Der Gast im Wald: ein Bär!

Lesezeit: 4 Minuten

Gute-Nacht-Geschichte für Kinder erzählt von Betina Graf

Mara merkte es zuerst an den Stimmen.

Am Ton, den Erwachsene benutzen, wenn sie ganz normal klingen wollen – und dabei doch etwas Besonderes meinen.

„Heute bleiben wir auf den Wegen“, sagte Papa beim Frühstück und rührte seinen Tee, als wäre das eine ganz gewöhnliche Sache.

Mara schaute auf. „Warum?“

Mama stellte die Marmelade auf den Tisch. „Weil es einen Gast gibt.“

„Einen Gast?“ Mara blinzelte. „Wer besucht denn den Wald?“

Papa setzte sein Glas ab und schaute kurz aus dem Fenster. „Ein Bär.“

Mara riss die Augen auf. „Ein echter Bär? Hier?“

Mama nickte. „Er ist auf Wanderschaft. Ein Gast-Bär.“

Später gingen sie raus – bis zum Waldrand, wo der Weg breit war und die Wiese nach frisch gemähtem Gras roch.

„Wir bleiben zusammen“, sagte Papa. „Und wir beobachten ganz genau.“

Direkt beim Wegweiser hing ein frisches Schild. Papa las vor: „Bär gesichtet. Bitte auf den Wegen bleiben.“

Plötzlich achtete Mara auf alles: auf die Zweige, die knacken könnten und auf das Unterholz, in dem es rascheln könnte.

Sie gingen langsam. Mara stellte sich vor, wie ein Bär läuft. Gelassen. Mit Zeit.

Dann sah Mara etwas im feuchten Boden neben dem Weg.

„Papa“, sagte sie und zeigte nach unten.

Papa kam näher. „Was hast du entdeckt?“

Ein Abdruck. Rund. Groß. So groß, dass Maras Hand hineinpasste – und es wäre immer noch Platz geblieben.

Mama kniete sich daneben und schaute genau hin. „Das könnte eine Spur sein.“

Mara schluckte. „Vom Bären?“

„Das ist möglich“, sagte Papa. „Manchmal zeigen mehrere Zeichen zusammen, wer hier war.“

In diesem Moment kam jemand entgegen: ein Mann mit grünem Hut, mit einem Funkgerät am Gürtel. Er blieb stehen und lächelte freundlich.

„Guten Morgen“, sagte er. „Alles gut bei euch?“

Papa nickte. „Mara hat eine Spur gefunden.“

Der Mann beugte sich vor, betrachtete den Abdruck und nickte langsam. „Gute Augen. Das ist eine große Spur.“

Mara fragte: „Sind Sie… vom Wald?“

„Ich bin Ranger“, sagte er. „Heute schaue ich nach, wo unser Gast unterwegs war.“

„Warum heißt er Gast?“, fragte Mara.

Der Ranger schob den Hut ein Stück zurück. „Weil er hier vorbeikommt wie ein Reisender. Manche Bären wandern weit. Und manchmal führt der Weg durch diese Gegend.“

„Ist der Bär gefährlich?“, fragte sie.

Der Ranger wurde ernst, blieb dabei freundlich. „Ein wildes Tier verdient Respekt. Darum gilt: Abstand halten, Wege benutzen, zusammen bleiben. So bleibt es sicher – für euch und für den Bären. Wir wünschen dem Bären, dass er ohne Stress weiterziehen kann.“

Mara nickte. Das klang nach einer Regel, die allen hilft.

„Danke, dass ihr so achtsam seid“, sagte der Ranger, richtete sich auf und ging weiter. Sein Funkgerät knackte kurz, dann war wieder nur Wind zu hören.

Auf dem Rückweg redeten sie über Pfannkuchen zum Mittag, über die Mathehausaufgabe und darüber, ob es schon warm genug für Eis sei.

Und doch blieb der Gast-Bär in Maras Kopf – wie ein Gedanke, der immer wieder auftaucht.

Am Abend lag Mara im Bett. Der Wind wehte am Fenster entlang, und irgendwo im Garten klapperte ein Ast ganz leicht.

Mama setzte sich auf die Bettkante und strich Mara über die Stirn. „Denkst du noch an den Bären?“

Mara nickte. „Ich habe ihn gar nicht gesehen. Nur die eine Spur.“

Mama lächelte. „Spuren erzählen viel. Und manchmal passt es, wenn der Wald seinen Besuch für sich behält.“

Mara drehte sich auf die Seite. „Wie weit kann ein Bär reisen?“

„Sehr weit“, sagte Mama. „Heute Nacht ruht er vielleicht aus. Oder er zieht weiter. Genau wie du jetzt.“

Mara stellte sich einen stillen Ort tief im Wald vor, dort, wo kein Mensch entlanggeht. Der Bär ruht dort, sicher und ungestört.

„Ich hoffe, er schläft ruhig“, murmelte Mara.

„So wie du gleich“, flüsterte Mama. „Gute Nacht, Mara.“

Mara schloss die Augen.

Bären-Fakten kurz und bündig

Gute-Nacht-Geschichte für den Frühling: der Bär

Bären sind große Säugetiere mit Fell und kräftigen Pfoten. Viele Bärenarten (zum Beispiel der Braunbär) sind Allesfresser: Sie fressen je nach Jahreszeit Gras und Kräuter, Beeren, Nüsse, Insekten oder auch mal Fisch. Bären haben einen sehr guten Geruchssinn, können gut klettern oder schwimmen (je nach Art) und sind viel schneller, als man denkt.

In Deutschland gibt es keine feste Bärenpopulation, aber ganz selten kann ein einzelner Braunbär als „Gast“ aus dem Alpenraum vorbeiziehen. Wenn man im Wald große Spuren sieht, gilt: Abstand halten, auf den Wegen bleiben, keine Essensreste liegen lassen und einem Erwachsenen Bescheid sagen. So bleibt es für Menschen sicher – und für das Tier auch.

PDF-Download der Einschlafgeschichte „Der Gast im Wald“

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Der Gast im Wald

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