Über den Wolken gibt es ein munteres Engelchen-Dorf. Die Häuser sind aus Wolkenstoff, und auf den Wegen glitzern winzige Lichtpunkte.
Dort lebt Engelchen Lio. Lio liebt fröhliche Dinge: Kitzelwolken, Sternenglitzer und am allermeisten Regenbögen. Denn wenn nach einem Schauer die Sonne wieder scheint, spannt sich ein bunter Bogen vom Himmel bis zur Erde hinab. Für Engelchen ist das die beste Rutsche überhaupt!
An diesem Nachmittag war der Himmel grau. Dicke Wolken schoben sich zusammen und wurden immer dunkler.
„Oh“, sagte Engelchen Nela. „Da kommt ein Gewitter.“
Ein heller Blitz zackte über den Himmel.
ZACK!
Lio zuckte zusammen. Und direkt danach rollte der Donner.
RUMM!
Lio hielt sich die Ohren zu. Sein Herz klopfte schnell, und seine Flügel fühlten sich ganz steif an. „Ich mag Donner nicht“, flüsterte er ängstlich.
Nela setzte sich neben ihn auf eine Wolkenbank. „Ich bleibe bei dir. Wir machen etwas, das hilft.“
Wieder ein Blitz. Wieder ein Donner, noch kräftiger.
ZACK!
RUMM!
Nela legte Lio sanft eine Hand auf die Schulter. „Wir zählen nach jedem Donner langsam bis fünf. Und danach suchen wir drei Geräusche: Regen, Blätterrascheln, unser Atmen.“
Lio nickte, da seine Stimme gerade stockte.
Der nächste Donner kam.
RUMM!
„Eins… zwei… drei… vier… fünf“, zählte Lio.
Dann lauschte er. Auf die Wolkenhäuschen plitschte der Regen: plitsch, platsch, plup.
Im Wolkengarten raschelten die Blätter der Sternenblumen. Und da war sein Atmen, erst schnell, dann ruhiger.
„Noch mal“, sagte Nela.
Ein Blitz zuckte. Der Donner folgte.
RUMM!
„Eins… zwei… drei… vier… fünf.“
Lio merkte: Der Donner war kräftig, aber er dauerte nicht lange. Er kam – und er ging wieder.
Der Regen wurde stärker. Er prasselte auf die Erde. Die Wolken schüttelten sich, und ab und zu zuckte ein Blitz.
Nela hielt Lios Hand. „Schau, der Regen ist wie ein Vorhang. Hinter dem Vorhang wartet schon die Sonne.“
Lio blinzelte. „Meinst du?“
„Ja. Gewitter ziehen weiter.“
Ein paar Tropfen sprangen von einer Wolkenkante und funkelten, sobald ein Blitz sie traf. Das sah fast schön aus. Lio erschrak zwar noch, aber er hatte sich schon etwas an Blitz und Donner gewöhnt.
Dann passierte etwas Neues: Das Trommeln des Regens wurde schwächer. Die dunklen Wolken schoben sich zur Seite.
„Guck“, sagte Nela und zeigte an den Rand einer entfernteren Wolke.
Dort entstand ein heller Streifen. Erst war er ganz schmal, dann wurde er breiter. Goldene Strahlen fielen durch eine Lücke.
Die Sonne kam wieder hervor.
Lio atmete tief ein. „Da ist sie!“
Die Tropfen leuchteten und funkelten in der Luft. Der Himmel wurde heller, und die Wolken sahen nicht mehr so schwer aus.
Und dann geschah das Wunder, auf das Lio immer hoffte:
Dort, wo Regen und Sonne sich trafen, entstand ein Regenbogen.
Er reichte von den Wolken bis hinunter zur Erde, klar und kräftig: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett. Er glänzte, als wäre er frisch gemalt.
„Schaut, ein Regenbogen!“, jubelte Lio. Seine Angst war wie weggeblasen, und seine Flügel wippten vor Freude.
