Pauline hatte den ganzen Abend nur darauf gewartet, endlich in die Bäckerei zu kommen. Das Essen bei ihrer Tante hatte sich gezogen, jedenfalls für ihren Geschmack. Bei den Trairies war bestimmt längst etwas los.
Als sie mit ihrem Vater durch die Tür trat, musste sie erst einmal stehen bleiben. Überall Menschen. Zwischen Mänteln und Schultern konnte sie gerade noch die Tische erkennen. Dort lagen schon die Karten bereit, daneben die Cougnous, kleine süße Weihnachtsbrote, die es bei den nächsten Runden zu gewinnen gab. Oben auf einem Regal wartete der Hauptpreis: eine Bûche de Noël, eine mit Creme gefüllte Weihnachtsrolle, die wie ein Holzscheit verziert war.
Pauline entdeckte sie sofort.
„Die will ich gewinnen.“
Ihr Vater sah sich nach einem freien Stuhl um. „Dann brauchst du erst mal einen Platz.“
Genau daran haperte es. An jedem Tisch saßen zehn Leute, und dahinter warteten schon die Nächsten. Pauline drängte sich bis zum Tisch neben dem Backofen vor. Tante Hélène spielte dort mit, Monsieur Lambert ebenfalls, und sogar Jules war noch da, obwohl der sonst um diese Zeit längst zu Hause saß.
Pauline stellte sich hinter ihre Tante und wartete.
Die Karten wurden gemischt und verteilt. Jeder bekam nur eine. Pauline kannte das Spiel genau. Trotzdem reckte sie den Hals, sobald jemand seine Karte ein wenig zu weit anhob.
„Nicht gucken“, sagte ihre Tante.
„Ich gucke gar nicht.“
Sie guckte natürlich.
Als die Trumpfkarte aufgedeckt wurde, ging ein Gemurmel um den Tisch. Einer nach dem anderen drehte seine Karte um. Monsieur Lambert schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Er hatte gewonnen!
Die Bûche wurde ihm gebracht. „So“, sagte Monsieur Lambert und stand auf.
Pauline war sofort neben seinem Stuhl.
Aber er nahm nur seine Bûche entgegen, legte sie seiner Frau in die Arme und setzte sich wieder.
Pauline trat einen Schritt zurück. Die nächste Runde begann.
Nun ging es um einen großen Cougnou. Er lag mitten auf dem Tisch und sah so gut aus, dass Pauline Hunger bekam, obwohl sie bei ihrer Tante zwei Stücke Kuchen gegessen hatte. Vielleicht auch drei. Das dritte war klein gewesen.
Am Nachbartisch wurde laut gestritten, weil jemand behauptete, die Karten seien nicht richtig abgehoben worden. Der Bäcker kam aus dem hinteren Raum und hörte sich die Sache an. Mehl klebte noch an seinem Ärmel. Nach einer Weile schickte er alle zurück an ihre Plätze.
„Das machen die jedes Jahr“, sagte Paulines Vater.
Pauline hörte kaum hin. Am Tisch stand jemand auf.
Diesmal war es Tante Hélène.
Pauline griff schon nach dem Stuhl.
„Ich hole nur meinen Schal.“
Pauline ließ ihn wieder los.
„Du bist ja schlimm heute“, meinte ihre Tante und schüttelte den Kopf.
Nach der dritten Runde kannte Pauline inzwischen jeden, der möglicherweise bald nach Hause gehen könnte. Jules rieb sich dauernd die Augen. Madame Pirard sagte zweimal, es sei schon viel zu spät. Ein Mann am anderen Ende des Tisches hatte seine Jacke sogar schon angezogen.
Keiner machte Anstalten zu gehen. Pauline holte sich ein Stück Cougnou und knabberte daran, während die nächste Runde begann.
Jules gähnte so ausgiebig, dass Pauline gleich hinter seinem Stuhl Stellung bezog.
„Willst du mich loswerden?“, fragte er.
