Es war einmal ein Königspaar, das lange auf ein Kind gewartet hatte. Endlich wurde ein Mädchen geboren. Alle im Schloss jubelten und freuten sich mit dem Königspaar. Man nannte das Mädchen Adalmina. Zur Taufe standen Blumen in hohen Vasen, Kerzen brannten, und Musik erfüllte den Saal.
Als das Königspaar ihr Kind nach der Taufe im Taufkissen zärtlich betrachtete, öffnete sich die Tür, und zwei Feen traten ein.
Die erste Fee neigte sich zum Kind und hielt eine kleine Schatulle über das Taufkissen. Darin funkelte eine Perle so hell, dass man kaum den Blick davon abwenden konnte.
„Diese Perle birgt Zauberkraft“, sprach die Fee. „Bei jedem Sonnenaufgang schenkt sie dir Schönheit, Wissen und Reichtum.“ Da nahm die Fee die Perle, hing sie an eine goldene Kette und legte sie Adalmina um den Hals.
Die zweite Fee trat vor. Ihr Blick war ernst, doch freundlich. „Falls du die Perle je verlierst, nimmt der Zauber dir all das. An seine Stelle setzt er ein reines, liebevolles Herz. Dann wirst du Güte kennen und Mitgefühl lernen.“
Adalmina wuchs im Schloss auf. Jeden Morgen legte sie die Perle an, und ein neuer Glanz lag auf ihrem Gesicht. Die Diener staunten, die Hofleute klatschten, die Lehrer nickten zufrieden. In der Schatzkammer standen Truhen, die sich von Tag zu Tag mit Goldmünzen und Edelsteinen füllten.
In der Bibliothek blätterte Adalmina durch Bücher, und schon nach wenigen Seiten wusste sie Antworten, die andere lange suchten.
Mit jedem Lob wuchs ihr Hochmut: Adalmina verlangte den besten Platz, den tiefsten Knicks und duldete keinen Widerspruch. Jeden Menschen maß sie danach, wie nützlich er war. Wer zu langsam arbeitete, bekam Spott und harte Worte. Wer am Tor um Hilfe bat, den ließ sie fortjagen und sprach: „Lästiges Volk!“
Eines Tages sprach der König: „Heute verbringen wir den Tag auf dem See.“ Da wurde das große Schlossboot mit seinem reich verzierten Baldachin bereit gemacht, in dem Damen und Herren samt Dienerschaft sitzen konnten. Die Ruderer griffen zu den Rudern, und schon glitt das Boot vom Steg.
Adalmina stand am Bug, hielt die Perle hoch und rief den Menschen am Ufer zu: „Seht her, das trägt nur eine Prinzessin wie ich!“
Da kam eine kräftige Welle, das Boot ruckte, und die Kette sprang auf. Die Perle hüpfte über die Bordkante, fiel ins Wasser und versank.
„Holt sie sofort zurück!“ rief Adalmina aufgebracht. Netze flogen, Boote kreisten mit Fackeln, Taucher suchten den Grund ab. Nichts!
In der Nacht sank Adalmina in Schlaf, und am nächsten Tag kannte sie weder Schloss noch Krone.
Am Ufer fand eine Fischersfrau ein Mädchen in nassen Kleidern. „Komm in meine Hütte“, sagte sie. „Sag deinen Namen.“ Das Mädchen tastete an den Hals. „Ich weiß es nicht.“ Da sprach die Frau: „Dann nenne ich dich Mina.“
Mina holte Wasser, machte Feuer, flickte Netze und packte Körbe für den Markt.
Wenn die Boote anlegten, zählte sie den Fang, sortierte ihn nach Größe und legte die besten Fische beiseite für den Verkauf. Sie salzte den Rest und hängte ihn zum Räuchern auf.
Den Kindern gab sie eine Scheibe Brot und wusch ihnen die Hände, bevor sie aßen. Und wer am Steg kein Geld für Mehl hatte, dem steckte sie heimlich eine Handvoll Münzen zu.
