Das Glücksschwein – eine Klanggeschichte

Lesezeit: 6 Minuten

Das Glücksschwein Geschichte mit Klang für Kinder erzählt von Betina Graf

Im Hausflur roch es nach Pappe, altem Holz und kalter Kellerluft. So roch es immer, wenn im Haus der Keller offenstand.

Lena kam gerade von draußen und trug eine große Tüte mit Pfandflaschen. Die Flaschen klirrten bei jedem Schritt.

Da hörte sie ein Geräusch aus Richtung Keller: Wumm!

„Au!“ rief jemand erschrocken.

Lena blieb stehen. Die Kellerlampe flackerte, als würde sie gleich ausgehen. Lena stellte die Tüte ab und ging langsam die Stufen hinunter.

„Wer ist da?“ rief sie.

„Ich bin’s, Frau Mertens“, sagte die Stimme. „Ich räume unten aus. Und ich hoffe, dass ich nicht unter Kartons begraben werde.“

Als Lena um die Ecke schaute, sah sie Frau Mertens mitten im Chaos. Kisten türmten sich vor ihr, ein grauer Müllsack stand bereit. Auf einem Wäschekorb lagen Bücher, daneben sah sie eine Lichterkette, die aussah wie ein Haufen Spaghetti.

„Sie machen Keller-Aufräumen“, sagte Lena.

Frau Mertens wischte sich Staub von der Stirn. „Keller-Ausmisten. Sehr anstrengend. Sehr staubig. Sehr … überraschend.“

„Soll ich helfen?“

„Wenn du dich mit Spinnen anfreunden kannst.“

„Ich kann mich mit Spinnen nicht anfreunden“, sagte Lena. „Aber ich helfe trotzdem.“

Frau Mertens lächelte. „Das klingt nach einem guten Plan.“

Sie zogen gemeinsam Kartons hervor. Manche waren leicht. Manche hatten diesen Keller-Geruch, der nach „vor Jahren vergessen“ roch. In einer Kiste lag ein einzelner Inlineskate. In einer anderen steckte ein Ladekabel, von dem niemand wusste, wozu es gehörte.

Ein Ball mit wenig Luft rollte davon und blieb gegen einen Farbeimer stehen.

Dann schob Frau Mertens einen kleinen Schuhkarton zur Seite. Dabei kullerte etwas Rundes heraus und machte einen hellen Ton auf dem Boden.

Lena beugte sich vor.

Ein rosa Sparschwein lag da. Aus Keramik. Staubig. Mit einem Ringelschwanz und einem winzigen Grinsen.

Lena hob es vorsichtig auf. Es fühlte sich kühl an. Und schwer.

„Oh wow“, flüsterte sie. „Das ist ja süß.“

Frau Mertens sah das Schwein an und dachte nach. Dann nickte sie langsam, als würde sie einen alten Film im Kopf zurückspulen.

„Ach, das Schwein“, sagte sie.

„Wollten Sie es wegwerfen?“ Lenas Stimme klang aufgeschreckt.

Frau Mertens zuckte mit den Schultern. „Ich sortiere aus. Und ehrlich: Es stand ewig im Regal und später im Keller.“

Lena strich mit dem Daumen über den staubigen Rücken. „Darf ich es haben? Wenn Sie es wirklich loswerden wollen?“

Frau Mertens musterte Lena. Ihr Blick wurde sanft. Dann sagte sie: „Du willst ausgerechnet das?“

„Ja“, sagte Lena sofort. „Es ist rosa. Und es sieht so freundlich aus.“

Frau Mertens nahm das Schweinchen, klopfte dreimal sanft auf seinen Bauch und sagte: „Das ist ein Glücksschwein.“

„Glücksschwein?“ Lenas Augen wurden groß. „Wie … kann es Glück bringen?“

Frau Mertens setzte sich auf eine umgedrehte Kiste. „Setz dich. Ich erzähle dir die Geschichte dazu.“

Lena setzte sich auf den unteren Treppenabsatz. Oben hörte man Schritte, weit weg.

Dann hörte Lena nur noch das leise Flackern der Lampe.

Frau Mertens hielt das Schwein wie etwas Zerbrechliches.

„Als ich so alt war wie du“, begann sie, „gab es in meiner Schule einen Sporttag. Hundert-Meter-Lauf.“

Lena nickte. „Bei uns kommt auch bald das Sportfest.“

„Dann kennst du das“, sagte Frau Mertens. „Kinder stehen am Rand. Manche tun vorher schon so, als würden sie gleich einen Weltrekord laufen.“

Lena grinste. „Das kenne ich!“

Frau Mertens lachte kurz. „Genau. Und ich stand da. Ich hatte Turnschuhe an und ein Bauchgefühl, das mir sagte: Heute wird’s schwierig.“

„Waren Sie schnell?“ fragte Lena.

Frau Mertens hob eine Augenbraue. „Schnell war ich beim Essen. Beim Rennen eher … ohne Turbo.“

Lena musste kichern.

