Die dankbare Kranichfrau – japanisches Märchen

Lesezeit: 5 Minuten

Lesezeit: 5 Minuten

Vor langer Zeit lebte am Rand eines kleinen japanischen Dorfes ein junger Mann namens Yosuke. Sein Haus stand zwischen Reisfeldern. Viel besaß er nicht. Er schlug Holz, half Bauern bei der Ernte und flickte sein Dach immer erst dann, wenn es wirklich hineinregnete.

An einem kalten Abend kam er mit Feuerholz aus dem Wald zurück. Neben dem Weg lag etwas Weißes im Schnee. Zuerst hielt er es für einen Stofffetzen. Als er näher kam, sah er den Kranich. Ein Bein steckte in einer Schlinge, und bei jedem Versuch, sich zu befreien, verhedderte er sich nur noch mehr.

„Ruhig“, murmelte Yosuke. „Ich helfe dir.“

Der Kranich hielt natürlich nicht still. Yosuke bekam einen Flügel ins Gesicht, doch schließlich gelang es ihm, die Schnur zu lösen. Am Bein blieb eine rote Druckstelle zurück.

„Mehr kann ich nicht tun“, sagte Yosuke und setzte den Vogel vorsichtig auf den Schnee.

Der Kranich stand noch eine Weile da. Dann breitete er die Flügel aus und flog davon.

In derselben Nacht klopfte jemand an Yosukes Tür.

Draußen stand eine junge Frau. Schnee lag auf ihrem dunklen Haar und auf den Schultern ihres dünnen Mantels.

„Ich habe mich verirrt“, sagte sie. „Kann ich bis morgen bleiben?“

Yosuke ließ sie herein, schob Holz ins Feuer und gab ihr von dem Reis, der vom Abendessen übrig war.

Am nächsten Morgen schneite es dicht. Die junge Frau blieb. Am Tag darauf war der Weg vereist. Sie blieb wieder.

Sie hieß Tsū.

Nach einigen Tagen stand ihre Schale selbstverständlich neben Yosukes Schale, und ihr Mantel hing am Haken neben seiner Jacke. Tsū fegte das Haus, obwohl Yosuke behauptete, der Boden sei sauber genug. Yosuke brachte einmal zwei viel zu kleine Rettiche vom Markt mit und erklärte, sie seien besonders zart. Tsū sah ihn nur an und schnitt sie in die Suppe.

Keiner von beiden sprach darüber, wann sie wieder gehen würde.

Der Winter zog sich hin, und das Geld wurde knapp. Eines Abends betrachtete Tsū den fast leeren Reissack.

„Kannst du mir einen Webstuhl besorgen?“

Yosuke kannte einen alten Weber im Dorf, der ihm einen überließ. Zwei Nachbarn halfen beim Tragen und wollten natürlich wissen, was Yosuke damit vorhatte.

„Weben“, sagte er.

Mehr fiel ihm dazu nicht ein.

Tsū stellte den Webstuhl in den kleinen hinteren Raum. Bevor sie die Tür schloss, sagte sie: „Du darfst nicht hereinkommen, solange ich arbeite. Auch nicht nachsehen.“

„Warum sollte ich?“

„Versprich es.“

Yosuke versprach es.

Drei Tage lang hörte er aus dem Zimmer das Klacken des Webstuhls. Tsū kam kaum heraus. Wenn er ihr Essen vor die Tür stellte, war die Schale später leer. Am dritten Abend öffnete sie die Tür und trug einen Stoff über den Armen, wie Yosuke noch keinen gesehen hatte. Er war fein und schimmerte im Licht.

Der Händler zahlte erstaunlich gut für den Stoff.

„Wenn sie noch so einen webt, bring ihn wieder zu mir.“

Yosuke kaufte Reis, Öl und neue Sandalen für Tsū. Einen roten Kamm nahm er auch mit. Tsū behauptete zwar, sie brauche keinen, steckte ihn aber gleich ins Haar.

Einige Tage später fragte Yosuke: „Könntest du noch einen Stoff weben? Nur einen.“

Tsū zögerte. „Gut. Aber du darfst wieder nicht hereinkommen.“

Diesmal dauerte es länger.

