Als Nikos ins Wohnzimmer kam, stand das Karavaki schon auf dem Tisch – das kleine Weihnachtsboot, das jedes Jahr Anfang Dezember aus dem Schrank geholt wurde. Den Rest des Jahres steckte es in einem alten Kissenbezug, damit es keinen Staub ansetzte. Sein Großvater hatte es gerade ausgepackt und wischte über den Rumpf.
Nikos setzte sich dazu. Der Mast stand schief wie jedes Jahr. Er drückte ihn vorsichtig gerade, ließ los und sah zu, wie er wieder ein Stück zurückwanderte.
„Der ist so“, sagte sein Großvater. „Seit mindestens zwanzig Jahren.“
Nikos richtete den Mast noch einmal aus. Als er erneut zurückkippte, gab er ihm einen letzten kleinen Schubs und kümmerte sich lieber um die Lichter.
Dieses Jahr durfte er sie anbringen. Das nahm er ziemlich genau. Zwei Lämpchen zu dicht nebeneinander gefielen ihm nicht, und eines hing viel zu tief. Sein Großvater knackte währenddessen Walnüsse und wartete.
Beim dritten Anlauf saß alles.
Nikos steckte den Stecker ein.
Ein kleines Licht links vom Mast blieb dunkel.
Er drehte das Birnchen, drückte daran und probierte es noch einmal. Nichts. Im Laden an der Ecke hatte Nikos gestern eine neue Lichterkette mit kleinen Sternen gesehen. Die wäre jetzt sehr praktisch gewesen.
Sein Großvater wollte davon noch nichts wissen. Erst sollten die Ersatzbirnchen gesucht werden.
Wo die lagen, wusste er allerdings auch nicht mehr.

In der Kommode fanden sie Batterien, einen einzelnen Handschuh und mehrere Schlüssel, deren Zweck seit Jahren unbekannt war. Nikos wollte einen davon wegwerfen. Sein Großvater nahm ihn ihm sofort wieder ab.
„Den brauchen wir bestimmt noch irgendwann.“
In der unteren Schublade lag ein dicker Umschlag mit Fotos. Nikos zog ihn heraus und setzte sich auf den Teppich. Die Birnchen mussten warten.
Auf einem Bild erkannte er seine Mutter. Sie war vielleicht neun oder zehn und kniete vor demselben Karavaki. Um den Mast hatte sie so viel Lametta gewickelt, dass vom Holz kaum noch etwas zu sehen war.
Sein Großvater setzte sich neben ihn. Seine Tochter hatte damals unbedingt selbst schmücken wollen. Hinterher hatte das halbe Wohnzimmer geglitzert.
Nikos hielt das Foto näher ans Licht.
„Die Socken passen auch nicht zusammen.“
Das hatte sein Großvater noch gar nicht bemerkt.
Auf einem anderen Bild war sein Großvater zu sehen, viel jünger, mit dem Karavaki auf dem Tisch. Neben seinem Knie lag eine dünne Lichterkette.
Nikos holte die heutige vom Fenster und hielt sie neben das Foto. „Das ist doch dieselbe.“
Sein Großvater nahm das Bild und sah genauer hin.
„Ja. Die ist es.“
Er blätterte noch zwei Fotos weiter und erzählte, dass Nikos’ Mutter einmal kleine Bonbons an das Boot gehängt hatte. Am nächsten Morgen waren sie weg gewesen. Wer sie gegessen hatte, darüber wurde in der Familie noch heute gestritten.
Die Ersatzbirnchen fanden sie schließlich im Nähkorb. Eine kleine Blechdose mit drei Stück darin.
Das erste war zu groß. Beim zweiten geschah nichts. Als sie das dritte einsetzten, ging die ganze Kette aus.
Nikos ließ sich rückwärts auf den Teppich fallen.
Sein Großvater prustete los.
Danach wurde es fummelig. Der kleine Kontakt im Sockel war verbogen. Er holte einen Schraubenzieher, Nikos hielt das Kabel und zog einmal genau in dem Moment daran, in dem er es nicht sollte.
„Nicht ziehen.“
„Hab ich doch schon aufgehört.“
Sie probierten es noch einmal.
Jetzt brannten alle Lichter. Nur das neue war heller als die anderen. Außerdem saß es schief. Nikos streckte schon die Hand danach aus und zog sie wieder zurück.
Später stellte er die beiden Fotos neben das Karavaki ans Fenster. Seine Mutter mit dem vielen Lametta nach vorn, den jungen Großvater dahinter.
Weihnachten am Meer
In Griechenland gehörte lange nicht nur der Weihnachtsbaum zur Weihnachtszeit. Vor allem in Küstenorten und auf den Inseln wurden kleine Boote geschmückt – Karavakia. Sie bekamen Lichter, Bänder und anderen Weihnachtsschmuck und standen in Häusern, Fenstern oder auf öffentlichen Plätzen.
Heute findet man in Griechenland meist Weihnachtsbäume, doch das Karavaki ist nicht verschwunden. Gerade in der Adventszeit tauchen die leuchtenden Boote noch immer auf und gehören für viele Familien einfach zu Weihnachten.
Karavaki statt Weihnachtsbaum?
In Griechenland gehörte lange nicht nur der Weihnachtsbaum zur Weihnachtszeit. Vor allem in Küstenorten und auf den Inseln wurden kleine Boote geschmückt – Karavakia. Sie bekamen Lichter, Bänder und anderen Weihnachtsschmuck und standen in Häusern, Fenstern oder auf öffentlichen Plätzen.
Heute findet man in Griechenland meist Weihnachtsbäume, doch das Karavaki ist nicht verschwunden. Gerade in der Adventszeit tauchen die leuchtenden Boote noch immer auf und gehören für viele Familien einfach zu Weihnachten.
Wie kam das Boot ins Weihnachtsfest?
Das Meer spielte im Leben vieler griechischer Familien schon immer eine große Rolle. Männer arbeiteten als Fischer oder Seeleute und waren manchmal lange von zu Hause fort. Boote gehörten deshalb zum Alltag – besonders auf den zahlreichen griechischen Inseln und in den Küstenorten.
So fand das Schiff auch seinen Platz in der Weihnachtszeit. Kleine Boote wurden geschmückt und beleuchtet. Sie standen für die enge Verbindung zum Meer und zu den Menschen, die darauf unterwegs waren. Auch Kinder zogen früher mit kleinen geschmückten Booten von Haus zu Haus und sangen die traditionellen Weihnachtslieder, die Kalanda.
Mit der Zeit wurde auch der Weihnachtsbaum in Griechenland immer beliebter. Das Karavaki blieb trotzdem erhalten. Deshalb können heute zur Weihnachtszeit Tannenbäume und leuchtende Boote nebeneinander stehen – zwei ganz unterschiedliche Arten von Weihnachtsschmuck, die beide ihren Platz gefunden haben.
Das fehlende Licht am Karavaki – Bilder zur Weihnachtsgeschichte
Das Karavaki mit seinen kleinen Lichtern gehört zu den besonders schönen Weihnachtsbräuchen Griechenlands. Die folgenden Motive greifen die Stimmung der Geschichte „Das fehlende Licht“ auf und können direkt bei Pinterest gespeichert und geteilt werden. Vielleicht findet die Geschichte auf diese Weise noch den Weg zu anderen Familien, Schulklassen oder Vorleserunden.
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