribbelten. Mein Rüssel zog sich zurück. Die Stimme wurde klar. Der Fluch fiel von mir ab, und ich stand auf zwei menschlichen Füßen. Ich schwankte, und Bella stützte mich.
„Ich bin da“, sagte sie.
Ich sah in den Spiegel, und ich sah wieder ein menschliches Gesicht. In meinem Herzen aber blieb die Erinnerung, damit ich nie wieder vergesse, was Güte und Freundlichkeit bedeuten.
So endete die Geschichte in meinem Schloss auf dem Hügel. Die Türen blieben offen, und in die Säle kehrten Stimmen, Schritte und Lachen zurück. Bellas Vater zog zu uns ins Schloss, und von da an lebten wir dort zusammen in Frieden und Freude.
Ich selbst aber übte mich fortan in Geduld und Freundlichkeit, und mein Herz blieb frei von Stolz.
Hinweis: Diese Geschichte ist eine vereinfachte, kindgerechte Neuerzählung des Märchens „Die Schöne und das Tier“ nach Jeanne-Marie Leprince de Beaumont. Erzählt wird aus der Sicht des verwunschenen Tiers, das hier als Löwenbär mit Elefantenrüssel gestaltet ist.
Mut zum genauen Hinsehen
In diesem Märchen wird klar: Ein gutes Herz erkennt man an Taten. Der Löwenbär wirkt furchteinflößend, doch er bleibt fair, hält sein Wort und lässt Bella selbst entscheiden. Bella schaut genau hin und merkt, dass Freundlichkeit und Respekt wichtiger sind als eine Gestalt, die ihr auf den ersten Blick Angst gemacht hat.
Bella läuft nicht weg, sondern lernt den Löwenbär im Alltag kennen: beim Essen, beim Sprechen, beim Zuhören. So wächst Vertrauen, Schritt für Schritt.
Das Märchen zeigt, wie wichtig es ist, sich ein eigenes Bild zu machen und Menschen nicht nur nach ihrem Aussehen, sondern insbesondere nach ihrem Verhalten zu beurteilen.
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