Die vertauschten Geschenke

Am Heiligabend konnte Joonas sein Gedicht endlich. Fast jedenfalls. In der letzten Strophe gab es ein Wort, über das er jedes Mal stolperte. Seine Mutter meinte, er solle es einfach langsamer sagen. Joonas fand, sie habe gut reden.

Als Jõuluvana – der Weihnachtsmann – kam, war im Wohnzimmer ohnehin genug los. Onkel Peeter trug noch einen Stuhl herein, Liis wollte unbedingt neben dem Geschenkesack sitzen, und die Schale mit den Pfefferkuchen war irgendwo zwischen Teetassen und Tellern verschwunden. Jõuluvana zog die Handschuhe aus und setzte sich.

Liis war zuerst dran. Sie sang zwei Strophen von einem Weihnachtslied und bekam ein kleines Paket. Danach sagte Tante Maarja ein Gedicht auf, obwohl sie gar kein Kind mehr war. Bei ihr dauerte es so lange, dass Joonas sein eigenes Gedicht im Kopf noch einmal von vorn durchging.

Dann wurde sein Name aufgerufen.

Die ersten Zeilen gingen gut. An dem schwierigen Wort blieb er tatsächlich hängen, bekam es beim zweiten Versuch aber heraus und brachte auch den Rest ordentlich zu Ende. Jõuluvana griff in den Sack und gab ihm ein längliches Paket in blauem Papier.

Joonas setzte sich und wollte schon das Klebeband lösen. Auf dem Namensschild stand SEBASTIAN.

Er drehte das Paket um, als könnte auf der Rückseite etwas anderes stehen. Natürlich nicht.

Sebastian, sein Cousin, saß zwei Plätze weiter und half Liis gerade dabei, eine Schleife von ihrem Paket zu bekommen. Joonas hätte sofort etwas sagen können, aber Jõuluvana hatte bereits den nächsten Namen aufgerufen. Also schob er das blaue Paket erst einmal unter seinen Stuhl.

Zwei Gedichte später war Sebastian an der Reihe. Er hatte sich ein kurzes ausgesucht und war schnell fertig. Dafür bekam er ein flaches grünes Päckchen.

Joonas sah schon von seinem Platz aus, dass etwas nicht stimmte.

„Guck mal auf den Namen“, flüsterte er, als Sebastian sich wieder setzte.

Sebastian las das Schild. „Joonas.“

Nun lag Sebastians Geschenk unter Joonas’ Stuhl und Joonas’ Geschenk auf Sebastians Knien.

„Wir tauschen einfach.“

Joonas zog das blaue Paket hervor, hielt dann aber inne. „Du hast doch dein Gedicht für meins gesagt.“

Sebastian sah ihn an. Das schien ihn nicht besonders zu beunruhigen.

Joonas schon.

Gerade trug Großvater ein altes Gedicht vor. Er wusste noch erstaunlich viel davon, nur bei einer Zeile half Großmutter nach. Joonas wartete, bis beide fertig waren, dann nahm er die zwei Pakete und ging zu Jõuluvana. Sebastian kam hinterher.

„Die sind vertauscht.“

Jõuluvana nahm die Pakete und las erst den einen Namen, dann den anderen.

„Hm.“

Er sah noch einmal in seinen Sack, als ließe sich die Sache dort erklären.

Onkel Peeter meinte von hinten, sie sollten einfach tauschen. Großmutter fand das auch. Liis wollte wissen, ob sie dann ihr Geschenk ebenfalls gegen ein größeres tauschen dürfe.

Joonas blieb trotzdem noch stehen.

„Müssen wir jetzt noch mal was aufsagen?“

Jõuluvana winkte nur ab und gab jedem das richtige Paket.

Gedicht, Lied oder Tanz?

Weihnachtsbrauch in Estland: vor dem Weihnachtsmann was aufsagen

Jõuluvana ist der estnische Weihnachtsmann. An Heiligabend kommt er zu den Familien und bringt die Geschenke. Für viele Kinder ist sein Besuch ein besonderer Teil der Bescherung. Anders als bei uns werden die Päckchen dabei oft nicht einfach nur verteilt – rund um Jõuluvana gehört noch ein eigener Weihnachtsbrauch dazu.

Bevor Jõuluvana ein Geschenk überreicht, gehört in vielen estnischen Familien noch etwas dazu: Kinder sagen ein Gedicht auf, singen ein Lied oder zeigen einen kleinen Tanz. Manchmal machen auch die Erwachsenen mit. So wird aus der Bescherung eine kleine gemeinsame Weihnachtsvorführung.

Download der Weihnachtsgeschichte "Die vertauschten Geschenke"

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Die vertauschten Geschenke

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Quiz zu Estland

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