Auf einer warmen Wiese, gleich neben einem Kornfeld, lief eine Ameise den ganzen Tag hin und her. Sie hob Samenkörner auf, schleppte Krümel in ihren Bau und legte alles ordentlich in trockenen Kammern ab. Wenn die Sonne hoch stand und die Luft nach Gras duftete, machte sie keine Pause – denn sie wusste: Der Sommer bleibt nicht ewig.
Nicht weit davon saß eine Heuschrecke auf einem hohen Halm. Sie zirpte, sprang und rief: „Warum rennst du so? Überall gibt es doch Futter!“
Die Ameise hielt kurz inne. „Heute ist es leicht zu finden“, antwortete sie. „Wenn die Halme braun werden und der Boden hart wird, sieht alles anders aus. Sammle mit, solange es geht.“
Die Heuschrecke schüttelte den Kopf. „Meine Lieder sind mein Schatz. Die Sonne hört mir zu – und die Wiese auch!“
„Ein Lied füllt keinen Vorratsraum“, sagte die Ameise und lief weiter.
So vergingen die Tage. Die Ameise trug Korn um Korn heim, manchmal doppelt so viel, wenn der Wind schon kühler wurde. Die Heuschrecke gab Konzerte für Marienkäfer, veranstaltete Sprungwettbewerbe und schlief mittags im Schatten der Blumen. Wenn dunkle Wolken aufzogen, duckte sie sich kurz – und als die Sonne wieder da war, sang sie umso lauter, als könne sie den Herbst wegjagen.
Eines Abends wurde der Wind schärfer. Die Halme bogen sich, Blätter wirbelten, und der Himmel färbte sich grau. Dann kam der Frost. Am Morgen lag weißer Reif auf der Wiese, und kurz darauf bedeckte Schnee das Feld. Wo gestern noch Körner gelegen hatten, war nun eine glatte, kalte Decke.
Die Heuschrecke suchte unter Blättern, kratzte im Gras, sprang von Stelle zu Stelle – doch überall nur Kälte. Ihr Bauch knurrte, ihre Beine wurden wacklig, und die Lieder wollten nicht mehr kommen. In der Nacht hörte sie das Knacken des Eises, und jeder Laut klang wie eine Warnung: Jetzt zählt, was du aufbewahrt hast.
Schließlich schleppte sie sich zum Ameisenbau, aus dessen Eingang es nach Körner roch. Drinnen hörte man eifriges Schieben und Stapeln.
„Ameise“, bat die Heuschrecke, „gib mir ein paar Körner. Nur für diesen Winter. Ich habe Hunger.“
Die Ameise trat heraus, sah den Schnee und dann die Heuschrecke an. „Im Sommer habe ich Essen gesammelt, während du gesungen hast“, sagte sie. „Wer im Sonnenschein nur feiert, merkt im Frost, was fehlt.“
Damit zog sie sich in ihren Bau zurück und schloss den Eingang.
Die Heuschrecke blieb im Schnee stehen. Sie versuchte zu hüpfen, um warm zu bleiben – ein Schritt, noch einer, dann musste sie sich setzen, ganz müde und klein.
Da verstand sie endlich, dass Spaß allein keinen Vorrat füllt. Und sie nahm sich vor: Wenn der Frühling zurückkehrt, wird zuerst gesammelt – und erst danach gesungen.
Hinweis: Die Geschichte ist eine sehr alte Fabel und wird Äsop zugeschrieben. Bekannt wurde sie in Europa auch durch Jean de La Fontaine (1668). Die vorliegende Fassung ist von mir kindgerecht neu erzählt.
Heute klug handeln hilft morgen
Wenn heute alles leicht ist, denkt man gerne: „Das mache ich später.“ Genau dann ist es aber am einfachsten, etwas vorzubereiten. Wer jetzt schon ein bisschen mitdenkt, hat morgen weniger Stress. So wie die Ameise im Sommer Körner sammelt, kannst du kleine Dinge rechtzeitig erledigen: die Schultasche am Abend packen, die Trinkflasche füllen oder die Sportsachen bereitlegen.
„Heute klug handeln hilft morgen“ heißt auch, sich das Leben leichter machen. Und manchmal gibt es sogar ein gutes Gefühl, zu wissen: Ich habe an später gedacht. Dann kannst man morgen ruhiger starten – und hat trotzdem noch genug Zeit zum Spielen.
PDF-Download der Fabel „Heuschrecke und Ameise“
Zum Ausdrucken gibt es die Fabel „Heuschrecke und Ameise“ auch als kostenloses PDF. Mit wenigen Klicks ist die Geschichte gespeichert und bereit zum Lesen. Perfekt für gemütliche Vorlesemomente zu Hause oder für den Einsatz in Kindergarten und Schule:
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