Die weiße Füchsin – japanisches Märchen

Lesezeit: 5 Minuten

Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Vor langer Zeit ging der Sohn eines Fürsten mit vielen Jägern in den Wald von Shimoda.

Zwischen Farnen und Bäumen blitzte plötzlich ein schneeweißes Fell auf. Es war eine weiße Füchsin. Die Jäger jubelten, stellten ihr nach und fingen sie. Der Fürstensohn rief erfreut: „Heute bekomme ich ein kostbares Fell!“

Unter den Jägern war auch Yasuna, der Sohn eines Tempelwächters. Yasuna kannte die alten Tempelgeschichten. Er wusste: Weiße Füchse gelten als Boten aus der Götterwelt. Man sagt, sie können sich verwandeln, Menschen verwirren, Wege verschwinden lassen und mit klugem Zauber Schutz schenken.

Wer einem weißen Fuchs Unrecht tut, bringt Unheil ins eigene Haus, und wer ihn rettet, bekommt Hilfe, wenn er sie am dringendsten braucht.

Geschichte: Die weiße Füchsin

Yasuna trat vor, verneigte sich und sagte: „Schenk mir die Füchsin. Sie gehört in den Wald.“ Doch der Fürstensohn schüttelte den Kopf und rief: „In den Käfig mit ihr! Zum Lager!“

Die Jäger sperrten die weiße Füchsin in einen kleinen Holzkäfig. Yasuna trat vor und sagte mit entschiedener Stimme, die keinen Widerspruch duldete: „Ich trage ihn.“ Dann nahm er den Käfig und ging los. Als der Weg zwischen den Bäumen enger wurde, rannte er plötzlich davon.

Wurzeln ragten aus dem Boden. Yasuna stolperte, der Käfig fiel hin, die Tür sprang auf – und die weiße Füchsin sauste hinaus. Im nächsten Augenblick war sie zwischen den Bäumen verschwunden.

Da kam eine junge Frau aus dem Wald. Es war Kuzunoha, Yasunas Braut. Sie kniete neben ihm, verband seine Schrammen und führte ihn nach Hause. Yasuna staunte und fragte: „Kuzunoha, wie kommst du hierher? Ich dachte, du bist weit weg bei deinen Eltern?“

Kuzunoha antwortete: „Frag später. Zu einer guten Stunde erfährst du alles.“

Bald feierten sie ihre Hochzeit. Aus der ganzen Gegend kamen Gäste, gratulierten und freuten sich mit ihnen. Als ein Jahr fast um war, bekamen Kuzunoha und Yasuna einen Sohn. Sie nannten ihn Dokyo. Das Kind lachte, half neugierig in der Küche mit und tobte danach mit den Nachbarskindern im Hof.

Eine Jahreszeit folgte der nächsten. Dokyo wuchs heran, Yasuna arbeitete, Kuzunoha kümmerte sich um Haus und Kind. In ihrem Gesicht lag Freundlichkeit. Dabei ging sie leichtfüßig durch den Tag.

Eines Abends kam Yasuna spät aus dem Wald zurück. Vor der Haustür warteten Kuzunohas Eltern. Kuzunoha war bei ihnen. Sie trug einen Kimono, den Yasuna noch nie an ihr gesehen hatte. Ihr Benehmen wirkte höflich und vorsichtig, wie bei einem Gast. Dazu schaute sie ihn an, als kenne sie ihn kaum.

Kuzunohas Vater platze vorwurfsvoll heraus: „Yasuna, warum kümmerst dich nicht um unsere Tochter? Seit vier Jahren sitzt sie bei uns und wartet, als wäre jeder Tag der Tag deiner Rückkehr.“

Yasuna verstand die Vorwürfe nicht. „Was meint ihr? Kuzunoha ist doch hier bei mir.“

Die Eltern schüttelten verständnislos die Köpfe. „Unsere Tochter hat bei uns gewartet, bis wir es nicht länger mit ansehen konnten. Heute haben wir sie hergebracht.“

Yasuna wurde ganz verwirrt. „Aber wir haben doch ein gemeinsames Kind. Dokyo ist unser Sohn.“

Kuzunohas Mutter sah ihn streng an. „Dann zeig ihn uns.“ Yasuna nickte hastig. „Kommt herein!“

Er öffnete die Tür und rief in das Haus: „Kuzunoha! Ich bin zurück!“ Keine Antwort kam. Yasuna öffnete eine Tür nach der anderen, schaute in die Stube und in die Kammer. Kuzunoha, wie er sie kannte, war nicht da. Sein Herz schlug schnell.

Märchen aus Japan: Die weiße Füchsin

Dann führte er die Eltern zu Dokyo. Der Junge lag auf seiner Matte und schlief. Yasuna setzte sich daneben, streichelte ihm über die Haare und sagte: „Siehst du? Dokyo ist unser Sohn.“

Da wachte Dokyo auf und und weinte. Dann hob er den Kopf und rief schlaftrunken: „Mutter!“ Kuzunohas Eltern sahen sich an. Yasunas Herz klopfte.

Da erzählte Dokyo: „Im Schlaf kam Mama zu mir. Sie sagte: ‚Ich bin kein Mensch. Ich bin eine schneeweiße Füchsin. Dein Vater Yasuna hat mir im Wald das Leben gerettet. Darum nahm ich Menschengestalt an und kam in Gestalt seiner Braut. Ich wollte ihm dafür danken, dass er mir das Leben gerettet hat. Doch nun ist die echte Kuzunoha gekommen. Jetzt muss ich gehen. Sag es deinem Vater. Bleib ein guter Junge!‘“

Yasuna wurde ganz bleich. Nun verstand er alles.

Von da an lebte die echte Kuzunoha im Haus an Yasunas Seite. Sie nahm Dokyo an wie ihr eigenes Kind und erzog ihn mit Liebe und Geduld. Dokyo lernte lesen, arbeiten und helfen. Später wurde er klug und mutig.

Die weiße Füchsin wurde nie wieder von einem Menschen gesehen.

Hinweis: Diese kindgerechte Geschichte ist neu erzählt nach Motiven aus dem Märchen „Der weiße Fuchs“ aus „Japanische Märchen“ von Karl Alberti (1913). Die Handlung wurde leicht verändert und für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter vereinfacht.

Eine gute Tat kommt zurück

Japanisches Märchen: Die weiße Füchsin

Wenn jemand aus Mitgefühl hilft, kann daraus später etwas Gutes wachsen. Solche Taten bleiben im Gedächtnis, auch wenn es zunächst gar nicht so scheint. Manchmal kommt später von ganz anderer Seite etwas Gutes zurück.

Dankbarkeit kann sich auf viele Arten zeigen. Manchmal kommt sie als Hilfe, manchmal als Schutz, manchmal als Trost. Und manchmal versteht man erst nach langer Zeit, was wirklich geschehen ist. Dann fügt sich vieles zusammen, und aus einem Rätsel wird eine klare Geschichte.

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Die weiße Füchsin

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