Es war einmal ein König, der fuhr mit seiner Tochter hinaus vor die Stadt. Der Himmel verdüsterte sich und mit einem Mal erhob sich ein Sturm, der an den Rädern zerrte, an den Bäumen riss und die Kutsche durchschüttelte. Ehe der König es verhindern konnte, packte der Wind die Prinzessin und nahm sie weit fort über Hecken und Gräben, über Felder und Wege, bis niemand sie mehr sah.
Da geriet der König in großen Jammer. Er ließ Trommeln schlagen, Boten senden, Wälder durchsuchen und Wasser abfahren; aber keine Spur von der Prinzessin. Tag um Tag saß er im Saal, starrte in die Glut des Kamins und fragte nach seiner Tochter.
Endlich trat der Prinz vor ihn und sprach: „Vater, ich will hinausziehen und meine Schwester heimbringen, und wenn ich bis ans fernste Ende des Reiches ziehen muss.“ Der König legte ihm den Mantel um, gab ihm Brot für den Weg und segnete ihn.
Der Prinz zog aus. Nach einer Weile kam er an einen Teich, dort hatte sich eine Ente im Schilf verfangen und rang mit den Halmen. Der Prinz schnitt das Schilf entzwei und half ihr heraus.
Bald darauf stand er vor einem Ameisenhügel. Mancher hätte ihn achtlos zertreten, doch der Prinz setzte achtsam den Fuß daneben und ging behutsam vorbei.
Noch weiter fand er in einer alten Linde einen Bienenstock; er ließ ihn unberührt und ging seines Weges.
Gegen Abend gelangte er zu einem kahlen Berg. Oben stand ein Schloss aus grauem Stein; die Tore schlugen von selbst im Wind, die Gänge waren voll Zugluft.
Im Saal saß der Windkönig auf einem hohen Stuhl und trug eine Krone, die golden glänzte. „Du suchst die, welche ich fortgetragen habe“, sagte er. „Du sollst sie wiedersehen, wenn du drei Aufgaben bestehst. Misslingt dir eine, so bleibst du hier.“
Da nahm der Windkönig einen Ring und schleuderte ihn weit hinaus in das Meer. „Bring ihn mir vor Sonnenaufgang.“ Dabei lächelte er schmal, denn er dachte: Das schafft kein Mensch.
Der Prinz ging ans Ufer und blickte besorgt in die Wellen, denn mit Menschenkraft war das nicht zu schaffen. Da kam die Ente, die er befreit hatte, schwamm heran, tauchte hinab und blieb lange unter Wasser. Endlich stieg sie wieder auf und legte den Ring vor seine Füße.
Als der Prinz noch vor Sonnenaufgang den Ring in den Saal trug, fuhr der Windkönig mit der Hand über die Lehne seines Stuhls, dass das Holz knarrte. Sein Blick wurde hart, und seine Krone blitzte, als schlüge ein Funke darin. „So“, sprach er, „die zweite Aufgabe.“
Da stieg der Windkönig auf den Turm, streute einen riesengroßen Sack voll mit Mohnkörnern über den Hof und sprach: „Sammle mir jedes Korn bis zum Morgen.“
Dabei zog er die Brauen zusammen, und es fuhr ein stärkerer Wind durch das Schloss, denn es verdross ihn, dass der Prinz sich nicht einschüchtern ließ.
Der Prinz kniete nieder und wusste nicht, wo er beginnen sollte. Da wimmelte es plötzlich von Ameisen. Sie trugen Korn um Korn zusammen und häuften es zu einem einzigen Haufen sauber auf.
Als der Prinz den Haufen zeigte, schlug der Windkönig mit dem Finger auf die Tischplatte. Die Becher klirrten. In den Fenstern heulte es auf, und die Fackeln warfen unruhige Schatten an die Wände.
Er biss die Zähne aufeinander, denn seine List wollte nicht greifen, und er mochte es nicht, wenn ihm einer widersprach. „Noch ist es nicht vorbei“, sagte er, und seine Stimme klang schneidend. „Die dritte Aufgabe soll dich brechen.“
Zum dritten Mal führte der Windkönig den Prinzen in einen Saal. Dort standen zehn Frauen, alle in gleichen Kleidern, alle mit gleichen Bändern im Haar. „Nun erkenne deine Schwester“, sprach der Windkönig.
Er trat nahe heran, als wolle er mit seinem Atem den Mut aus dem Prinzen treiben. Der Prinz schaute von Antlitz zu Antlitz, doch nichts wollte ihm helfen. Da flog eine Biene herein, kreiste über den Köpfen und setzte sich auf die Schulter der rechten.
Da trat der Prinz vor, nahm sie bei der Hand und sprach: „Du bist die richtige Prinzessin.“
In demselben Augenblick verfinsterte sich des Windkönigs Gesicht. Er fuhr auf, dass sein Mantel aufflog, und der Sturm lief einmal rund um den Saal. Doch er war an sein Wort gebunden. Seine Lippen wurden schmal, sein Blick brannte, und er wandte sich ab, als könne er den Anblick nicht ertragen.
Da musste der Windkönig sein Versprechen halten. Er öffnete die Türen, der Sturm ließ nach, und der Prinz führte seine Schwester den Berg hinab, heim zum väterlichen Schloss.
Als der König sie sah, fiel er ihr um den Hals; es wurden Lichter angezündet, Tische gedeckt und ein großes Fest gehalten.
Hinweis: Diese Geschichte ist eine frei neu erzählte Nacherzählung nach einem slowakischen Volksmärchen. Der Stoff stammt aus der slowakischen mündlichen Erzähltradition und wurde im 19. Jahrhundert von Pavol Dobšinský in seiner Sammlung „Prostonárodné slovenské povesti“ („Volkstümliche slowakische Märchen“) schriftlich überliefert, die 1880–1883 in acht Bänden erschien.
Die Natur als Verbündete
Im Märchen zeigt sich: Wer achtsam mit der Natur umgeht, bekommt Unterstützung, wenn es darauf ankommt. Der Prinz zerstört keinen Ameisenhügel, lässt den Bienenstock in Ruhe und hilft einer Ente aus der Not. Später sind es genau diese Tiere, die eine Lösung finden, wo der Prinz allein nicht weiterkommt.
So wird klar, dass jedes Handeln Folgen hat. Rücksicht auf Tiere und Pflanzen macht Wege leichter, weil Vertrauen entsteht. Manchmal kommt Hilfe aus unerwarteter Richtung – aus dem Wald, von der Wiese, aus der Luft oder vom Wasser.
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