Am Rand einer alten Wiese lebte ein Maulwurf. Er hielt seine Gänge sauber, sortierte Wurzeln nach Größe und legte sogar die Kiesel vor seiner Tür in eine feine Reihe. Wenn am Abend die Tiere vom Himmel, vom roten Schein der Wolken und vom ersten Stern erzählten, brummte er: „Ach, was nützt all das Gefunkel? Ein guter Gang ist mehr wert als tausend Lichter.“
Ganz in der Nähe wohnte ein Glühwürmchen. Es war freundlich, flink und trug sein Licht mit solcher Freude durchs Gras, als hätte es eine winzige Laterne im Leib. Wo es schwebte, glänzte der Tau heller.
Der Maulwurf nahm das Glühwürmchen kaum ernst. „Mein Werk schafft Vorrat und Wohnung, du taugst nur für staunende Blicke.“
Das Glühwürmchen antwortete sanft: „Mag sein. „Deine Pfoten tun tüchtige Arbeit. Und mein Licht schenkt dem Abend Schönheit und lässt den Tau silbern glänzen.
Eines Abends zog dichter Nebel über die Wiese. Erst kroch er zwischen die Halme, dann legte er sich über Steine und Pfade, bis alles grau und fremd aussah. Das Feldmäuschen lief im Kreis. Der junge Igel stieß mit der Nase an einen Pilz. Selbst der Maulwurf, der eben eine schöne Wurzel heimtragen wollte, verfehlte seinen Eingang um mehrere Schritte.
Da kam das Glühwürmchen geflogen.
Es zog ruhig seine kleinen Bögen durch den Nebel. Hier leuchtete es über einem Stein, dort über einer Mulde, dann wieder vor dem Hügel des Maulwurfs.
Nach und nach sammelten sich die verirrten Tiere bei seinem Licht und fanden heim. Der Igel tappte an den rechten Strauch. Das Mäuschen entdeckte seinen schmalen Pfad. Und der Maulwurf sah endlich, wo seine Kiesel lagen.
Als der Nebel fort war, saß der Maulwurf lange vor seiner Tür. Dann sprach er: „Ich habe geglaubt, wertvoll sei nur, was man greifen kann. Nun merke ich: Auch ein kleines Licht kann Ordnung in große Verwirrung bringen.“
Von da an sprach er mit Achtung vom Glühwürmchen. Und wenn abends jemand vom ersten Stern oder von schimmernden Dingen anfing, nickte er still und legte vor seiner Haustür einen freien Platz zwischen die Kiesel, groß genug für ein Glühwürmchen.
Hinweis: Diese moderne Fabel erzählt von einem Maulwurf und einem Glühwürmchen. Sie zeigt, dass nicht nur das Nützliche wertvoll ist, sondern auch kleine Gaben Licht, Orientierung und Freude schenken können.
Über Glühwürmchen
Glühwürmchen gehören zu den Käfern. An warmen Sommerabenden kann man sie über Wiesen, an Waldrändern oder in Gärten entdecken. Ihr kleines Licht sieht wie Zauberei aus, hat aber einen wichtigen Grund: Damit finden sich Glühwürmchen im Dunkeln.
Das Leuchten entsteht im Hinterleib. Dort wird ein besonderes Licht gemacht, das kaum Wärme abgibt. Darum sprechen viele auch von „kaltem Licht“. Vor allem die Weibchen leuchten oft gut sichtbar im Gras, damit die Männchen sie finden können.
Aus den Eiern schlüpfen Larven. Sie leben eine ganze Weile am Boden und fressen sehr gern kleine Schnecken. Erst später werden daraus erwachsene Glühwürmchen. Als Käfer leben sie meist nur für kurze Zeit.
Glühwürmchen mögen Wiesen, Hecken und naturnahe Gärten. Hohe Gräser, Laub und dunkle Ecken helfen ihnen. Sehr helles Licht von Lampen kann sie stören. Wer Glühwürmchen schützen möchte, lässt im Garten ruhig einmal ein bisschen Wildnis zu.
Besonders spannend: Glühwürmchen sind also keine Würmchen, sondern leuchtende Käfer!
PDF-Download der Fabel „Der Maulwurf und das Glühwürmchen“
Sie können die Fabel „Der Maulwurf und das Glühwürmchen“ sofort online lesen, ganz einfach auch mobil auf Smartphone oder Tablet. Wer den Text gern ausgedruckt vor sich hat, findet hier außerdem eine kostenlose PDF-Datei zum Herunterladen:
Fabel „Der Maulwurf und das Glühwürmchen“ teilen
Ergänzende Geschichten-Sammlungen:
Weitere Fabeln