Der Sommer wich dem Herbst, und am See wurden die Morgen kühler. Mina blieb im Dorf, und ihre Hände kannten Arbeit und Hilfe gleichermaßen.
Eines Tages ging ein Fischerskind am Ufer entlang und suchte Treibholz zwischen Schilf und Wassergras. Da blitzte etwas im flachen Wasser auf. Das Kind bückte sich, zog einen Anhänger hervor und rieb den Schlamm daran ab: Eine Perle saß in goldener Fassung. Das Fischerskind rannte zu Mina und rief: „Sieh nur, was der See hergegeben hat!“
Sobald Mina die Perle in die Hand nahm, kehrte ihre Erinnerung zurück. Sie sah den Spiegelsaal, das prunkvolle Schlossboot mit dem Baldachin, die Welle auf dem See. Sie hörte ihren eigenen Befehlston – und spürte Scham.
Mina atmete tief durch, hob den Blick und sprach: „Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin: Ich bin die Königstochter Adalmina.“
Jona trat aus der Hütte, sah die Perle und verstand, dass heute der Tag des Abschieds gekommen war. Mina umarmte sie dankbar, nahm ihr kleines Bündel und machte sich auf den Weg zum Schloss.
Am Schlosstor wollten die Wächter Mina fortschicken. Da zeigte sie ihnen die Perle. Sogleich erkannten sie Adalmina und schlugen Alarm.
Schritte hallten, Türen sprangen auf. Als König und Königin herbeieilten, erblickten sie ihre Tochter und schlossen sie überglücklich in die Arme.
Als sie sich aus den Armen lösten, senkte Adalmina den Kopf und bat zum allergrößten Erstaunen um Verzeihung: „Vergebt mir. Ich war hart und hochmütig, habe die Diener gekränkt und die Armen abweisen lassen.“
Im Saal wurde es auf einmal ganz still. Der König strich ihr über das Haar, die Königin hielt ihr Gesicht in beiden Händen, und viele am Hof schluckten.
Am nächsten Morgen ließ Adalmina das Tor weit öffnen. Dieses Mal stellte sie keine Wächter zum Fortjagen hin. Sie ließ aus der Backstube Laibe bringen und aus der Küche einen Kessel füllen, den man in den Vorhof trug. Zwei Dienerinnen teilten Essen an Bedürftige aus.
So zeigte Adalmina Tag für Tag Güte, und das Volk liebte sie dafür.
Hinweis: Diese Geschichte ist eine neu erzählte Fassung eines gleichnamigen Märchens aus Finnland, frei nach der Erzählung von Zacharias Topelius († 1898).
Stolz kann blind machen
Stolz entsteht, wenn jemand dauernd gelobt wird und immer gewinnt. Dann fühlt sich alles selbstverständlich an: die besten Plätze, die schönsten Sachen, die meiste Aufmerksamkeit. Dabei rutschen schnell harte Worte heraus, und andere werden übersehen. Der Stolz setzt sich im Kopf fest und macht das Herz eng.
So kann Stolz blind machen: Wer nur an sich denkt, merkt kaum, dass andere Hilfe brauchen. Dann nerven Fragen nach Hilfe, und es wird weggeschaut. Jemand aus der Klasse sucht einen Stift, doch keiner reagiert. Auf dem Pausenhof steht ein Kind allein, und die Gruppe geht vorbei.
Märchen „Adalminas Perle“ mit PDF-Download
Für alle, die lieber vom Blatt vorlesen: „Adalminas Perle“ gibt es auch als PDF zum Ausdrucken. Herunterladen, ausdrucken und sofort loslesen – praktisch für unterwegs oder für den Einsatz im Unterricht:
Märchen „Adalminas Perle“ teilen
Verwandte Geschichten-Sammlungen:
Weitere Märchen