Es war einmal in Estland ein geiziger Prediger, der lebte im Pfarrhäuschen neben einer alten Kirche. Tag für Tag war auf dem Hof viel zu tun: Holz stapeln, Wasser holen, Tiere füttern. Doch nachts gab es eine Aufgabe, die niemand lange aushielt: Punkt um Mitternacht sollte die Glocke im Turm erklingen.
Der Prediger hatte schon viele Knechte eingestellt. Jeder ging am Abend zur Kirche. Doch keiner kam zurück, und im Dorf blieb die Glocke stumm.
Die Dorfbewohner redeten heimlich darüber, und keiner wollte noch bei dem Prediger dienen. Da wurde der Prediger richtig verzweifelt: Er versprach plötzlich viel mehr Lohn als früher und bot kostenlos Kost und Logie an, nur damit endlich wieder jemand bei ihm arbeiten wollte. Trotzdem schüttelten die Leute den Kopf und gingen weiter.
Da kam eines Tages Hans ins Dorf. Hans war schlau, hatte flinke Hände und einen Kopf voller Einfälle. Er hörte von dem erhöhten Lohn und von Kost und Logie, die der Prediger versprach, und meldete sich sofort.
Der Prediger musterte ihn von oben bis unten. „Wenn du Mut und Gottvertrauen hast, gehst du heute Nacht zur Probe in den Turm“, sagte er.
Hans nickte. „Das werde ich!“
Am Abend setzte Hans sich in die warme Stube des Pfarrhäuschens zu den anderen. Der Prediger kam herein, sah auf die Teller und sagte: „Trinkt nur recht fleißig, das ist gesund!“ Er hegte den Hintergedanken, dass ein voller Bauch durch Trinken weniger Platz für Essen lässt. Doch Hans durchschaute den Trick und aß sich nach Herzenslust satt.
Nach der ausgiebigen Mahlzeit nahm Hans eine Laterne und ging zur Kirche. Die Tür quietschte, und kalte Luft strich ihm entgegen. Drinnen brannte Licht – und an einem langen Tisch saßen fremde Gestalten. Kleine Kerle waren es, mit dunklen Kapuzen; ihre Gesichter lagen im Schatten. Karten lagen auf dem Tisch, Münzen klirrten.
Einer hob den Kopf. „Was suchst du hier?“
Hans setzte sich auf einen freien Stuhl und sah die Kerle ruhig an. „Ich bin der neue Knecht. Wenn hier gespielt wird, spiele ich mit.“
Die Kerle schoben ihm Karten zu. Hans nahm die Karten und stieg ins Spiel ein. Runde um Runde blieb er am Tisch und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Münzen wanderten zu ihm, eine nach der anderen. Die Kapuzenkerle wurden unruhig. Dann rief draußen ein Hahn. Im selben Moment erlosch das Licht. Tisch, Karten und Kerle waren fort.
Da nahm Hans die Laterne in die Hand und begab sich zur Turmtreppe. Stufe für Stufe stieg er hinauf. Auf den Absätzen saßen noch mehr kleine Kerle, bereit, ihn aufzuhalten.
Hans ging furchtlos auf sie zu, packte jeden am Kragen und schubste ihn nach unten. „Zur Seite! Ich muss zur Glocke.“ Die Wächter purzelten die Stufen hinab und verschwanden im Dunkel.
Oben hing die Glocke. Hans sah in den Glockenstuhl – dort hockte noch ein Kapuzenkerl, der den Klöppel festhielt. Er wollte ihn fallen lassen, sobald Hans am Seil zog.
Hans verschränkte die Arme. „So geht das nicht. Heute läutet die Glocke für das Dorf, eure Streiche sind vorbei.“
Der Kapuzenkerl zitterte. „Lass mich gehen“, bat er. „Wir kommen nie wieder, wenn du uns verschonst.“
Hans dachte kurz nach. „Gut. Geh. Doch halte Wort!“
Der Kapuzenkerl kletterte aus dem Glockenstuhl, huschte zur Treppe und verschwand. Hans zog am Seil, und zum ersten Mal seit langer Zeit erfüllte Glockenklang die Gassen des Dorfes.
Am Morgen freute sich der Prediger, doch er fand Hans erst zum Mittagessen. „Warum warst du so lange weg?“ fragte er.
„Ich habe geschlafen“, sagte Hans. „Nachts tue ich meinen Dienst, am Vormittag muss ich mich erholen.“
Der Prediger murrte, doch Hans blieb fest. Am Ende beschlossen sie: Hans arbeitet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und nachts bleibt die Glocke ruhig. Der Prediger atmete auf. Er glaubte, nun würde endlich wieder Ordnung einkehren.
Einige Tage später sollte der Prediger zur Stadt zu einer großen Kindtaufe. Hans spannte die Pferde an und nahm einen Brotsack mit.