Aus dem Engelchen-Dorf kamen alle angeflogen. Engelchen Mina hüpfte auf und ab. Engelchen Taro drehte eine Runde in der Luft. Engelchen Juna rief: „Regenbogenrutsche! Schnell!“
Oben am Regenbogen war eine kleine Startstelle, schön breit und einladend. Der Regenbogen fühlte sich wie ein weiches Rutschpolster an.
„Ich rutsche als Erstes!“, rief Mina.
Sie setzte sich, schob sich ab und sauste los.
Jiiiihuuuu!
Sie rutschte ein wenig schräg hinunter, zuerst über das Rot, flitzte durchs Orange, kitzelte übers Gelb und landete unten in einem Wolkenkissen.
Puff!, machte das Kissen.
Mina lachte so sehr, dass ihr die Haare wackelten. „Noch mal!“
Jetzt standen alle Engelchen an. Juna rutschte im Sitzen, Taro rutschte auf dem Bauch, Nela rutschte ganz elegant, mit ausgebreiteten Flügeln.
Lio schaute auf den Regenbogen. Sein Bauch war noch ein bisschen kribbelig. Dann schaute er zur Sonne. Der Himmel war freundlich. Das Gewitter war weg.
Nela stupste ihn sanft an. „Bist du bereit?“
Lio nickte. „Ja.“
Er setzte sich oben hin. Der Regenbogen fühlte sich angenehm an. Lio spürte ein Kribbeln im Bauch, dann schob er sich vergnügt ab.
Wiiiiiiuuuuuu!
Er rutschte los – und die Farben machten richtig gute Laune.
Rot war warm wie Sonnenstrahlen auf der Haut.
Orange war weich wie Watte.
Gelb war kitzlig wie ein Lachen.
Grün war glitschig wie nasses Gras.
Blau war frisch wie Brause.
Indigo war glatt wie ein Stein.
Violett war flauschig wie Wolkenwolle.
Lio rutschte schneller und schneller. Seine Flügel wippten, und sein Lachen kam ganz von selbst.
Unten landete er im größten Wolkenkissen.
„Puff!“
Lio sprang auf, streckte die Arme hoch und rief: „Das war großartig!“
Nela landete neben ihm und grinste. „Siehst du? Nach dem Donner kam die Sonne. Und danach der Regenbogen.“
Die Engelchen spielten auf der Regenbogenrutsche, bis die Farben langsam blasser wurden. Der Regenbogen blieb noch ein Weilchen am Himmel, dann wurde er dünner und verschwand.
„Morgen hoffentlich wieder!“, rief Mina.
„Ja!“, rief Lio. „Und wenn es zuvor wieder donnert, zähle ich bis fünf. Dann warte ich auf die Sonne.“
Die Engelchen flogen erschöpft vom Spaß zurück in ihr Dorf. In den Wolkenbetten lagen sie weich und warm. Draußen funkelten die Sterne, und Lio hielt den Gedanken an die Regenbogenrutsche fest.
Kurz danach schlief er ein. Mina hörte ein gleichmäßiges „Schnarch… schnarch…“ aus der Decke.
Regenbogen: Farben aus Sonne und Regen
Ein Regenbogen entsteht, wenn Sonnenlicht auf viele Regentropfen trifft. Beim Eintritt in den Tropfen wird das Licht gebrochen, im Inneren gespiegelt und beim Austritt erneut gebrochen. Dabei trennen sich die Farben des Lichts: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo und Violett.
Der bunte Bogen erscheint am Himmel immer auf der Seite, die der Sonne gegenüberliegt, weil das Licht aus den Tropfen in einem bestimmten Winkel zurückkommt. Je nachdem, wie groß die Tropfen sind und wie viele Wolken noch am Himmel hängen, wirkt der Regenbogen kräftig oder blass.
Mitunter taucht außen sogar ein zweiter, schwächerer Bogen auf – dort sind die Farben in umgekehrter Reihenfolge zu sehen.
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