Die kluge Manka und der strenge Richter

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Märchen für Kinder erzählt von Betina Graf

Es war einmal ein armer Schäfer, der lebte mit seiner Tochter Manka am Rand eines Dorfes. Sie wohnten in einer kleinen Hütte, hüteten wenige Tiere und teilten ihr Brot gerecht.

Eines Tages geriet der Schäfer mit einem reichen Bauern in Streit. Zwischen ihren Herden stand eine junge Färse. Jeder behauptete, sie gehöre ihm. Der Bauer ging vor den Richter, denn er wollte die Färse für sich gewinnen.

Märchen: Die kluge Manka, hier der Streit

Der Richter im Dorf saß auf einem hohen Stuhl und schaute streng. „Ich will hören, wer recht hat“, sprach er. „Doch zuerst gebe ich euch Fragen. Wer sie beantwortet, dessen Wort gilt.“ Dann nannte er drei Rätsel: „Was ist das Schnellste? Was ist das Süßeste? Was ist das Reichste?“

Der Schäfer erschrak. Er ging nach Hause und legte die Stirn in Falten. Manka sah es und fragte, was ihn bedrücke. Als sie die Rätsel hörte, nickte sie.

„Geh hin“, sagte sie. „Antworte so: Das Schnellste ist der Gedanke. Das Süßeste ist der Schlaf. Das Reichste ist die Erde, denn sie trägt Korn, Gras und Wald.“

Am nächsten Morgen stand der Schäfer wieder vor dem Richter. Er gab die Antworten genau nach Mankas Rat. Der Richter wurde rot. Der reiche Bauer biss die Zähne zusammen. „Du hast das nicht allein erdacht“, rief der Richter. „Wer hat dich gelehrt?“

„Meine Tochter Manka“, sagte der Schäfer.

„Dann soll sie zu mir kommen“, sprach der Richter. „Ich will wissen, ob ihr Verstand wirklich so scharf ist.“

Bald stand Manka im Gerichtshaus. Der Richter wollte sie beschämen. Er reichte ihr einen Korb mit Eiern. „Bringe mir bis morgen Küken aus diesen Eiern“, befahl er.

Märchen: Die kluge Manka, hier mit Korb mit Eiern

Manka verneigte sich. „Herr Richter“, sagte sie, „dann gebt mir bis morgen ein Kalb aus diesem Sack Korn.“ Sie deutete auf den Sack Korn neben der Tür.

Der Richter fuhr auf. „Das ist unmöglich!“

„Euer Befehl ist es auch“, antwortete Manka.

Da lachte der Richter trotz seines Zorns. Er gab ihr eine neue Aufgabe, noch verworrener: „Komm morgen zu mir. Du sollst weder bei Tag noch bei Nacht kommen. Du sollst weder zu Fuß kommen noch reiten. Du sollst weder bekleidet sein noch nackt.“

Manka ging heim und dachte nach. Am nächsten Morgen, als der Tag begann und die Nacht wich, machte sie sich auf. Sie setzte sich auf eine Ziege und hielt ein Bein auf dem Boden. Um sich warf sie ein Fischernetz. Es deckte sie, doch es war kein Kleid.

Märchen: Die kluge Manka, hier Manka mit Ziege

So kam sie vor den Richter. Der sah sie sprachlos an. „Du hast die Aufgabe erfüllt“, sagte er endlich. „Du bist klug“, sprach der Richter. „Willst du meine Frau werden?“

Manka sah ihn an. „Wenn ihr gerecht sein wollt, so will ich es“, antwortete sie. „Doch merke dir eins“, sprach er, „misch dich nicht in meine Urteile ein!“

Manka zog in sein Haus und hielt Ordnung. Sie kochte, fegte und sorgte für den Hof.

Da begab es sich, dass sich ein Bauer um ein Fohlen kümmerte. Er gab ihm Futter und hielt es im Stall. Ein anderer Bauer sagte: „Das Fohlen gehört mir. Es lief hinter meinem Wagen her. Darum stammt es von meinem Wagen.“

Der Richter nickte, denn ihm gefiel der kühne Spruch. Er wollte dem Mann das Fohlen geben.

Der Bauer, der das junge Fohlen seit seiner Geburt umsorgt hatte, weinte. Er wartete nach dem Gericht vor der Tür; als Manka hinaustrat, bat er sie um Rat. Manka hörte ihn an und sagte: „Geh hinaus auf den Weg. Nimm ein Netz und wirf es auf den staubigen Boden. Tu so, du wolltest Fische fangen.“

Märchen: Die kluge Manka, Bauer fängt Fische mit Netz auf Straße

Der Bauer tat es. Vorüber kam der Richter. „Hast du den Verstand verloren?“, rief er. „Hier gibt es keine Fische!“

Der Bauer antwortete: „Herr Richter, warum soll ich keine Fische fangen, wenn ein Wagen ein Fohlen zeugen kann?“

Da hielt der Richter inne. Sein Gesicht brannte. Er sah die Falschheit seines Urteils. Er gab das Fohlen dem rechten Besitzer und schickte den anderen fort.

Als der Richter nach Hause kam, merkte er, dass Manka ihm geholfen hatte. Er wurde zornig. „Du hast dein Wort gebrochen“, sagte er. „Geh aus meinem Haus. Doch nimm mit, was dir am liebsten ist.“

Manka senkte den Blick. Sie setzte ihm einen Becher mit Trank hin. Der Richter trank und schlief ein. Dann ließ Manka einen Wagen holen, hob den Richter mit Hilfe der Knechte hinein und fuhr zu der Hütte ihres Vaters.

Als der Richter erwachte, lag er auf einem Strohsack. Er sprang auf und rief nach seinen Leuten. Manka trat vor ihn. „Ihr habt mir erlaubt, das Liebste mitzunehmen“, sagte sie. „Das Liebste seid ihr.“

Der Richter senkte den Kopf. „Du hast recht“, sprach er. „Komm, Liebste, lass uns heimgehen.“

Seit jenem Tag, wenn ein kniffliger Fall zu lösen war, sagte er mit Nachdruck: „Wir holen erst meine Frau dazu; sie ist klug, und ich vertraue ihrem Rat.“

Und die Urteile im Dorf fielen gerechter aus als je zuvor.

Hinweis: „Die kluge Manka“ ist eine frei formulierte Neuerzählung nach einem slowakischen Volksmärchen, das in verschiedenen Fassungen überliefert und weitererzählt wurde. Slowakische Fassungen finden sich in klassischen Märchensammlungen, unter anderem im Umfeld von Pavol Dobšinský, die teils online zugänglich sind.

Mut, etwas zu sagen

Märchen aus der Slowakei: Die kluge Manka

Mut, etwas zu sagen, wird gebraucht, wenn etwas ungerecht wirkt oder wenn jemand Hilfe benötigt. In solchen Momenten zählt eine klare Stimme, die bei der Wahrheit bleibt. Mut bedeutet dabei nicht, frei von Angst zu sein. Mut zeigt sich, wenn trotz Unsicherheit gehandelt wird und Worte gefunden werden, die eine Situation verändern können.

Im Märchen steht Manka vor Menschen mit Macht. Trotzdem bleibt sie ruhig, denkt nach und spricht gerade heraus. Dadurch wird sichtbar, dass Klugheit und Wahrhaftigkeit stärker wirken können als Stolz oder Drohungen. Wer sich traut, einen Missstand zu benennen oder um Rat zu bitten, kann dazu beitragen, dass Entscheidungen fairer werden und niemand übergangen wird.

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Kluge Manka

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