Der Pakt mit den Kobolden

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Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einmal ein armer Mann, der ging in den tiefen Wald, um Reisig zu sammeln. Auf seiner Wange trug er eine große Wucherung, die ihn täglich quälte. Er stapfte durch das Unterholz, bis dunkle Wolken über ihm aufzogen und ein Platzregen herabstürzte. Da fand er am Rande einer Lichtung einen alten hohlen Baum und kroch hinein, um Schutz zu suchen.

Als es Mitternacht wurde, hörte der Regen auf und es ertönte geheimnisvolles Gelächter aus dem Wald. Das Lachen klang wie singende Stimmen, wie Rufe und lockendes Lachen. Der Mann horchte und sah bald durch die Lücke im Baum winzige Gestalten, die sich in kleiner Schar um ein Lagerfeuer scharten. Es waren Kobolde, deren Gesichter sonderbar und wild aussahen.

Sie sangen und tanzten im Kreis um die Flammen. Funken stiegen in die Luft und ihre Schatten hüpften auf dem Gras.

Der Mann, der ebenfalls gern tanzte, merkte, wie sein Herz vor Freude schneller schlug. Er trat aus dem Schatten hervor und rief: „Macht Platz, ich will euch zeigen, wie man tanzt!“

Die Kobolde hielten inne und erstarrten vor Erstaunen. Dann aber, als sie seine gewandten Schritte sahen, begannen sie, sich ihm anzuschließen. Bald drehten und sprangen sie in Reigen und Ton, und die Wiese erbebte im Klang des fröhlichen Treibens.

Als der Hunger kam, aßen und tranken sie zusammen bis zu dem Augenblick, als der erste schwache Schimmer des Tages durch die Bäume fiel.

Da sprachen die Kobolde zu dem Mann: „Wir haben dich gern in unserer Runde gehabt. Komm auch morgen wieder!“

Der Mann, der sich gut amüsiert hatte, antwortete: „Das will ich tun!“

Da sagten die Kobolde: „Wir wollen ein Zeichen, dass du wiederkommst. Wir legen dir deine Wucherung als Pfand ab, damit du morgen zu unserem Tanz zurückkehrst.“

Ein Kobold trat vor, berührte die Wange des Mannes, und ehe er es merkte, war die große Beule verschwunden. Er fühlte seine Haut, sah, dass die Wucherung fort war, und rieb sich erstaunt die Wange.

Bald rannten die Kobolde lachend davon und riefen: „Vergiss nicht, morgen wieder zu tanzen!“

Glücklich ging der Mann am frühen Morgen zurück ins Dorf und erzählte von seiner wunderbaren Nacht und wie die Kobolde ihm die Wucherung abgenommen hätten. Alle hörten staunend zu, doch er schwieg darüber, dass die Kobolde sie ihm nur als Pfand für sein Wiederkommen genommen hatten.

Nun lebte im gleichen Dorf ein anderer Mann. Auch er trug eine große Wucherung auf seiner Wange und hörte, wie sein Nachbar von seinem Glück sprach. Er dachte bei sich, dass er dasselbe Erlebnis haben müsse. So machte auch er sich in der kommenden Nacht zum alten hohlen Baum auf den Weg.

Er schlich sich in die gleiche Höhlung und wartete. Bald kamen die Kobolde, sangen und lachten, und dann rief er hervor: „Hier bin ich! Seht mich tanzen!“

Doch seine Bewegungen waren schwer und holprig, und die Kobolde fanden keinen Gefallen an seinem Tanz. Sie riefen ihm zu, er solle gehen, weil seine Anwesenheit ihnen keine Freude machte.

Da griff einer der Kobolde in seine Tasche und zog die Wucherung des ersten Mannes heraus, die dieser die Nacht zuvor als Pfand gegeben hatte. Er warf sie dem zweiten Mann mitten ins Gesicht, als Zeichen seines Missfallens, damit er bald von dannen ginge.

Klatsch – da saß sie nun, wo vorher keine gewesen war, und der zweite Mann ging traurig und unglücklich nach Hause

So lernten die Dorfgemeinschaft, dass glückliche Wege geheimnisvoll sind und dass sich Glück nicht erlangen lässt, indem man den bloßen äußeren Erfolg anderer kopiert.

Hinweis: Die folgende Geschichte wurde frei nach dem japanischen Volksmärchen Wenn man mit Kobolden tanzt erzählt, wie es in der klassischen Sammlung Japanische Märchen von Karl Alberti überliefert ist. Dieses Märchen gehört zur reichen Tradition japanischer mukashi banashi, also alter Erzählungen, in denen Menschen auf übernatürliche Wesen treffen und daraus eine eigene, eigenständige Geschichte mit moralischer Botschaft entsteht. Ihre Handlung wurde für eine moderne Leserschaft kindgerecht und verständlich neu erzählt, bleibt aber vom Ursprung der Erzählung inspiriert.

Warum Glück nicht einfach kopiert werden kann

Märchen aus Japan: Der Pakt mit den Kobolden

Die Geschichte zeigt, dass Glück etwas ist, das von innen kommt und mit dem eigenen Verhalten zu tun hat, und nicht einfach dadurch entsteht, dass man das nachmacht, was andere tun. Kinder erleben Glück, wenn sie sich selbst mögen, freundlich zu anderen sind und etwas tun, das sinnvoll und gut für alle ist.

Glück kann man nicht einfach kopieren, weil es für jeden Menschen anders ist und auch damit zusammenhängt, wie man sich selbst und anderen begegnet.

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Koboldpakt

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