Am Heiligabend war Mila früher wach als sonst. Seit dem Vorabend war sie aufgeregt, weil sie wusste, was heute auf sie wartete. Aus der Küche hörte sie schon das Schaben des Mehlsiebs und das Klappern der Töpfe. Baba Kalina stand am Tisch und hatte mit dem Weihnachtsbrot begonnen. Mila war gerade dabei, ihren Mantel vom Haken zu nehmen, als ihr der kleine Kupferkrug auffiel. Er stand auf dem Schemel neben der Tür.
Mila blieb gleich stehen, als sie ihn sah. Nun sollte sie also wirklich zur Quelle gehen.
Seit Tagen hatte Mila darauf bestanden, das Wasser dieses Jahr selbst zu holen. Nun stand der kleine Krug tatsächlich für sie bereit.
Baba Kalina hatte schon mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsbrot angefangen und siebte Mehl in die große Schüssel, während Milas Mutter am Herd beschäftigt war. Mila setzte sich auf die Bank bei der Tür und zog die Stiefel an. Im linken hatte sich die Socke unter der Ferse zusammengeschoben, also musste der Stiefel noch einmal runter. Erst als alles richtig saß, schlüpfte sie in den Mantel und wickelte den Schal um. Baba Kalina reichte ihr den Krug.
„Du weißt, was du beachten sollst?“ Baba wollte lieber auf Nummer sicher gehen.
Mila nickte. Auf dem Weg zum Brunnen durfte sie reden, aber auf dem Rückweg musste sie schweigen, bis sie wieder zu Hause war.
Im Hof lag hier und da noch Schnee, der Boden dazwischen war hart gefroren. Am Gartentor klemmte der Riegel wie so oft im Winter, und Mila bekam ihn erst nach einigem Ziehen auf.
Vor Petars Haus lag ein Schlitten. Petar kniete daneben und versuchte, einen Blecheimer mit Asche darauf festzubinden. Der Bindfaden war viel zu kurz und der Eimer rutschte immer wieder herunter.
Mila blieb stehen. „Was machst du da?“
Petar murmelte etwas von seinem Großvater, der hinter dem Haus Asche streuen wollte, und fummelte weiter an dem Knoten. Erst dann fiel ihm der Krug in Milas Hand auf.
„Gehst du zur Quelle?“
„Ja. Dieses Jahr darf ich das Wasser zum ersten Mal allein holen.“
Mila wartete. Petar sagte nur, hinten am Graben sei es glatt, und wandte sich wieder seinem Eimer zu.
Sie ging weiter, ein wenig enttäuscht darüber, dass Petar sich schon wieder seinem Schlitten zugewandt hatte. Sie hatte sich seine Reaktion irgendwie anders vorgestellt.
Hinter den letzten Häusern ging der Weg ein Stück bergab. Dort war Wasser über die Straße gelaufen und gefroren. Mila ging erst außen herum, konnte es dann aber doch nicht lassen und trat auf den dünnen Eisrand. Er brach sofort, und Matsch spritzte auf ihren Stiefel.
An der Quelle füllte Tante Raina gerade ihre Flaschen. So nannten sie die Kinder im Dorf, obwohl sie mit keinem von ihnen verwandt war.
Raina verschloss ihre letzte Flasche und sah auf Milas Kupferkrug.
„Holst du das Wasser fürs Weihnachtsbrot?“
„Ja.“
„Grüß deine Großmutter von mir, wenn du zuhause bist.“
Mila versprach es. Kurz darauf war Raina fort, und Mila hatte die Quelle ganz für sich allein.
Sie hielt den Krug unter den schmalen Wasserstrahl. Das Füllen verlangte Geduld: Zuerst bedeckte das Wasser kaum den Boden, dann stieg es langsam an den dunklen Innenwänden hoch. Ein kalter Spritzer traf Mila am Handgelenk. Sie zog den Ärmel herunter und wartete weiter.
Nicht ganz voll, hatte Baba Kalina gesagt.
Mila ließ ein Stück bis zum Rand frei, hob den Krug an und erschrak ein wenig über sein Gewicht. Leer hatte er beinahe nichts gewogen.
Nun durfte sie nicht mehr reden.
Am Anfang musste Mila sich noch ständig daran erinnern, dass sie auf dem Rückweg nicht sprechen durfte. Sie presste die Lippen ein wenig aufeinander, obwohl das eigentlich gar nicht nötig war. Nach einer Weile hatte sie es sich aber gut gemerkt.
An der vereisten Stelle ging Mila diesmal lieber außen herum. Der Krug war schwer genug, und bei jedem Schritt schwappte etwas Wasser gegen den Rand.
