Der Reisbrei mit der Glücksmandel

Seit dem Morgen dachte Emmi an die Mandel. Beim Decken des Tisches hatte sie sogar überlegt, wo sie wohl im Topf steckte und ob man sie beim Schöpfen erkennen konnte. Natürlich konnte man das nicht. Ihre Mutter stellte den schweren Topf auf den Tisch und gab jedem eine Schüssel. Zimt und Zucker standen daneben, in der Mitte schmolz ein Stück Butter.

In diesem Jahr saß Nora mit am Tisch. Sie war erst im November in Emmis Klasse gekommen. Anfangs hatten alle etwas von ihr wissen wollen. Inzwischen stand sie in den Pausen häufig am Rand des Schulhofs oder blieb noch eine Weile bei der Garderobe, wenn die anderen schon draußen waren. Emmi hatte das mehrmals gesehen. Sie hatte sich nie viel dabei gedacht.

Noras Mutter musste an diesem Heiligabend arbeiten. Deshalb hatte Emmis Mutter sie zu ihnen geholt. Nora hatte ein Päckchen Kekse mitgebracht, sorgfältig in rotes Papier gewickelt, und es erst nach einigem Zögern aus der Tasche genommen. Jetzt saß sie zwischen Emmi und Oma und pustete auf ihren Reisbrei.

Emmi aß langsam. Die letzten drei Jahre hatte sie die Glücksmandel nicht gefunden, und diesmal wollte sie sie unbedingt haben. Ihr kleiner Bruder schob den Löffel längst ungeduldig durch seine Schüssel. Nora schaute ihm eine Weile zu. Oma sagte ihr leise, wonach er suchte, und Nora sah überrascht in ihren Brei. Danach aßen alle ein wenig langsamer.

Bei Emmi blieb schließlich nur ein dünner Rest am Rand zurück. Sie kratzte ihn zusammen. Keine Mandel.

Neben ihr hörte man ein kleines Knacken.

Nora hielt inne und nahm etwas aus dem Mund. Auf ihrer Hand lag die Mandel.

Emmis Bruder beschwerte sich sofort. Oma lachte und schob ihm den Zimtzucker hin. Emmi sagte nichts. Sie wusste, dass es albern war, aber sie war enttäuscht. Nora kannte den Brauch kaum, war zum ersten Mal bei ihnen und bekam gleich die Mandel. Emmi hatte sich seit Tagen ausgemalt, wie sie sie finden und in eine kleine Schachtel legen würde.

Nach dem Essen nahm Nora die Mandel mit ins Wohnzimmer. Sie hielt sie fest, während Emmis Bruder unter dem Weihnachtsbaum nach den Namensschildern an den Päckchen suchte. Emmi saß neben ihr auf dem Teppich. Eine Weile hörten sie nur zu, wie die Erwachsenen in der Küche Tassen abstellten und Oma nach ihrer Brille suchte.

Dann fragte Emmi doch, was Nora sich gewünscht habe.

Nora wollte es erst nicht sagen. Sie drehte die Mandel zwischen den Fingern und sah auf ihre Hände.

„Dass ich nach den Ferien in der Pause nicht mehr allein bin.“

Emmi sagte nichts. Sie dachte daran, wie oft sie Nora in den letzten Wochen allein am Rand des Schulhofs gesehen hatte. Es war ihr aufgefallen, aber sie hatte nie länger darüber nachgedacht.

Emmi sah kurz zum Weihnachtsbaum hinüber. „Morgen gehe ich hinter der Turnhalle rodeln. Um elf ungefähr.“

Nora sah sie an.

„Du kannst kommen. Wenn du willst.“

Nora fragte nur, ob man dort einen Schlitten brauche. Emmi sagte, sie hätten zwei.

Der Reisbrei mit der Glücksmandel, Weihnachtsgeschichte, beide Mädchen verabschieden sich

Als Noras Mutter sie später abholte, steckte Nora die Mandel in die Manteltasche.

„Morgen um elf?“

„Ja. Ich klingele bei dir.“

Nora sah sie kurz an. „Wirklich?“

Emmi nickte.

Kaum war Nora draußen, hörte Emmi sie am Gartentor rufen: „Mama, ich gehe morgen rodeln!“

Finnischer Weihnachtsbrauch: Wer findet die Mandel?

Der Reisbrei mit der Glücksmandel, Weihnachtsgeschichte, Suche nach der Mandel

In Finnland gehört Reisbrei für viele Familien zur Weihnachtszeit. Er heißt „joulupuuro“ und wird meist mit Zimt und Zucker gegessen. Besonders spannend wird es, wenn eine einzelne Mandel im Brei versteckt ist: Wer sie in seiner Schüssel findet, soll Glück haben.

Der finnische Weihnachtsreisbrei wird aus Reis und Milch gekocht und warm serviert. Eine beliebte Tradition besteht darin, eine einzelne geschälte Mandel unter den fertigen Brei zu mischen. Beim Austeilen weiß niemand, in welcher Schüssel sie landet.

Je nach Familie gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, was dem Finder bevorsteht. Mal soll die Mandel Glück für das kommende Jahr bringen, mal darf man sich etwas wünschen. Vor allem aber macht die Suche aus einem einfachen Weihnachtsessen ein kleines gemeinsames Ereignis – genau wie bei Emmi und Nora in der Geschichte.

„Der Reisbrei mit der Glücksmandel“ als PDF

Möchten Sie die Geschichte später noch einmal lesen oder gemütlich vorlesen? „Der Reisbrei mit der Glücksmandel“ steht Ihnen hier kostenlos als PDF zur Verfügung. Einfach herunterladen, ausdrucken und mitnehmen.

Reisbrei mit Glücksmandel

Zu jeder unserer europäischen Weihnachtsgeschichten gehört ein kleines Quiz zum jeweiligen Brauch. Sammeln Sie die Quizze und machen Sie daraus ein gemeinsames Familienspiel: Wer kennt die Weihnachtsbräuche Europas am besten?

Quiz zu Finnland

Pinterest-Bilder zur Geschichte „Der Reisbrei mit der Glücksmandel“

Mal gemütlich, mal winterlich, mal verspielt: Diese drei Bilder zeigen „Der Reisbrei mit der Glücksmandel“ auf ganz verschiedene Weise. Wenn Ihnen eines besonders gut gefällt, können Sie es gern auf Pinterest merken und so auch anderen eine Freude machen.

Mehr Geschichten für Kinder:

Weihnachtsgeschichten

Gute-Nacht-Geschichten