Im Korallenriff war Unterricht. Zwischen Korallenästen und Seegras wartete die Klasse in einem Kreis. Die kleinen Korallenfische hielten sich mit schnellen Flossenschlägen in Position.
Die Seepferdchen-Lehrerin schwebte heran und stellte eine große Muschel auf einen flachen Stein. „Heute“, sagte sie, „lernen wir etwas, das euch einmal das Leben retten kann.“
Langsam öffnete sie die Muschel.
Drinnen lag eine Perle: rund, hell, glatt. Daneben lag eine kleine Plastiktüte. Das Material faszinierte durch bunte Streifen in Rot, Gelb und Blau. Die Strömung hob die Tüte an, ließ sie wieder sinken, drehte sie ein wenig – und jedes Mal blitzten die Streifen auf.
Der neugierige Korallenfisch stieß vor Begeisterung fast gegen die Muschel. „Das will ich haben!“ rief er und schob sich nach vorn, die Flossen gespannt.
„Stopp!“ Der Putzerfisch schoss dazwischen, so schnell, dass er mit der Schwanzflosse Sand aufwirbelte. Er schlug einmal kräftig auf den Stein, als wäre es ein Gong. Die Klasse zuckte zusammen.
„Das ist kein Schatz“, sagte der Putzerfisch. „Das ist Plastik.“
Der neugierige Fisch blieb stehen, aber seine Augen klebten an den bunten Streifen. „Es sieht so schön aus“, entgegnete er murrend.
Die Lehrerin ließ einen Moment vergehen, bis alle wieder ruhig schwebten. Dann zeigte sie auf die Perle. „Die Perle richtet keinen Schaden an, sie ist ein Stück Natur.“
Dann zeigte sie auf die Tüte. „Die Tüte ist gefährlich! Wenn ein Tier sie frisst, bleibt sie im Bauch. Sie verstopft. Man wird schwach. Man hat Hunger, aber im Bauch ist kaum noch Platz für echtes Futter. Manche Tiere schaffen es dann nicht mehr.“
Ein leises Raunen ging durch den Kreis.
In diesem Moment zog eine stärkere Strömung durchs Riff.
Die kleine Plastiktüte löste sich aus der Muschel, drehte sich wie ein flatternder Geist und trieb direkt auf die Fischkinder zu. Das Glitzern der Tüte zuckte verführerisch, und der neugierige Korallenfisch vergaß für einen Herzschlag alles Gelernte. Er machte einen Satz nach vorn, genau in die Richtung der Tüte.
Die Schildkröte schob sich dazwischen, ruhig, ohne Hast. Sie berührte die Tüte nicht. Sie schlug auch nicht nach ihr. Stattdessen änderte sie mit kleinen Bewegungen die Strömung, bis die Tüte langsam zur Seite trieb.
Mit ruhigen Flossenschlägen lenkte sie das Wasser so, dass die Tüte in eine Felsspalte gedrückt wurde und dort hängen blieb. Für einen Moment blieb die Klasse ganz still.
Der neugierige Korallenfisch senkte den Kopf. „Ich habe nicht nachgedacht.“
„Du hast gelernt“, sagte der Putzerfisch. Die Lehrerin nickte. „Merkt euch: Nicht jedes Glitzern ist ein Geschenk.“
Hinweis: Diese Geschichte ist eine zeitgenössische Fabel. Sie zeigt Kindern auf verständliche Weise, warum Müll im Meer für Tiere gefährlich ist und weshalb man bei auffälligen Fundstücken im Wasser besser vorsichtig bleibt.
Plastik im Meer
Plastiktüten und andere Kunststoffteile treiben oft lange im Wasser, weil sie sich nur sehr langsam zersetzen. Viele Meerestiere verwechseln sie mit Nahrung. Im Bauch kann Plastik den Weg für echtes Futter blockieren – die Tiere werden schwach und krank.
Außerdem können sich Flossen und Hälse in Plastikresten oder Schnüren verfangen. Darum ist es so wichtig, dass Müll gar nicht erst in die Natur gelangt und dass Abfälle unterwegs gut gesichert sind, damit Wind und Wasser sie nicht wieder mitnehmen.
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