Bei den ersten Häusern hielt sie ein fremder Mann an und fragte nach dem Weg zu einer Familie. Mila wusste, wo sie wohnte, durfte jetzt aber nicht sprechen. Sie stellte den Krug ab und zeigte ihm den Weg gestikulierend. Erst verstand er sie falsch und deutete auf das Haus mit dem grünen Tor. Mila schüttelte den Kopf und zeigte noch einmal weiter die Straße hinunter. Schließlich schien er sie verstanden zu haben, bedankte sich und ging. Mila hob ihren Krug wieder hoch.
Vor Petars Haus stand der Blecheimer nicht mehr auf dem Schlitten. Petar selbst saß darauf und rieb mit einem Kerzenrest über eine Kufe. Als Mila näher kam, rief er ihr etwas zu. Sie verstand ihn nicht und ging weiter.
Petar sprang vom Schlitten und kam ein Stück hinter ihr her. Erst als Mila sich zu ihm umdrehte und nur den Kopf schüttelte, fiel ihm wieder ein, warum sie nicht antwortete.
„Ach ja.“
Danach ging er ein Stück neben ihr her. Er fragte, ob der Krug schwer sei, und bot ihr an, ihn zu tragen.
Mila schüttelte den Kopf.
Petar sollte später nicht herumerzählen, eigentlich habe er das Wasser nach Hause gebracht. Das sah ihm ähnlich.
An der Ecke beim Gemeindehaus tauchte ein kleiner brauner Hund auf. Mila kannte ihn vom Sehen; mal lag er vor dem Laden, mal streunte er irgendwo durchs Dorf. Wem er gehörte, wusste sie nicht. Eine Weile lief er neben ihr her, mal links von ihr, mal rechts von ihr, und so dicht, dass sie den Krug mehrmals zur anderen Seite nehmen musste. Irgendwann blieb er an einem Zaun stehen und schnupperte dort weiter.
Mila war ganz froh, ihn los zu sein. Der Krug zog inzwischen ordentlich an den Händen, und ihre Finger wurden kalt. Vor dem alten Backhaus stellte sie ihn für eine Weile auf die Mauer. Zwischen den Dächern konnte sie schon ihr eigenes Haus sehen. Weit war es also nicht mehr. Sie rieb sich die Hände, nahm den Krug wieder und ging weiter.
Hinter dem Backhaus zweigte ein schmaler Weg zu den Gärten ab. Mila war schon fast daran vorbei, als sie ein Scharren hörte und noch einmal zurücksah.
Nasko saß neben einem Handwagen, der schief in einer Rinne hing. Mila kannte ihn, er war Georgis kleiner Bruder. Beim Ziehen hatte er sich den Stiefel unter der Deichsel eingeklemmt und bekam den Fuß nicht mehr heraus.
Mila stellte den Krug an die Mauer und ging zu ihm. Sie hob die Deichsel ein Stück an und zeigte Nasko, wie er den Fuß bewegen sollte. Er zog aber immer wieder nach oben, und damit wurde es eher schlimmer. Mila versuchte es noch einmal mit den Händen zu erklären. Nasko sah sie nur verständnislos an.
„Was willst du mir deuten? Rede doch einfach mit mir!“
Mila blickte kurz zum Krug. Bis nach Hause sollte sie schweigen. Aber Nasko verstand ihre Zeichen einfach nicht.
„Nicht ziehen. Dreh den Fuß ein bisschen nach innen.“
Damit war das Schweigen gebrochen. Mila hob die Deichsel an, Nasko zog den Fuß zurück, und der Stiefel kam frei. Er blieb noch kurz sitzen und bewegte vorsichtig den Knöchel. Auftreten konnte er.
Mila half ihm anschließend, die verstreuten Holzscheite wieder in den Wagen zu legen.
„Meine Mutter hat gesagt, nur das trockene.“
Er nahm die feuchten Holzstücke wieder heraus.
Warum er dann überhaupt allein bis zu den Gärten gegangen war, verstand Mila aus seiner Erklärung nicht ganz. Eigentlich hatte sein Bruder mitkommen sollen. Dann war der aber irgendwo anders hingegangen, und Nasko hatte nicht warten wollen. So ungefähr musste es gewesen sein.
Mila begleitete ihn vorsichtshalber bis zur Straße. Von dort waren es nur zwei Häuser bis zu ihm nach Hause. Nasko schob den Wagen langsam und humpelte ein wenig.
Dann sah er den Kupferkrug. „War das das Wasser fürs Festbrot?“
Mila nickte. Sie wartete, bis Nasko mit dem Wagen in seinem Hof verschwunden war, und ging zurück zu ihrem Krug.
Ein wenig Wasser war außen heruntergelaufen. Mila nahm ihn wieder auf und ging nach Hause. Schweigen musste sie nun nicht mehr, aber auf dem restlichen Weg begegnete ihr niemand.
