Dreizehn zu Weihnachten

Das kleine Rezeptbuch lag in der Schublade unter den Geschirrtüchern. Camille kannte es, seit sie denken konnte. Der Einband war einmal dunkelgrün gewesen, an den Ecken kam die Pappe durch, und zwischen manchen Seiten steckten Zettel, die dort schon sehr lange lagen.

Ihre Großmutter holte das Buch jedes Jahr vor Weihnachten heraus. Dieses Mal suchte sie das Rezept für die Pompe à l’huile, das flache, weiche Olivenölgebäck, das es bei ihnen jedes Weihnachten gab. Auf der Anrichte standen schon Teller mit Feigen, Mandeln und Nougat, daneben lagen Clementinen in einer Schale.

Camille saß am Küchentisch und knackte Walnüsse. Sie sollte die Kerne möglichst ganz lassen. Nach der fünften zerdrückten Nuss hatte sie genug davon.

„Guck mal, ob du die Seite findest. Irgendwo ziemlich weit hinten.“

Camille blätterte. Aprikosenmarmelade, Mandelgebäck, ein Kuchen mit einem braunen Fleck quer über der Zutatenliste. An einer Stelle hatte jemand später mit blauem Kugelschreiber die Zuckermenge geändert.

Die Pompe à l’huile fand sie nicht. Dafür blieb sie an einer Seite hängen, auf der oben nur stand: Die 13.

Darunter begann eine Liste. Feigen, Rosinen, Mandeln, Walnüsse, Datteln. Schwarzer Nougat, weißer Nougat, Pompe à l’huile. Danach wurde es unordentlicher. Hinter Birnen stand in anderer Schrift: nur die kleinen. Unter Quittenpaste hatte jemand Calissons ergänzt. Von den kleinen Mandelstücken mit der weißen Glasur waren an Weihnachten meist zuerst welche verschwunden. Clementinen drängten sich an den Rand.

„Oma, wer hat das geschrieben?“

„Uri. Jedenfalls den Anfang.“

Dreizehn zu Weihnachten - Uroma auf dem Foto

Camille kannte Uri nur von Fotos. Auf einem saß sie vor demselben Haus, in dem sie jetzt Weihnachten feierten, und hielt eine Katze auf dem Schoß, die sich wegdrehen wollte. Camille mochte das Bild.

Sie schob die Nussschale fort und las weiter. Kandierte Früchte waren irgendwann dazugekommen und später durch Trauben ersetzt worden. Bei Birnen hatte jemand ein Fragezeichen gesetzt. Neben Calissons stand: von Mireille.

Camille zählte, was bereits auf der Anrichte stand. Nach zehn fing sie noch einmal an, weil sie schwarzen und weißen Nougat zusammengezählt hatte.

„Welche dreizehn nehmen wir denn eigentlich?“

Ihre Großmutter sortierte schlechte Mandeln aus. „Unsere.“

Camille zog die Stirn kraus. Das erklärte noch nicht, welche dreizehn gemeint waren, deshalb legte sie ihr das Buch hin. Die Großmutter strich sich die Hände an der Schürze ab. Bei den kandierten Früchten blieb sie hängen. Die habe Uri eine Zeitlang unbedingt dabeihaben wollen. Später hatte Camilles Großvater Mandelkonfekt aus der Aix-en-Provence mitgebracht, und seitdem fehlte das kaum noch. Wann die Clementinen aufgetaucht waren, wusste sie nicht mehr.

Camille knibbelte an einer losen Ecke des Buchrückens.

„Nicht abmachen.“

Sie ließ sie los.

Auf dem Tisch standen nach ihrer Rechnung erst zwölf Desserts. Ihre Großmutter zählte nach und landete ebenfalls bei zwölf.

Eine Weile suchten beide. Camille sah sogar im Kühlschrank nach, obwohl sie wusste, dass dort nichts davon stand. Schließlich fand sie die Datteln hinter der großen Plätzchendose. Sie waren am Morgen schon auf einen Teller gelegt und dann dort abgestellt worden.

Camille trug die Datteln ins Wohnzimmer und stellte den Teller zu den anderen. Sie zählte noch einmal nach. Dreizehn.

Dreizehn Desserts – aber nicht immer dieselben

Tradition der 13 Dessert in Frankreich

Die Zahl 13 hat beim provenzalischen Weihnachtsbrauch eine besondere Bedeutung. Sie steht für Jesus und seine zwölf Apostel, die beim letzten Abendmahl zusammen am Tisch saßen. Deshalb gehören traditionell dreizehn verschiedene Süßigkeiten, Früchte und andere Leckereien auf den Weihnachtstisch. Welche genau das sind, kann von Familie zu Familie unterschiedlich sein.

Welche 13 Desserts auf den Tisch kommen, ist nämlich nicht überall gleich. Manche Familien mögen besonders Nüsse und Trockenfrüchte, andere nehmen Nougat, Obst oder provenzalisches Gebäck dazu. So kann jede Familie ihre ganz eigene Mischung haben, die von Weihnachten zu Weihnachten weitergegeben wird.

Dreizehn zu Weihnachten – Geschichte & Quiz

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Dreizehn zu Weihnachten

Jede Geschichte aus der Reihe bringt vier neue Quizkarten mit. Die Karten lassen sich ausschneiden, sammeln und später miteinander mischen. Daraus wird ein abwechslungsreiches Weihnachtsquiz rund um Bräuche und Traditionen aus Europa.

Quiz zu Frankreich

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