Das Einhorn mit dem Glitzer-Schnupfen

Lesezeit: 8 Minuten

Moderne Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Als das Einhornkind an diesem Morgen erwachte, wusste es gleich, dass etwas nicht stimmte.

Nicht, dass ihm etwas wehtat. O nein. Es war eher ein Kitzeln. Eins, das tief in der Nase saß und sich benahm, als habe es dort heimlich Wurzeln geschlagen. Das Einhornkind blinzelte, schüttelte den Kopf und schnupperte vorsichtig.

Da kribbelte es schon wieder.

„Hatschi!“

Ein feiner Schimmer stob vor seiner Nase in die Luft. Er glitzerte rosig, silbern und bläulich zugleich, drehte sich einmal im Sonnenlicht und setzte sich dann auf die Bettdecke, auf das Kopfkissen und auf die Mähne des Einhornkindes.

Das Einhornkind riss die Augen auf.

„O weh“, sagte es.

Es kannte das. Alle jungen Einhörner bekamen irgendwann einmal den Glitzer-Schnupfen. Das war keine schlimme Krankheit. Man bekam kein Fieber davon, keine Bauchschmerzen und auch keinen Husten. Nur dieses entsetzliche Kitzeln in der Nase. Und bei jedem Niesen flog Glitzerstaub durch die Gegend und blieb hartnäckig überall sitzen, wo er nicht sitzen sollte.

Das Ärgerlichste daran war: Gerade heute wollte das Einhornkind zu Mia.

Mia war ein Menschenkind und seine beste Freundin in der Menschenwelt. Sie wohnte am Rand eines kleinen Städtchens, in einem Haus mit grün gestrichenen Fensterläden und einem Kirschbaum hinter dem Zaun. Wenn das Einhornkind bei ihr zu Besuch war, lasen sie in Büchern, bauten Höhlen unter dem Küchentisch oder zeichneten Landkarten von erfundenen Ländern, in denen es Schokoladenberge und Limonadenquellen gab.

„Ich kann jetzt unmöglich hin“, murmelte das Einhornkind und schnupperte vorsichtig gegen das nächste Kitzeln an.

Da steckte die Mutter den Kopf zur Tür herein. Sie sah einen Blick auf die glitzernde Bettdecke, nickte und sagte: „Aha. Glitzer-Schnupfen.“

„Ausgerechnet heute“, seufzte das Einhornkind.

„So ist das bei solchen Sachen“, sagte die Mutter. „Sie suchen sich den unerquicklichsten Tag aus.“

„Ich wollte zu Mia.“

„Dann musst du besonders aufpassen.“

„Ich werde nicht niesen.“

Die Mutter hob die Augenbrauen. „So etwas sagen nur junge Einhörner. Und sie sagen es meistens kurz vor dem nächsten Nieser.“

Das Einhornkind wollte widersprechen. Es holte Luft.

„H… h…“

Es presste den Mund zusammen, kniff die Augen zu und hielt sich die Nase mit beiden Hufen zu.

Nichts geschah.

Es atmete auf.

„Siehst du?“

In genau diesem Augenblick kam der Nieser doch.

„Hatschi!“

Diesmal stob der Glitzer bis an den Türrahmen. Die Mutter bekam einen silbernen Punkt auf die Stirn, der dort sitzenblieb wie ein winziger Stern.

„Aha“, sagte sie. „Ganz ausgezeichnet beherrscht.“

Das Einhornkind senkte den Kopf. „Ich kann Mia doch nicht absagen.“

Die Mutter dachte einen Moment nach. „Dann geh. Aber bleib im Gartenhäuschen hinter ihrem Haus. Da seid ihr für euch. Und sobald es in der Nase kitzelt, drehst du dich von allem weg.“

„Von allem?“

„Von allem.“

Also machte sich das Einhornkind auf den Weg.

Der Pfad zur Menschenwelt führte durch einen alten Hohlweg, über dem Haselzweige ineinandergriffen. An seinem Ende stand, halb verborgen unter Efeu, ein rostiges Gartentor. Trat man hindurch, so war man nicht mehr im Silberwald, sondern hinter Mias Kirschbaum.

Mia wartete schon.

„Da bist du ja!“, rief sie.

„Pst! Nicht so nah!“

Mia blieb stehen. „Was ist denn mit dir los?“

Das Einhornkind trat vorsichtig aus dem Schatten. Seine Mähne war geschniegelt, sein Horn blank poliert, und dennoch sah es unerquicklich aus.

