Es war einmal in einem kleinen Dorf ein Mädchen, das Lina hieß. Lina hatte kluge Augen und flinke Hände, doch an einem Morgen saß sie mit gesenktem Kopf auf der niedrigen Steinmauer vor dem Haus.
Von dort konnte sie den Weg sehen, der vom Schulhaus durchs Dorf führte. Bald kamen die Kinder in kleinen Grüppchen, die Tornister auf dem Rücken, die Gesichter fröhlich und unbeschwert.
Sie gingen dicht beieinander, zeigten einander ihre Hefte, zogen sich an den Ärmeln und liefen weiter zum Dorfplatz, wo sie sich zum Spielen trafen. Keiner nickte ihr zu, keiner winkte, und da wurde ihr Herz schwer.
„Die anderen sind hübscher“, dachte Lina. „Wer will schon mit mir spielen?“ Da liefen ihr Tränen über die Wangen, und sie ging schwermütig ins Haus.
Ihre Großmutter, die alle nur Oma Maren nannten, merkte sogleich, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Oma Maren stellte sich vor Lina, hob ihr sanft das Kinn an und sprach: „Kind, du misst dich mit einem falschen Maß. Komm mit mir auf den Dachboden!“
Dort stand eine Truhe, mit Eisen beschlagen. Oma Maren hob den Deckel, und ein Geruch nach altem Holz stieg empor. Zwischen Tüchern und Bändern lag ein Spiegel. Sein Rahmen war vergoldet und trug feine Ornamente. Das Glas hatte feine Kratzer, doch es schimmerte, sobald es auf Licht traf.
„Dies ist ein Zauberspiegel“, sagte die Großmutter, „er zeigt nicht Locken, Kleid und Wangenrot. Er zeigt, was für ein Wesen in einem Menschen steckt. Schau hinein, wenn dich Zweifel packen.“
Lina hob den Spiegel vor ihr Gesicht. Erst sah sie nur ihre Augen, dann begann das Glas zu glänzen, und Bilder stiegen daraus empor: wie Lina dem kleinen Paul die verlorene Mütze nachgetragen hatte; wie sie den verletzten Vogel aus dem Weg gehoben und unter den Busch gesetzt hatte; wie sie sich vor die jüngeren Kinder gestellt hatte, als ein großer Junge sie schubsen wollte; wie sie der Nachbarin Wasser brachte, als deren Eimer gerissen war.
Jede Tat wurde zu einem hellen Schein, der um Lina herum tanzte, und es war, als zögen goldene Strahlen an ihr vorbei.
Da wurde Lina warm ums Herz. Sie richtete den Rücken auf. „Das bin ich“, sprach sie, „und das ist gut.“ Der Spiegel zeigte auch ihren Mut, wenn sie sich etwas nicht traute und es dennoch versuchte. Und er zeigte ihre Geduld, wenn etwas nicht gleich gelang. Alles war von hellem Glanz umgeben.
Am nächsten Tag nahm Lina den Spiegel mit zur Schule. In der Klasse saß auch Frieda, ein Mädchen mit schönen Schleifen im Haar und stolzer Miene. Frieda lachte gern über andere und verteilte spitze Worte wie Nadeln. Wer anders aussah, bekam rasch ein spitzes Wort.
Als Frieda den Spiegel entdeckte, rief sie: „Gib her! Ich will sehen, wie schön ich bin.“ Lina hielt ihn fest und sagte: „Er zeigt, was dein Wesen wirklich ausmacht. Schau, wenn du magst.“
Frieda blickte hinein. Im selben Augenblick wurde es im Raum so ruhig, dass man das Ticken der Uhr hören konnte.
Das Glas des Spiegels verdunkelte sich, und ein kalter Schimmer kroch über die Fläche. Es zeigte keine Schleifen und keinen Glanz, sondern düstere Bilder: ein Gesicht mit bösem Grinsen, das andere klein machte; Hände, die einen Stift versteckten; Lippen, die höhnten; Augen, die wegschauten, wenn jemand Hilfe brauchte.
Diese Bilder formten sich zu einer hässlichen Fratze, und Frieda fuhr zurück, als sei sie an einer Distel gestochen worden.
„Was ist das?“ stammelte sie, und ihre stolze Miene zerbrach.
„Das sind Taten“, sprach Lina ruhig. „Der Spiegel lügt nicht.“
Frieda wurde blass. Zum ersten Mal sah sie, was ihre Gemeinheiten anrichteten. Da senkte sie den Kopf, und ihre Stimme zitterte: „Ich dachte, ich muss andere einschüchtern, damit man mich in Ruhe lässt.“
Lina stellte den Spiegel auf den Tisch. „Wenn du fair bist, brauchst du keine Angst als Schild.“
Da geschah etwas Wunderliches: Da geschah etwas Wunderliches: Frieda trat vor Lina hin und sagte: „Es war Unrecht, wie ich zu dir war. Es tut mir leid.“ Später teilte sie ihre Farben mit einem Kind, das keine dabei hatte.
Als sie am Ende des Tages noch einmal in den Spiegel schaute, war die Fratze kleiner geworden, und ein feiner Lichtstreif lag am Rand des Glases.
Von da an ging Lina mit geradem Gang. Sie wusste: Wahre Schönheit kommt von innen, aus Güte, Mut und rechten Taten.
Und Frieda hütete fortan ihre Zunge.
Nach und nach wurden die beiden Mädchen zu guten Freundinnen. Im Dorf erzählte man: Wer einmal in den Spiegel der inneren Schönheit geschaut hat, der sieht die Menschen mit neuen Augen: Er schaut nicht nur auf Gesicht und Kleid, sondern darauf, ob einer freundlich ist, hilft und Gutes tut.
Hinweis: Dieses Märchen ist für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter geeignet. Es geht um Selbstvertrauen, Freundlichkeit und darum, was Menschen von innen schön macht.
Was ist wahre innere Schönheit?
Innere Schönheit meint Eigenschaften, die man an Taten und Verhalten erkennt: Freundlichkeit, Mut, Hilfsbereitschaft, Fairness und Geduld. Diese Dinge kann man nicht an Kleidung, Frisur oder Gesichtszügen messen – sie entstehen durch das, was ein Mensch tut.
Spiegel sind in Märchen ein starkes Symbol: Sie machen sichtbar, wie jemand wirklich handelt. In dieser Geschichte spiegelt das Glas keine äußeren Merkmale, sondern das eigene Wesen.
So wird klar: Ein gutes Inneres kann strahlen, und Gemeinheiten hinterlassen schmerzliche Spuren.
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