„Der Startpfiff kam“, erzählte Frau Mertens. „Alle rannten los. Ich rannte auch. Wirklich. Ich gab mir Mühe.

Aber meine Beine fühlten sich an, als hätten sie plötzlich Gewichte. Und ich kam total außer Atem.“

Lena spürte, wie ihr Bauch kribbelte. Sie kannte dieses Gefühl.

„Am Ziel standen schon alle“, sagte Frau Mertens. „Ein paar klatschten. Ich wollte am liebsten in den Boden versinken, als ich als Letzte durchs Ziel lief.“

„Das ist echt blöd“, murmelte Lena.

„Ja“, sagte Frau Mertens. „Und dann kam unser Sportlehrer, Herr Kruse. Groß. Pfeife um den Hals. Strenger Blick. Freundliche Augen.“

Frau Mertens lächelte. „Er stellte sich vor mich und sagte: ‘Du bist angekommen. Das zählt.’“

Lena holte einmal tief Luft.

„Dann drückte er mir etwas in die Hand“, fuhr Frau Mertens fort. „Ein kleines rosa Schweinchen. Er sagte: ‘Du hast Schwein gehabt.’“

„Wie ‘Glück gehabt’?“ fragte Lena.

„Ja.“ Frau Mertens nickte. „Und das Schweinchen war mein Trostpreis. Ich stand da mit roten Wangen. Das Schweinchen lag in meinen Händen wie ein kleiner Mutmacher. Ich verstand auf einmal: Ein Tag kann trotzdem gut enden. Auch nach einem letzten Platz.“

Lena sah das Schwein an. Und sie merkte: Das war kein normales Geschenk.

„Später wurde daraus ein besonderes Sparschwein“, sagte Frau Mertens. „Ich nahm es mit nach Hause. Und jedes Mal, wenn ich etwas tat, das Mut brauchte, steckte ich eine Münze hinein.“

„Zum Beispiel?“ fragte Lena.

„Vorlesen, obwohl die Stimme wackelt. Nachfragen, obwohl man Angst hat, dumm zu wirken. Entschuldigen, obwohl es schwerfällt. So wurde es mein Glücksschwein. Es wurde mein Zeichen für Mut. Für ‘trotzdem’.“

Lena druckste herum. Dann sagte sie: „Ich hab auch manchmal Angst. Vor dem Sportfest.“

Frau Mertens nickte, als hätte sie genau das erwartet. „Dann passt das Glücksschwein zu dir.“

„Darf ich es wirklich nehmen?“ fragte Lena.

„Ja“, sagte Frau Mertens.

Lena sah das rosa Schwein an und strich vorsichtig über den Ringelschwanz.

„Warte“, sagte Frau Mertens. „Wir müssen noch die alten Münzen raustun.“

Sie drehte das Schwein um. Unten war ein kleiner Gummistopfen. Frau Mertens zog ihn vorsichtig heraus und hielt das Schwein über eine alte Schüssel.

Erst kam eine Münze. Dann zwei. Dann noch ein paar. Sie kullerten in die Schüssel und klackten gegeneinander.

Sie schob die Schüssel zu Lena.

„Davon kannst du dir etwas Kleines kaufen“, sagte Frau Mertens. „Und ab jetzt fütterst du das Schwein mit deinen eigenen Münzen. Eine nach der anderen.“

Lena nickte und schob die Münzen vorsichtig in ihre Jackentasche.

Sie nahm das Schwein in beide Hände und verabschiedete sich von Frau Mertens. Auf dem Weg nach oben hielt Lena ihr neues Glücksschwein ganz fest, damit es ja nirgendwo anstieß.

Als sie ihre Wohnungstür aufschloss, tastete sie in der Tasche nach einer Münze. Das runde Metall lag warm in ihrer Hand.

Morgen fängt sie an.

Glücksschwein oder Sparschwein?

Das Glücksschwein: Geschichte

Ein Glücksschwein ist ein Zeichen für Glück, zum Beispiel als kleines Schweinchen aus Marzipan.

Ein Sparschwein ist eine Spardose. Viele Sparschweine heißen trotzdem „Glücksschwein“, weil Sparen einem dabei helfen kann, sich später einen Wunsch zu erfüllen.

Was bedeutet „Schwein gehabt“ eigentlich? Wenn jemand sagt: „Du hast Schwein gehabt“, meint er: „Du hast Glück gehabt.“ Woher der Spruch genau kommt, weiß man nicht ganz sicher.

Eine bekannte Erklärung ist: Früher bekam manchmal sogar der Letzte bzw. die Letzte bei einem Wettkampf noch ein Schwein als Trostpreis. Ein Schwein war damals richtig viel wert.

PDF-Download der Klanggeschichte „Das Glücksschwein“

Auch ohne Geräusche lässt sich die Geschichte wunderbar vorlesen – mit kleinen Klangideen wird sie nur noch ein bisschen lebendiger. Wenn Sie „Das Glücksschwein“ lieber in der Hand haben möchten, können Sie diese Klanggeschichte für Kinder hier als PDF herunterladen und ausdrucken:

Das Glücksschwein

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