Im letzten Jahr hatte Andrej noch hinten am Schlitten laufen müssen. Diesmal wollte er unbedingt nach vorn. Schließlich war er jetzt zehn.
Als er vor Baba Nastassjas Haus ankam, hatte Pawel das vordere Seil allerdings schon in der Hand. Andrej stellte sich kurzerhand neben ihn.
Baba Nastassja kam als Letzte heraus. Ihre Nachbarin hatte schon ein Kissen und eine Decke auf den Schlitten gelegt. Baba Nastassja setzte sich, zog die Decke über die Knie und sah zu den Jungen.
„Und nicht so wild“, sagte sie. „Ich möchte heil wieder nach Hause kommen.“
Das sagte sie jedes Jahr.
Andrej und Pawel liefen vorne.
Bei den ersten Häusern kamen sie nur langsam voran. Baba Nastassja wurde jedes Mal hereingebeten, und bis sie wieder herauskam, dauerte es. Mal bekam sie Tee, mal etwas zu essen, und fast immer hatte noch jemand etwas mit ihr zu bereden. Die Jungen warteten im Flur oder vor der Tür, klopften den Schnee von den Stiefeln und langten zu, sobald ihnen jemand einen Teller hinhielt.
Kostja steckte zwei kleine Gebäckstücke in die Manteltasche. Eine Weile später war nur noch eines da. Er tastete die Tasche zweimal ab und sah ziemlich ratlos hinein.
„Hast du wahrscheinlich schon gegessen“, meinte Andrej.
Kostja überlegte kurz. Das konnte tatsächlich sein, er war ein bisschen vergesslich.
Hinter dem Haus mit dem blauen Tor führte die Straße in einem großen Bogen weiter. Andrej kannte einen kürzeren Weg. Davon war er jedenfalls felsenfest überzeugt.
Im Sommer war er dort mit seinem Vater gegangen. Zwischen zwei Gärten hindurch, an einem Schuppen vorbei und dann irgendwo wieder auf die Straße. Sein Vater hatte damals gesagt, man könne sich dort beinahe fünf Minuten sparen.
Fünf Minuten waren nicht wenig. Andrej bog ab.
„Wo willst du hin?“, fragte Pawel.
„Hier durch.“
Der Weg war kaum zu erkennen. Unter dem Schnee lag eine schmale Fahrspur, oder vielleicht hatte Andrej sie sich nur eingebildet. Jedenfalls zog er weiter.
Anfangs ging es gut. Dann wurde der Schnee tiefer.
Die Kufen schabten nicht mehr über festen Grund, sondern sanken ein. Die Jungen mussten sich gegen das Seil stemmen. Andrej spürte es durch seine Handschuhe hindurch in den Fingern. Baba Nastassja sagte nichts.
Andrej wurde langsam mulmig. Der Brunnen hätte längst kommen müssen, und auch der Zaun sagte ihm überhaupt nichts.
„Wir sind falsch“, meinte Pawel.
Andrej zog trotzdem noch ein Stück weiter. Vielleicht kam die Straße ja gleich wieder.
Stattdessen standen sie wenig später vor einem kleinen Haus. Dahinter ging es nicht weiter, und auf dem schmalen Weg konnten sie mit dem Schlitten kaum umdrehen.
Links war der Zaun, rechts lag eine Schneewehe. Pawel sagte nichts. Er stellte nur das Seil ab und sah Andrej an.
Andrej mochte es nicht, wenn Pawel so guckte.
„Wir schieben zurück.“
Baba Nastassja hob die Hand.
„Nicht zurück, fahrt mich zum Haus hin.“
Das Gartentor des Häuschens klemmte. Der Schnee lag auf der Innenseite dagegen, und die Jungen bekamen es nur ein Stück auf. Pawel schob, Andrej zog, Kostja versuchte unten mit seinem Stiefel den Schnee wegzukratzen und trat dabei in eine Pfütze, die unter dem Schnee verborgen gewesen war.
Nach einer Weile passte der Schlitten durch.
Der Weg bis zum Haus war noch schlimmer. Andrej versank einmal bis fast ans Knie. Baba Nastassja saß auf ihrem Kissen und hielt sich am Schlittenrand fest.
Vor der Tür stand sie auf. Sie klopfte.
