Mara merkte schon beim Frühstück, dass etwas anders war.
Papa sprach besonders beiläufig. Das tat er immer dann, wenn er etwas keineswegs beiläufig fand.
„Heute bleiben wir im Wald auf den Wegen“, sagte er und rührte länger als nötig in seinem Tee.
Mara hielt ihr Marmeladenbrot in der Hand. „Wieso?“
Mama und Papa sahen sich kurz an.
„Es ist ein Bär in der Gegend.“
Mara legte das Brot hin.
„Hier bei uns?“
„Irgendwo hier in den Wäldern“, sagte Papa. „Er zieht wohl durch.“
Mara schaute zum Fenster. Von der Küche aus sah man nur den Gartenzaun und dahinter die ersten Bäume. Sie hatte den Wald noch nie für einen Ort gehalten, in dem einfach so ein Bär auftauchen konnte.
Eine Stunde später gingen sie trotzdem los.
Das fand Mara zunächst ein bisschen merkwürdig. Wenn irgendwo ein Bär war, hätte man ihrer Meinung nach auch sehr gut zu Hause bleiben können. Papa meinte, solange sie auf den Wegen blieben und sich an die Hinweise hielten, sei alles in Ordnung.
Am Waldrand hing tatsächlich ein neues Schild am Wegweiser.
BÄR GESICHTET.
Bitte Waldwege nutzen.
Mara las die beiden Wörter und danach den kleineren Text darunter. Dann sah sie zwischen die Bäume.
Dort war alles wie immer.
Der Weg war stellenweise noch feucht vom Regen. Auf der Wiese nebenan roch es nach geschnittenem Gras, irgendwo hackte ein Specht, und Mama zog sich einen kleinen Zweig aus den Haaren, der an ihrer Kapuze hängen geblieben war.
Trotzdem hörte Mara genauer hin als sonst.
Ein Rascheln im Gebüsch ließ sie stehen bleiben. Es war nur ein Vogel.
Später knackte es zwischen den Bäumen. Papa hatte auf einen Ast getreten.
„Sehr hilfreich“, murmelte Mara.
Papa hob entschuldigend den Fuß.
Nach einer Weile wurde sie etwas ruhiger. Einen Bären sah man schließlich nicht hinter jedem Busch. Wahrscheinlich war er längst kilometerweit weg.
Dann entdeckte sie die Spur.
Sie lag im weichen Boden neben dem Weg. Mara war schon daran vorbeigegangen, machte zwei Schritte zurück und ging in die Hocke.
„Kommt mal her.“
Mama beugte sich zu ihr. Im feuchten Lehm zeichnete sich ein großer Abdruck ab, breiter als Maras Hand.
Mara hielt die Finger darüber, ohne hineinzufassen.
„Der ist riesig.“
Papa sah erst auf die Spur und dann in den Wald.
Das gefiel Mara nicht besonders.
„Warum guckst du jetzt da hin?“
„Nur so.“
„Papa.“
„Ich gucke doch nur.“
Mara stand wieder auf. Auf einmal kam ihr der Weg schmaler vor als vorher.
Da hörten sie Schritte.
Jemand kam ihnen entgegen, noch hinter einer Biegung. Mara sah zuerst einen grünen Hut zwischen den Zweigen, dann einen Mann in dunkler Jacke. An seinem Gürtel hing ein Funkgerät.
Als er näher kam, grüßte Papa ihn und zeigte auf die Spur.
Der Mann ging sofort in die Hocke.
„Die habt ihr entdeckt?“
„Mara hat sie gesehen“, sagte Mama.
Der Ranger betrachtete den Abdruck eine Weile. Er strich nicht darüber und fasste ihn auch nicht an.
„Könnte gut passen“, sagte er schließlich.
Mara spürte ein Kribbeln im Bauch. „Also war der Bär wirklich hier?“
„Zumindest war hier etwas ziemlich Großes unterwegs.“ Der Ranger sah sie an. „Den Bären suchen wir gerade ein bisschen mit.“
„Damit Sie ihn fangen?“
„Nein. Am liebsten lassen wir ihn in Ruhe.“
Das gefiel Mara.
Der Mann erklärte nur noch, dass sie auf dem Weg bleiben sollten und auf keinen Fall versuchen dürften, näher an einen Bären heranzugehen, falls sie tatsächlich einen sähen. Dann ging er weiter. Sein Funkgerät knackte einmal, und nach wenigen Metern verschwand der grüne Hut hinter der Kurve.
Mara sah noch einmal auf den Abdruck.
Jetzt wollte sie wissen, in welche Richtung die Spur führte. Sie suchte den Boden am Wegrand ab, fand aber nur einen Schuhabdruck, einen Fahrradreifen und etwas, das Papa für eine Hundepfote hielt.
Der Bär ließ sich nicht weiterverfolgen.
Auf dem Heimweg redeten sie irgendwann über Pfannkuchen. Mama wollte Äpfel hineinmachen, Papa nicht, und Mara war mit beiden Varianten einverstanden, solange genug Zimt daraufkam.
Der Wald lag bald hinter ihnen.
Am Abend dachte Mara trotzdem wieder daran.
Sie lag schon im Bett, als draußen etwas gegen den Zaun schabte. Mara hob den Kopf.
Noch einmal.
Mama kam gerade herein und sah, wohin Mara schaute.
„Der Bär wird kaum unseren Zaun aufessen“, überlegte sie.
Jetzt lauschten beide.
Es schabte ein drittes Mal.
Mama ging zum Fenster und zog den Vorhang ein Stück zur Seite.
„Unser Bär hat lange Ohren.“
Unten im Garten saß ein Hase beim Zaun.
Mara sank erleichtert in ihr Kissen. Sie dachte noch eine Weile an den Abdruck im feuchten Boden. An den großen Wald dahinter und an den Bären, der irgendwo dort hindurchgezogen war, ohne dass sie ihn gesehen hatte.
Dann schabte der Hase wieder am Zaun.
Diesmal drehte Mara sich nur auf die andere Seite.
Bären-Fakten kurz und bündig
Bären sind große Säugetiere mit Fell und kräftigen Pfoten. Viele Bärenarten (zum Beispiel der Braunbär) sind Allesfresser: Sie fressen je nach Jahreszeit Gras und Kräuter, Beeren, Nüsse, Insekten oder auch mal Fisch. Bären haben einen sehr guten Geruchssinn, können gut klettern oder schwimmen (je nach Art) und sind viel schneller, als man denkt.
In Deutschland gibt es keine feste Bärenpopulation, aber ganz selten kann ein einzelner Braunbär als „Gast“ aus dem Alpenraum vorbeiziehen. Wenn man im Wald große Spuren sieht, gilt: Abstand halten, auf den Wegen bleiben, keine Essensreste liegen lassen und einem Erwachsenen Bescheid sagen. So bleibt es für Menschen sicher – und für das Tier auch.
PDF-Download der Einschlafgeschichte „Der Gast im Wald“
Hier können Sie die Gute-Nacht-Geschichte „Der Gast im Wald“ als PDF downloaden und ausdrucken:
PDF-Download der Einschlafgeschichte „Der Gast im Wald“
Ein Bär, der irgendwo durch den Wald zieht, eine große Spur im Boden und ein Geheimnis, das Mara noch bis zum Einschlafen beschäftigt: Wenn Sie die Geschichte später noch einmal lesen möchten, können Sie sie auf Pinterest speichern – oder mit anderen teilen, die ruhige und spannende Naturgeschichten für Kinder mögen.
Märchen und Klanggeschichten (nicht nur) zum Einschlafen: