Des Kaisers neue Kleider

Lesezeit: 4 Minuten

Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einmal ein Kaiser, der liebte schöne Kleider über alles. Er konnte stundenlang vor dem Spiegel stehen, Stoffe befühlen und sich vorstellen, wie alle staunen würden. Für ihn war das Wichtigste am Regieren: gut auszusehen.

Eines Tages kamen zwei fremde Männer in die Stadt. Sie trugen feine Hüte, gaben sich sehr vornehm und sagten: „Wir sind die besten Schneider der Welt. Wir können Stoff weben, der etwas ganz Besonderes kann: Wer dumm ist oder für sein Amt nicht taugt, der kann unsere Kleider nicht sehen.“

Der Kaiser bekam große Augen. „Dann kann ich ja sofort erkennen, wer klug ist!“ rief er. „Webt mir die Kleider! Ihr bekommt Gold und Seide, so viel ihr wollt.“

Die beiden Betrüger bekamen einen großen Raum im Schloss. Dort stellten sie einen Webstuhl auf – und taten, als würden sie fleißig arbeiten. Sie schnitten in die Luft, rieben unsichtbare Fäden zwischen den Fingern und nickten wichtig.

In Wahrheit war auf dem Webstuhl gar nichts. Der Kaiser wurde ungeduldig. Doch er traute sich nicht, selbst nachzusehen.

„Wenn ich die Kleider nicht sehe… was wäre dann?“ dachte er und schickte lieber seinen ältesten Minister. Der Minister trat ein, schaute auf den leeren Webstuhl – und erschrak.

„Ich sehe nichts!“ dachte er. „Bin ich etwa untauglich?“ Da bekam er Angst. Laut sagte er schnell: „Wunderbar! Welche Farben! Welche Muster! So etwas Herrliches habe ich noch nie gesehen.“

Die Betrüger lächelten. „Ganz genau“, sagten sie. „Sagen Sie dem Kaiser, er wird überwältigt sein.“ Bald schickte der Kaiser noch einen Minister. Und noch einen. Jeder sah nur leere Luft, aber keiner wollte zugeben, dass er nichts sah.

Also lobten sie alle die „prächtigen Gewänder“: „Glänzend!“ „Vornehm!“ „Majestätisch!“ Und jedes Lob klang ein bisschen lauter als das vorige, damit es ja überzeugend war.

Schließlich wollte der Kaiser die Kleider anprobieren. Die Betrüger taten, als hielten sie ein Hemd, eine Hose, einen Mantel. „Wie leicht es ist!“ riefen sie. „Wie fein es fällt!“

Der Kaiser stand vor dem Spiegel – und sah: nichts. Sein Herz klopfte. Doch die Höflinge riefen schon: „Wie großartig! Wie königlich!“ Und weil alle so begeistert taten, nickte auch der Kaiser und sagte mit gepresster Stimme: „Ja… es ist ausgezeichnet.“

Dann kam der Tag der großen Prozession. Die Stadt war voller Menschen. Fahnen wehten, Musik spielte, alle wollten den Kaiser in seinen neuen Kleidern sehen.

Der Kaiser schritt hinaus – nackt, nur mit seinem Stolz bekleidet. Neben ihm gingen die Minister und taten, als trügen sie eine lange Schleppe. Die Menschen am Straßenrand flüsterten: „Oh, wie schön!“ „So edel!“

Denn keiner wollte als dumm gelten. Keiner wollte der Erste sein, der etwas Unangenehmes sagt.

Da saß auf den Schultern seines Vaters ein kleines Kind. Es schaute ganz genau hin, runzelte die Stirn und rief laut: „Aber der Kaiser hat ja gar nichts an!“

Für einen Moment wurde es still, als hätte jemand die Musik angehalten. Dann wiederholte es jemand leise: „Er hat ja gar nichts an…“ Und plötzlich sagten es viele: „Der Kaiser ist nackt!“

Der Kaiser wurde rot. Er merkte, dass das Kind recht hatte. Doch die Prozession war schon unterwegs, und so ging er weiter – steifer als je zuvor.

Die Betrüger aber waren längst verschwunden, mit Gold und Seide in ihren Taschen.

Seit diesem Tag wussten die Menschen in der Stadt: Wenn alle etwas behaupten, wird es nicht automatisch wahr.

Und manchmal braucht es nur ein Kind, das frei heraus sagt, was es sieht – damit die Wahrheit ans Licht kommt.

Hinweis: Dieses Märchen ist neu erzählt nach der Vorlage „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Es handelt sich um ein skandinavisches Märchen aus Dänemark. Die Geschichte kommt ohne Tod und ohne grausame Szenen aus und eignet sich gut zum Vorlesen für Kinder.

Mut zur Wahrheit

Märchen: Des Kaisers neue Kleider

Eine Aussage wirkt schnell richtig, wenn sie von vielen wiederholt wird. Dann entsteht das Gefühl: „Alle sind sich einig, also wird es schon stimmen.“ Doch eine große Menge kann sich irren oder etwas nachsprechen, ohne es geprüft zu haben. Das Märchen macht deutlich, dass Wahrheit nicht davon abhängt, wie viele mitreden.

Mitläufertum bedeutet: mitmachen, obwohl Zweifel da sind. Oft passiert das, weil niemand auffallen oder gegen die Gruppe stehen möchte. So wird Schweigen zu Zustimmung, und Zustimmung wird zur Gewohnheit.

Die Moral: Besser selbst denken, genau hinschauen und bei Unsicherheit lieber ehrlich bleiben.

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