„Ich habe Glitzer-Schnupfen.“

Mia legte den Kopf schräg. „Ist das schlimm?“

„Nur für Teppiche, Tischdecken, Vorhänge, Bücherregale, Brotkörbe, Stuhlkissen und alles, was man sauber haben möchte.“

Mia machte große Augen. „Das klingt eher lustig.“

„Das klingt nur für Menschen lustig“, erwiderte das Einhornkind. „Für junge Einhörner ist es unerquicklich.“

Mia musste lachen. „Komm. Dann gehen wir ins Gartenhäuschen. Da kann nicht viel passieren.“

Das Gartenhäuschen war klein und roch nach Holz, Äpfeln und Sommersonne. An der Wand hing ein alter Spaten, auf dem Tisch stand ein Krug mit Margeriten, und in der Ecke lagen Decken und ein Korb voller Bastelsachen.

„Wir könnten Piratenschiffe basteln“, sagte Mia.

„Oder Schatzkarten“, sagte das Einhornkind.

„Oder beides.“

Sie setzten sich an den Tisch. Mia schnitt Segel aus Papier. Das Einhornkind zeichnete eine Insel mit einem Vulkan, drei Palmen und einer Höhle, in der nach seiner festen Überzeugung mindestens sieben Schatzkisten standen.

Eine Weile ging alles gut.

Das Einhorn mit dem Glitzer-Schnupfen - Märchen

Dann begann es in der Nase des Einhornkindes wieder zu kribbeln.

Es hielt inne.

„Oh“, sagte es.

Mia sah auf. „Oh gut oder oh schlecht?“

„Sehr schlecht.“

Sofort sprang das Einhornkind auf, drehte sich zum offenen Fenster und presste die Hufe gegen die Nase.

„H… h…“

Mia duckte sich aus reinem Vorsichtsgefühl unter den Tisch.

„Hatschi!“

Ein ganzer Schwall Glitzerstaub flog hinaus in den Garten. Leider nicht nur hinaus in den Garten.

Ein Teil drehte sich im Luftzug um, wirbelte zurück und verteilte sich im Häuschen.

Die Margeriten funkelten.
Der Spaten funkelte.
Der Bastelkorb funkelte.
Sogar die Schatzinsel bekam einen schimmernden Rand, sodass der Vulkan aussah, als hätte er Sternenstaub verschluckt.

Mia kroch unter dem Tisch hervor, blinzelte und begann zu lachen. Erst kicherte sie nur. Dann lachte sie so sehr, dass sie sich am Stuhl festhalten musste.

„Entsetzlich“, sagte das Einhornkind niedergeschlagen.

„Wunderschön“, verbesserte Mia.

„Das sagst du nur, weil du kein Einhorn bist.“

„Das sage ich, weil dein Nieser gerade aus meinem alten Bastelhäuschen einen Zauberort gemacht hat.“

Das Einhornkind wollte würdevoll bleiben. Aber da kitzelte es schon wieder.

„Nicht schon wieder!“, rief es.

Diesmal schaffte es nicht einmal mehr bis zum Fenster.

„Hatschi! Hatschi! Hatschi!“

Nun war es wirklich geschehen.

Der Tisch glitzerte wie mit Frost überzogen.
Die Stuhllehnen glitzerten.
Die Scheiben glitzerten.
Selbst Mias Zöpfe hatten nun silberne Sprenkel darin, und auf der Nasenspitze des Einhornkindes saß ein rosafarbener Stern.

Einen Augenblick lang war es ganz still.

Dann sagte Mia: „Jetzt sieht es hier aus wie in einem Palast für Könige, Zauberer und Geburtstagskuchen.“

Das Einhornkind musste trotz allem lachen.

„Meine Mutter wird fragen, warum der ganze Schuppen glänzt.“

„Was wirst du sagen?“

Mia dachte nach. „Dass die Sonne heute besonders tüchtig war.“

„Das glaubt sie dir nie.“

„Dann sage ich, ich hätte gebastelt.“

„Mit was denn?“

Mia sah sich um. „Mit Glitzer.“

Das Einhornkind stöhnte. „Menschenkinder haben es gut. Ihr dürft Glitzer benutzen, ohne euch zu schämen.“

„Dafür können wir keine Regenbogenwege finden“, sagte Mia.

Das war wahr. Und weil es wahr war, tröstete es das Einhornkind ein wenig.