Am zweiten Tag hörte Yosuke den Webstuhl bis tief in die Nacht. Am dritten Morgen war es still. Er stellte eine Schale Reis vor die Tür. Abends stand sie noch dort.

„Tsū?“

Keine Antwort.

Er ging nach draußen und hackte Holz. Als er zurückkam, war es im hinteren Zimmer noch immer still. Vielleicht schlief Tsū. Vielleicht ging es ihr nicht gut.

Mehrmals blieb Yosuke vor der Tür stehen. Jedes Mal ließ er sie zu.

Am nächsten Morgen hielt er es nicht mehr aus und öffnete sie vorsichtig.

Die dankbare Kranichfrau - Märchen

Am Webstuhl saß niemand.

Ein weißer Kranich stand dort. Zwischen seinen Flügeln verlief der fast fertige Stoff. Einige Federn lagen auf dem Boden. Der Vogel arbeitete langsam weiter.

Yosuke blieb in der Tür stehen.

Der Kranich wandte den Kopf zu ihm.

Dann stand Tsū vor dem Webstuhl. Sie war blass.

„Du warst es“, sagte Yosuke.

Tsū strich mit der Hand über den Stoff. „Du hast mir damals im Schnee geholfen. Ich wollte dir etwas zurückgeben.“

Yosuke trat näher. „Bleib hier. Den Stoff brauchen wir nicht.“

Tsū schüttelte den Kopf. „Du hast mich gesehen.“

Sie nahm den roten Kamm vom Regal und legte ihn neben den Webstuhl. Den Stoff ließ sie zurück.

Draußen lag frischer Schnee. Tsū trat vor das Haus. Noch bevor Yosuke ihr folgen konnte, breitete ein weißer Kranich die Flügel aus und flog über das Dach zu den Feldern.

Yosuke lief bis zum Weg. Einer seiner Holzschuhe blieb im Schnee stecken, und er ließ ihn dort. Über den kahlen Bäumen zog der Kranich einen weiten Bogen.

Dann flog er weiter.

Yosuke stand mit nur einem Holzschuh am Weg. Hinter ihm klapperte im offenen Haus die Tür zum Webzimmer im Wind.

„Die dankbare Kranichfrau“ geht auf ein traditionelles japanisches Volksmärchen zurück, das unter dem Namen „Tsuru no Ongaeshi“ bekannt ist, sinngemäß „Der Dank des Kranichs“. Eng damit verwandt ist die Erzählung „Tsuru Nyobo“, die ebenfalls von einer Kranichfrau handelt.

Das Märchen ist in Japan in verschiedenen Fassungen überliefert. Meist rettet ein Mensch einen Kranich, der später in Gestalt einer jungen Frau zu ihm zurückkehrt und sich auf besondere Weise für seine Hilfe bedankt. Einzelne Begebenheiten und das Ende unterscheiden sich je nach Überlieferung. Die traditionelle Handlung bildet die Grundlage für diese neu erzählte Fassung.

Helfen und Danke sagen

Märchen: die dankbare Kranichfrau

Im Märchen hilft Yosuke dem verletzten Kranich, ohne dafür etwas zu verlangen. Später möchte Tsū ihm etwas zurückgeben. Genau darum geht es bei Dankbarkeit: Jemand tut etwas Gutes für uns, und wir möchten zeigen, dass wir es nicht selbstverständlich finden.

Ein Dankeschön muss dabei nichts Großes sein. Manchmal reicht ein ehrliches „Danke“, manchmal hilft man selbst weiter oder tut dem anderen eine kleine Freude. Und wer hilft, sollte nicht gleich eine Gegenleistung erwarten – sonst fühlt sich die Hilfe schnell wie ein Tauschgeschäft an.

Märchen "Die dankbare Kranichfrau" als PDF zum Download

Sie möchten „Die dankbare Kranichfrau“ später noch einmal lesen oder die Geschichte ausdrucken? Das japanische Märchen können Sie hier kostenlos als PDF herunterladen – praktisch zum Vorlesen, für den Unterricht oder für eine kleine Märchenstunde zu Hause:

Dankbare Kranichfrau

Pinterest

Verwandte Geschichten-Sammlungen:

Weitere Märchen