Pauline schüttelte den Kopf, was nicht besonders überzeugend war.
Nach der Runde stand Jules tatsächlich auf, zog Mantel und Schal an und verabschiedete sich umständlich von allen möglichen Leuten. An der Tür blieb er auch noch zum Reden stehen.
Aber sein Stuhl war frei.
Pauline sah zu ihrem Vater.
„Los.“
Das brauchte er ihr nicht zweimal zu sagen.
„Moment.“
Der Bäcker hielt sie auf. Pauline blieb mitten zwischen zwei Tischen stehen.
„Hast du deinen Einsatz?“
Den hatte sie.
Seit drei Tagen trug sie das Geld in der kleinen Innentasche ihres Mantels herum. Sie holte es heraus und legte es auf den Tisch.
Jetzt saß sie tatsächlich da.
Der Stuhl war noch warm von Jules.
Die anderen redeten weiter, als wäre nichts Besonderes geschehen. Madame Pirard fragte Tante Hélène nach irgendeinem Rezept. Monsieur Lambert schnitt bereits seine Bûche an, obwohl seine Frau gesagt hatte, er solle damit bis morgen warten.
Pauline bekam eine Karte: die Herz Neun. Zwei Karten waren noch nicht aufgedeckt.
Der eine Spieler hatte Kreuz.
Als Letzter war Monsieur Lambert an der Reihe. Er sah auf seine Karte und legte sie auf den Tisch.
Herz acht.
Pauline brauchte einen Augenblick, bis sie begriff, dass keine höhere Herzkarte auf dem Tisch lag.
Der Bäcker griff nach dem Cougnou, der für diese Runde bereitlag, und schob ihn über den Tisch.
„Der gehört dir.“
Pauline nahm ihn mit beiden Händen.
Er war kleiner als der Cougnou aus der zweiten Runde. Viel kleiner als die Bûche sowieso.
Das war ihr egal.
„Spielst du die letzte auch noch?“, fragte Tante Hélène.
Hinter Pauline wartete bereits ein Junge auf den Stuhl. Vielleicht sieben Jahre alt. Seit wann er dort stand, wusste sie nicht.
Pauline zog ihren Cougnou zu sich.
„Nein. Ich habe meinen.“
Sie stand auf, und der Junge rutschte sofort auf ihren Platz.
Ihr Vater wollte den Cougnou tragen. Pauline gab ihn nicht her.
Auf dem Heimweg brach sie an einer Seite ein Stück ab. Nur ein kleines.
Ihr Vater sah hin. „Ich dachte, der wäre für morgen.“
Pauline kaute.
„War er.“
Wenn um Weihnachtsgebäck gespielt wird
In der belgischen Stadt Andenne gibt es zur Weihnachtszeit einen besonderen Brauch: die „Trairies“. Dabei treffen sich die Menschen zum Kartenspielen und können süßes Weihnachtsgebäck gewinnen. Besonders begehrt sind die Cougnous – weiche, süße Hefebrote, die in dieser Gegend traditionell zu Weihnachten gehören.
In der Geschichte wartet außerdem ein ganz besonderer Hauptgewinn: eine Bûche de Noël. Dieser französische Weihnachtskuchen sieht aus wie ein kleiner Holzscheit und besteht meist aus einer mit Creme gefüllten Biskuitrolle. Kein Wunder also, dass Pauline ihn sofort ins Auge fasst!
Download der Weihnachtsgeschichte "Die einzige freie Runde"
Die Geschichte „Die einzige freie Runde“ gibt es hier kostenlos als PDF zum Herunterladen. So lässt sie sich ganz in Ruhe lesen, ausdrucken oder für einen gemütlichen Weihnachtsabend aufbewahren:
Und wer danach noch ein wenig rätseln möchte, kann sich auch das passende Europa-Quiz kostenlos herunterladen. Eine schöne Ergänzung zur Geschichte – zum gemeinsamen Knobeln, Lernen und Entdecken:
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