Die beiden machten sich ans Saubermachen. Mia holte ein Kehrblech. Das Einhornkind schüttelte die Decken aus. Doch je mehr sie wischten, desto mehr funkelte es. Der Glitzer war hartnäckig, und wenn man glaubte, man hätte alles zusammen, dann saß schon wieder ein silberner Punkt auf dem Krug oder ein rosiger Streifen auf der Fensterbank.

Endlich gaben sie es auf.

„Es hat keinen Zweck“, sagte Mia. „Jetzt bleibt es eben so.“

Das Einhornkind sah sich um. Das Häuschen glänzte von oben bis unten. Aber unerquicklich war es, wenn man ehrlich war, gar nicht mehr. Eher heimelig. Ein bisschen wie ein geheimer Festsaal.

Da hörten sie Schritte im Garten.

Mia und das Einhornkind fuhren zusammen.

„Meine Mutter!“, flüsterte Mia.

Die Klinke der Tür bewegte sich.

Schnell sprang das Einhornkind hinter einen alten Paravent in der Ecke. Mia stellte sich davor, breitbeinig und so unschuldig, wie ein Kind nur aussehen kann, das in den letzten zehn Minuten ein Gartenhäuschen in eine Glitzerkammer verwandelt hat.

Die Tür ging auf.

Mias Mutter blieb auf der Schwelle stehen.

Sie sah den glitzernden Tisch.
Die glitzernden Margeriten.
Die glitzernden Fensterscheiben.
Und schließlich Mia.

„Aha“, sagte sie.

Mia schluckte.

„Was hast du denn hier angestellt?“

Mia holte Luft. Hinter dem Paravent hielt das Einhornkind ebenfalls die Luft an.

„Ich habe“, sagte Mia tapfer, „gebastelt.“

Die Mutter sah sich noch einmal um. Dann strich sie mit einem Finger über den Tisch, auf dem prompt ein silberner Schimmer haftenblieb.

Zu Mias großer Verwunderung lächelte sie.

„Das sehe ich.“

„Bist du böse?“

„Ein bisschen erstaunt bin ich schon“, sagte die Mutter. „Aber böse? Nein. Man kann einem Ort Schlimmeres antun, als ihn zum Funkeln zu bringen.“

Sie ging wieder hinaus.

Mia wartete, bis ihre Schritte verklungen waren. Dann fiel sie vor Erleichterung auf den Stuhl.

Das Einhornkind kam hinter dem Paravent hervor.

„Sie weiß etwas“, sagte es.

„Mütter wissen fast immer etwas“, sagte Mia.

Das Einhornkind nickte. „Das ist bei Einhornmüttern genauso.“

Am Nachmittag saßen die beiden vor dem Häuschen im Gras. Die Sonne stand warm über dem Garten, und durchs Fenster sah man das Glitzern auf Tisch und Krug und Blumen.

„Weißt du“, sagte Mia, „eigentlich bin ich froh, dass du gekommen bist. Auch mit Glitzer-Schnupfen.“

„Ehrlich?“

„Natürlich. So etwas erlebt man nicht alle Tage.“

Das Einhorn mit dem Glitzer-Schnupfen, hier: im Garten

Das Einhornkind lächelte. Dann kitzelte es schon wieder in der Nase.

Mia sprang lachend auf. „Diesmal aber nach da drüben! Nicht wieder ins Häuschen!“

Das Einhornkind drehte sich hastig zum Kirschbaum.

„Hatschi!“

Ein silberner Staubregen legte sich über das Gras.

Beide sahen ihn an.

Dann lachten sie, bis ihnen die Tränen kamen.

Und noch lange danach, wenn am Abend die Sonne tief stand und das Gartenhäuschen im goldenen Licht glänzte, meinte Mia, dass es der schönste Unfall gewesen sei, den man sich nur denken konnte.

Das Einhornkind aber fand, dass ein Freund oder eine Freundin genau daran zu erkennen war: dass man sogar mit Glitzer-Schnupfen willkommen war.

Niesen – ganz normal!

Das Einhorn mit dem Glitzer-Schnupfen muss niesen

Niesen ist eine Schutzreaktion des Körpers. Wenn Staub, Pollen oder ein Schnupfen die Nase reizen, will der Körper das schnell wieder loswerden. Dann kommt ein kräftiger Nieser.

Beim Einhornkind ist daraus im Märchen natürlich ein Glitzer-Nieser geworden.

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