„Wozu der Brotsack?“ fragte der Prediger.
Hans zeigte zum Himmel. „Der Tag geht zu Ende, egal was wir planen. Wenn wir nach Sonnenuntergang noch unterwegs sind, endet mein Dienstweg.“
Der Prediger lachte und hielt es für einen Scherz. Sie fuhren los. Doch der Weg war schwer zu fahren, weil es vormittags geschneit hatte. Die Pferde kamen nur langsam voran. Hans blickte immer wieder zur Sonne zwischen den Ästen.
Mitten im Wald verschwand die Sonne hinter dem Horizont. Es fing wieder an zu schneien. Hans hielt an, stieg ab und nahm den Brotsack.
„Was machst du da?“ rief der Prediger.
„Meine Arbeit endet mit dem Sonnenuntergang“, sagte Hans. „Ich bleibe hier.“
Der Prediger bat, schimpfte, versprach Geld. Hans blieb fest. Schließlich fuhr der Prediger allein weiter zur Stadt.
Nicht weit entfernt stand ein alter Galgenplatz, verlassen und verwittert. Hans suchte unter einer breiten Fichte einen Platz, aß sein Brot und legte sich in den Mantel.
Nach einer Weile tauchten zwischen den Stämmen kleine Schatten auf. Sie sprangen von Baum zu Baum und kamen näher.
„Er ist es!“ riefen Stimmen. „Der, der uns aus dem Turm schickte!“
Rund um Hans standen die Kapuzenkerle. Einige trugen Stöcke.
Da trat ein anderer vor, der Hans bekannt vorkam. „Halt!“ rief er. „Dieser Mensch hat mein Leben verschont. Ich stehe für ihn ein.“
Die anderen murrten. Der Anführer hob die Hand. „Warum?“
„Weil man ein Versprechen hält“, sagte der Kerl. „Los, wir gehen!“
Die Kapuzenkerle zogen ab, einer nach dem anderen. Nur der Retter setzte sich neben Hans. „Du hast mich in der Glocke verschont. Nun habe ich dich geschützt. Und ich gebe dir noch einen Rat.“
Hans hörte zu.
„An der Nordseite der Kirche“, sagte der Kapuzenkerl, „gibt es einen Stein, der nicht mit Kalk bedeckt ist. Nimm in der nächsten Vollmondnacht ein Werkzeug und löse den Stein. Dann öffnet sich in der Mauer ein Eingang zu einer versteckten Kammer. Darin liegt ein wertvoller Schatz. Sorge dafür, dass einen Teil davon die Bedürftigen des Dorfes bekommen. Den Rest darfst du für ein gutes Leben nutzen.“
Noch ehe Hans etwas entgegnen konnte, war der Kapuzenkerl verschwunden.
Am nächsten Tag ging Hans zur Kirche und suchte die Nordseite ab. Dort fand er an der genannten Stelle den auffälligen Stein.
In der nächsten Vollmondnacht schlich er hinaus, löste den Stein und entdeckte dahinter eine Öffnung in der Mauer. Dahinter lag eine Kammer mit Kisten voll mit Münzen und kostbaren Dingen.
Hans nahm einen Teil davon und brachte ihn den armen Familien. Dann ging er zum Prediger, legte den Schlüssel zum Hof auf den Tisch und sagte: „Mein Dienst endet heute.“
Der Prediger staunte, doch Hans blieb dabei. Er zog fort, kaufte einen kleinen Bauernhof, heiratete und lebte glücklich bis zum Lebensende.
Hinweis: Dieses Märchen ist frei nach einem Märchen aus Estland geschrieben und nimmt seine Anleihe aus der Erzählung „Die Galgenmännlein“. Die Geschichte wurde über lange Zeit weitererzählt und später in Märchensammlungen festgehalten.
Wenn Klugheit stärker ist als Angst
Das Märchen zeigt, dass Mut auch bedeutet, sich nicht hetzen zu lassen. Hans bleibt ruhig, schaut genau hin und lässt sich weder einschüchtern noch zum schnellen Handeln drängen. Er reagiert nicht aus Angst, sondern entscheidet selbst. So wird aus einer gefährlichen Nacht eine Aufgabe, die er lösen kann.
Außerdem macht das Märchen deutlich, wie wichtig ein gehaltenes Wort ist. Hans verschont den Kapuzenkerl und lässt ihn laufen. Später bekommt er dafür Hilfe von ihm.
Wer fair bleibt, bekommt Fairness zurück. Und am Ende zählt auch das Teilen: Hans soll einen Teil des Schatzes weitergeben. So zeigt die Geschichte, dass echtes Glück größer wird, wenn man es nicht nur für sich behält.
Märchen „Die Kapuzenkerle“ mit PDF-Download
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