Andrej sah zurück. Ihre Spur war die einzige im ganzen Garten. Er begann zu überlegen, wie lange es dauern würde, den Schlitten wieder bis zur Straße zu bekommen. Bestimmt würden die anderen längst bei den nächsten Häusern auf sie warten. Wahrscheinlich würde seine Mutter davon erfahren.
Die Tür öffnete sich. Eine alte Frau hielt sich am Rahmen fest und sah nach draußen. Andrej kannte sie nicht. Sie war klein und trug eine graue Strickjacke, die nur mit einem Knopf geschlossen war.
Baba Nastassja sagte ihren Namen. Die Frau blieb stehen. Dann nahm sie Baba Nastassja am Arm und zog sie ins Haus. Die Tür fiel zu.
Die Jungen sahen einander an. „Und jetzt?“, fragte Kostja.
Darauf wusste niemand etwas. Sie warteten.
Pawel scharrte mit dem Stiefel im Schnee, Kostja vertrieb sich die Zeit hinter dem Schuppen. Andrej fand in seiner Tasche noch letzte Gebäckbrösel und aß sie.
Baba Nastassja ließ sich Zeit. Als sie wieder herauskam, hatte sie ein Gurkenglas unter dem Arm. Die alte Frau folgte ihr bis zur Tür und hielt ein kleines, in Papier gewickeltes Päckchen in der Hand.
„Für die Jungen“, sagte sie und drückte es Baba Nastassja in die Hand.
Darin waren noch warme Gebäckstücke. Baba Nastassja verteilte sie, bevor sie sich wieder auf den Schlitten setzte.
„Ihr habt euch das verdient. Der Weg hierher war ja nicht gerade bequem.“
Andrej nahm seins und biss gleich hinein. Es war noch weich und ein bisschen klebrig.
Auf dem Rückweg mussten alle mit anfassen. Der Schlitten ließ sich auf dem engen Weg kaum wenden und rutschte einmal seitlich in den Schnee. Als sie endlich wieder die breite Dorfstraße erreichten, waren Andrejs Handschuhe nass und Kostjas Stiefel quietschte bei jedem Schritt.
Pawel nahm wieder das Seil. Andrej stellte sich neben ihn.
Baba Nastassja zog die Decke über die Knie und sah noch einmal zu dem kleinen Haus zurück.
„Gut, dass ihr mich da hingebracht habt“, sagte sie. „Bei meiner Schwägerin war ich diesen Winter noch gar nicht.“
Andrej kaute an seinem letzten Stück Gebäck. „War eigentlich keine Absicht.“
„Das dachte ich mir.“
Baba Nastassja rückte das Gurkenglas zwischen ihren Füßen zurecht.
„Und jetzt nehmt den richtigen Weg. Meine Zugpferde haben für heute genug geleistet.“
Kostja war mit seinem Gebäck schon fertig und fragte, ob noch eines übrig sei.
Baba Nastassja gab ihm das letzte aus dem Päckchen.
Dann zogen sie weiter.
Babiny Kashi – ein Weihnachtsbrauch von früher
In einigen Gegenden von Belarus wurden früher während der Weihnachtszeit Frauen geehrt, die als Hebammen Kindern auf die Welt geholfen hatten. Familien besuchten sie, brachten kleine Gaben mit und bewirteten sie (oft mit Brei und Pfannkuchen). Mancherorts gehörte auch eine Schlittenfahrt dazu: Die „Baba“ wurde von Kindern und jungen Leuten durchs Dorf gefahren.
Diese Form des Brauchs gehört heute weitgehend der Vergangenheit an. Die Erinnerung daran lebt jedoch in der belarussischen Volkskultur weiter; auch die „Babina Kascha“ selbst ist noch bekannt und erscheint heute teils in veränderter Form, etwa mit Süßigkeiten oder Gebäck.
Weihnachtsgeschichte aus Belarus zum Herunterladen
Die Geschichte „Der falsche Weg“ rund um Andrej, Baba Nastassja und den alten belarussischen Brauch Babiny Kashi gibt es auch als PDF. So kann die Weihnachtsgeschichte ganz einfach ausgedruckt, vorgelesen oder für eine gemeinsame Lesestunde genutzt werden.
Zum Weiterlesen und Rätseln gibt es außerdem ein Quiz als PDF. Die Fragen drehen sich um den belarussischen Brauch Babiny Kashi, die besondere Rolle der Hebammen und die Schlittenfahrt durchs Dorf.
Weihnachtsgeschichte mit Weihnachtsbrauch aus Belarus pinnen
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