Es war einmal ein Junge namens Emil. Emil konnte blitzschnell reden – und genauso schnell flutschten ihm Schwindelwörter heraus.
Wenn die Kinder im Hof ihre Spielsachen zeigten, prahlte Emil: „Bei mir daheim gibt es ein ferngesteuertes Auto, das fliegen kann!“
Wenn im Klassenraum etwas umfiel, sagte Emil: „Paul war’s!“
Und wenn Mama fragte, wer die Kekse gegessen hatte, rief Emil: „Eine Katze war in der Küche!“
An einem Montag knackte es unter Emils Bett. Etwas krabbelte hervor: klein, grün, frech. Auf seiner Haut schimmerten helle Flecken – wie kleine Sprechblasen.
„Ich bin Flunk“, grinste das Wesen. „Dein Lügenmonster.“
Emil wich zurück. „Ich lüge doch gar nicht!“
Plopp! Sofort erschien auf Flunks Bauch eine neue Sprechblase. Darin stand genau dieser Satz. Und Flunk wurde ein Stück größer.
Von da an klebte Flunk an Emil wie Kaugummi am Schuh: In der Schule hockte es auf dem Ranzen, im Hof kletterte es auf die Bank, zu Hause lungerte es im Flur. Und jedes Mal, wenn Emil schwindelte, passierte das Gleiche: Eine neue Sprechblase tauchte auf – und Flunk wuchs.
Bald war Flunk größer als Emil. Überall Sprechblasen: am Arm, am Rücken, an den Ohren. Die Kinder starrten. Sie konnten alles lesen. Emils Lügengeschichten waren kein Geheimnis mehr!
Dann verlor Mia ihren neuen Füller. Die Lehrerin fragte: „Hat jemand etwas gesehen?“
Emil wollte schon rufen: „Paul hat ihn genommen!“, doch Flunk drängelte sich vor. Seine Sprechblasen wackelten, als wollten sie ausrufen: „Lüge!“
Emil schluckte. „Ich weiß es nicht“, sagte er. „Ich suche mit.“
In diesem Moment löste sich eine einzige Sprechblase von Flunks Schulter und flatterte wie ein loser Aufkleber zu Boden. Flunk wurde ein bisschen Stück kleiner.
Sie suchten unter Tischen, in Taschen und Jacken. Emil hob sein Heft hoch – darunter lag Mias Füller. Emil hielt ihn hoch und sagte: „Der war bei mir. Tut mir leid.“
Wieder löste sich eine Sprechblase. Flunk schrumpfte erneut, jetzt eher wie ein Fuchs.
Am nächsten Tag passierte Emil ein Missgeschick mit dem Malkasten. Früher hätte er sofort jemand anderen genannt. Diesmal sagte er: „Das war ich. Ich wische es weg.“
Eine weitere Sprechblase ging. Flunk wurde katzengroß.
So ging es weiter: Emil gab ein geliehenes Spielzeug zurück. Eine Sprechblase ging. Emil sagte bei einer Frage die Wahrheit, auch wenn es Ärger gab. Eine Sprechblase ging. Flunk wurde erst faustgroß, dann murmelklein.
Eines Morgens sah Emil Flunk an. Da war nur noch eine einzige Sprechblase übrig. Emil atmete tief durch und sagte: „Ab heute rede ich geradeaus.“
Die letzte Sprechblase löste sich. Flunk blinzelte, schnaufte – und pff, war er weg.
Und wenn Emil später ein Schwindelwort auf der Zunge spürte, dachte er an Flunks Sprechblasen und blieb lieber bei der Wahrheit.
Hinweis: Dieses Märchen ist modern: Es spielt in der Welt von heute und verbindet den Kinderalltag mit einem Hauch Zauber.
Flunkern, Prahlen, Ausreden: Was steckt dahinter?
Viele Kinder schwindeln, weil sie Ärger vermeiden wollen, besser wirken möchten oder sich unsicher fühlen. Eine Lüge kann sich kurz wie ein Ausweg anfühlen – doch meistens wird es danach komplizierter, weil man sich neue Geschichten merken muss. In Emils Märchen wird das sichtbar: Flunk wächst mit jeder Unwahrheit und macht es schwer, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Für Kinder: Wenn dir ein Fehler passiert, hilft ein Satz wie „Das war ich. Es tut mir leid.“ Danach kannst du fragen: „Wie kann ich es wieder gutmachen?“
Für Erwachsene: Ruhig nachfragen, klare Grenzen setzen und zugleich eine echte Chance geben, ehrlich zu werden – das stärkt Vertrauen und entlastet im Alltag.
Märchen „Das Sprechblasen-Monster“ mit PDF-Download
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