Am Gartentor klemmte der Riegel wie schon am Morgen. Mila stellte den Krug ab, öffnete das Tor und trug ihn in den Hof.
Baba Kalina stand am Tisch. Das gesiebte Mehl war mit einem Tuch zugedeckt. Daneben lagen einige Schüsseln, die am Morgen noch nicht dort gestanden hatten.
Mila stellte den Krug ab.
„Ich habe geredet.“
Die Großmutter sah sie erstaunt an.
„Nasko hatte den Fuß unter seinem Handwagen. Er hat nicht verstanden, wie er ihn rausziehen soll.“
Baba Kalina fragte nur, ob er laufen könne.
„Ja.“
Sie nahm den Krug und stellte ihn neben den Herd. Das Wasser wurde nicht weggegossen. Später würde es noch gebraucht werden.
Mila zog die Handschuhe aus. Der rechte war an den Fingerspitzen feucht.
„Ich gehe noch einmal.“
Baba Kalina sah etwas besorgt auf ihre kalten Hände. „Vorher isst du aber etwas, und zieh dir danach trockene Handschuhe an.“
Milas Mutter schnitt ihr ein Stück Brot ab und legte Käse darauf. Mila setzte sich ans Fenster und erzählte, was mit Nasko passiert war. Warum er überhaupt allein mit dem Handwagen unterwegs gewesen war, konnte sie Baba nicht erklären.
Während Mila aß, war Baba Kalina schon wieder am Backtisch beschäftigt. Sie suchte ihr kleines Teigrädchen, fand es erst nicht und schließlich doch in der Schublade, unter einem zusammengefalteten Tuch. Draußen lief der braune Hund am Gartentor vorbei und verschwand Richtung Laden.
Wenig später zog Mila Mantel und andere Handschuhe wieder an. Auf der Straße war inzwischen mehr los. Vor dem Laden standen ein paar Leute beisammen, aus einem Hof wurde ein Teppich ausgeschüttelt. Petar kam ihr mit dem Schlitten entgegen; der Blecheimer war nicht mehr darauf.
Als er fragte, warum sie noch einmal zur Quelle musste, erzählte Mila kurz von Nasko und dem Handwagen. Petar hörte zu, sagte aber nicht viel dazu.
An der Quelle füllte Mila den Krug ein zweites Mal und ließ diesmal etwas mehr Platz bis zum Rand. Dann machte sie sich wieder auf den Heimweg. Der Hund lag inzwischen vor dem Laden, hinter dem Backhaus war der Handwagen verschwunden. Kurz vor dem Haus musste Mila den Krug noch einmal abstellen. Ihre Finger waren so kalt geworden, dass sie sie erst eine Weile aneinanderreiben musste, bevor sie weitertragen konnte.
Als sie in die Küche kam, zog Baba Kalina die Mehlschüssel heran und machte eine Mulde ins Mehl. Mila durfte das Wasser hineingießen.
„Langsam“, mahnte die Großmutter.
Mila griff mit beiden Händen in den Teig und knetete mit. Anfangs blieb ihr mehr davon an den Fingern hängen als in der Schüssel, doch nach und nach bekam sie ein Gefühl dafür. Baba Kalina half nur, wenn es nötig war.
Sie waren später dran als sonst. Als das Weihnachtsbrot endlich im Ofen stand, war das aber nicht mehr wichtig.
Stilles Wasser für das Weihnachtsbrot
In Bulgarien gibt es einen besonderen Brauch rund um das Weihnachtsbrot. Dafür wird frisches Wasser aus einem Brunnen oder einer Quelle geholt. Auf dem Rückweg soll die Person, die das Wasser trägt, kein Wort sprechen. Daher nennt man es „stilles Wasser“.
Mit diesem Wasser wird das traditionelle Brot für den Heiligabend zubereitet. Je nach Region wird das Brot unterschiedlich geformt und verziert. Der alte Brauch ist in Bulgarien bis heute bekannt und wird in manchen Familien noch gepflegt.
Weihnachtsgeschichte "Kein Wort bis nach Hause"
Die Geschichte „Kein Wort bis nach Hause“ können Sie hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen. So lässt sie sich ganz in Ruhe lesen, ausdrucken oder für eine gemeinsame Vorlesestunde nutzen.
Wie gut kennen Sie den besonderen Weihnachtsbrauch aus Bulgarien? Im kleinen Quiz können Sie Ihr Wissen testen – die Fragen lassen sich auch unabhängig von der Geschichte beantworten. Die Quizkarten können Sie sammeln und an den Weihnachtsfeiertagen gemeinsam mit Familie oder Freunden für eine kleine Weihnachts-Quizrunde nutzen.
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